Wie viele Rückschläge verkraftet Werder noch?

Bloß kein Opfer sein

Aus all den Widerständen wollte Werder im Pokalspiel gegen Frankfurt eigentlich Motivation schöpfen, doch dann kamen wieder neue Widerstände dazu. Trainer Florian Kohfeldt sagt: „Wir werden weiterkämpfen.“
05.03.2020, 12:34
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Bloß kein Opfer sein
Von Christoph Bähr
Bloß kein Opfer sein

Davie Selke liegt nach einem Zweikampf mit Frankfurts David Abraham am Boden. Leo Bittencourt hilft seinem Teamkollegen.

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Florian Kohfeldt versuchte es immerhin. Werders Trainer machte den einen oder anderen Scherz, bot etwa an, den Anruf anzunehmen, als ein Journalistenhandy klingelte, das vor ihm zur Tonaufnahme auf dem Tisch lag. Er wirkte dabei jedoch eher gequält, während in seinem Gesicht bei der Medienrunde nach dem Frankfurt-Spiel der ganze Ärger und die ganze Enttäuschung über einen wieder mal völlig verkorksten Bremer Abend abzulesen waren. Im Vorfeld der Partie hatte Kohfeldt gesagt, dass all die Widerstände eine zusätzliche Motivation seien. Aus der umstrittenen Absage des Ligaspiels gegen Frankfurt könne seine Mannschaft Kraft für das Pokalspiel ziehen. Da konnte er noch nicht wissen, dass auch das Pokal-Viertelfinale wieder ein paar empfindliche Rückschläge für seine Mannschaft bereithalten sollte. Ein kurioser Elfmeter für den Gegner, die Verletzung Ömer Topraks und letztlich das Ausscheiden. Werder macht vieles falsch, aber vieles läuft auch einfach gegen Werder – so vieles, dass sich die Frage aufdrängt: Wie viele Schläge in die Magengrube können dieses Team und sein Trainer überhaupt noch wegstecken?

Kohfeldt beantwortete diese Frage wie ein Boxer, der taumelt, aber das weiße Handtuch nicht werfen will: „Ich verkrafte das. Ich kämpfe weiter und weiß auch, dass die Mannschaft weiterkämpft.“ Während der Pressekonferenz nach der 0:2-Niederlage bei der Eintracht versprach er einmal mehr den Klassenerhalt: „Wir werden es zu einem erfolgreichen Ende bringen.“ Allerdings gibt es nach wie vor wenig, was diesen Optimismus belastbar rechtfertigt. Auch Kohfeldt wirkte so, als suche er zwanghaft nach Dingen, die ihm Mut machen. Seine Beschreibung des Spiels klang daher gefährlich nach Schönfärberei: „Wir haben in den letzten 20 Minuten noch einmal fünf Hochkaräter. Natürlich fehlen uns Automatismen, aber wir haben ein Chancenverhältnis von 8:3. Kevin Trapp hält zweimal überragend.“

Kohfeldt sieht das Positive

Dass Frankfurts Torwart die Chancen von Davie Selke und Maximilian Eggestein im ersten Durchgang stark vereitelte, stimmt zweifellos. Werder hatte in der Phase immerhin mal wieder Möglichkeiten, nachdem die Offensive in den Spielen davor die pure Harmlosigkeit ausgestrahlt hatte. Für Kohfeldt reichten diese Chancen schon, um festzuhalten: „Ich habe positive Dinge im Offensivspiel gesehen. Wir haben uns in den vergangenen Wochen gar keine Chancen erarbeitet, dieses Mal haben wir sie uns erarbeitet. Und in Berlin machen wir sie dann auch rein.“

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass bei Werder nach dem unglücklichen 0:1-Rückstand durch einen Handelfmeter, der sich nur durch den Videobeweis erkennen ließ, kein richtiges Aufbäumen mehr zu erkennen war. In der zweiten Hälfte war die Offensive wieder ein laues Lüftchen. Aussichtsreiche Angriffe spielte Werder nicht konsequent genug zu Ende, es fehlte der letzte Pass in die Tiefe. Das von Kohfeldt angeführte Chancenverhältnis von 8:3 ist daher sehr optimistisch gerechnet.

Es blieben eher andere Aspekte des Spiels hängen. Die Bremer Standardsituationen waren mal wieder weitestgehend ungefährlich. Mittelstürmer Davie Selke war vorne zu oft auf sich alleine gestellt und seinen Gegenspielern in Laufduellen zumeist unterlegen. Leo Bittencourt zeigte gute Ansätze, agierte aber überhastet, wenn es darauf ankam. Und Milot Rashica, Werders Topspieler der Hinrunde, wurde offenbar vom Abstiegskampf aufgefressen. Seit Wochen ist der Flügelstürmer im Formtief. Traf er im vergangenen Jahr noch aus fast jeder Lage, so fällt er jetzt stets die falsche Entscheidung: Einmal schloss er in Frankfurt zu schnell ab, einmal wartete er zu lange. Kohfeldt sah das Problem aber weniger bei Rashica als bei dessen Teamkollegen: „Wir haben Milot nicht in die Räume gekriegt, wo wir ihn haben wollten. Er konnte sich nicht so gut entfalten. Die Eintracht hat auch enorm aggressiv nach vorne verteidigt.“ Sportchef Frank Baumann hielt fest: „Wir spielen uns nicht weniger Chancen heraus als die anderen Klubs da unten in der Tabelle. Die Chancenverwertung geht uns ab.“

Werders Torflaute aus der Bundesliga, wo der letzte selbst erzielte Treffer Mitte Dezember fiel, setzte sich somit auch im Pokal fort, dabei hatten die Bremer in diesem Wettbewerb in den zehn Partien davor immer mindestens doppelt getroffen. Mit dieser schönen Bilanz ist es nun vorbei, genauso wie mit den Träumen vom Pokalfinale in Berlin. Lange trauern kann Werder deswegen nicht, am Sonnabend steht ein noch wichtigeres Spiel in Berlin bei Hertha BSC an, das im Abstiegskampf einen vorentscheidenden Charakter haben könnte. Dann fehlt der ohnehin harmlosen Offensive auch noch Davie Selke, der wegen einer Klausel in seinem Leihvertrag nicht gegen seinen eigentlichen Arbeitgeber spielen darf. Also setzt Kohfeldt seine größten Hoffnungen in Rashica: „Es wird eine wichtige Aufgabe gegen Hertha sein, für Milot Räume zu finden, um ihn ins Spiel zu bringen.“

Baumann fordert Trotzreaktion

Damit Werder in Berlin etwas holen kann, muss das Spiel aber wohl vor allem gut anfangen für die Bremer, denn der erste Rückschlag wirft die Mannschaft meistens schon um. Das musste auch Frank Baumann zugeben: „Seit Ende November ist es ein großes Problem, dass wir nicht mehr zurückkommen, nicht das nötige Selbstvertrauen aufbringen und unsere Linie verlieren.“ Dafür gebe es aber eine recht simple Lösung, sagte Werders Sportchef weiter: „Das Beste wäre es, nicht in Rückstand zu geraten, sondern in Führung zu gehen. Daran müssen wir arbeiten. Wir müssen jetzt eine Trotzreaktion zeigen und dagegen angehen."

Diese Trotzreaktion wollte Werder eigentlich schon in Frankfurt zeigen. Was dabei herauskam, waren lediglich eine ordentliche erste Hälfte und am Ende eine verdiente Niederlage. Fehlt es der Mannschaft womöglich schlicht an der nötigen Qualität? „Nein“, sagte Frank Baumann bestimmt. „Aktuell finden wir nicht die richtigen Lösungen. Das ist allerdings eher der Situation geschuldet als der grundsätzlichen Qualität oder der Einstellung.“ Die Mannschaft habe die schwierige Situation angenommen. „Sie ist charakterlich in Ordnung und ich bin absolut davon überzeugt, dass es irgendwann Klick machen wird, was die Ergebnisse betrifft“, betonte der Sportchef.

Baumann erinnerte an das Winter-Trainingslager auf Mallorca, in dem der Mannschaft zwei mögliche Szenarien für den Abstiegskampf aufgezeigt wurden. Das eine Szenario sah einen Positivlauf und eine vorzeitige Rettung vor, daraus ist nichts geworden. Das zweite Szenario beinhaltete Abstiegskampf bis zum Ende und immer wieder neue Rückschläge durch Niederlagen, Schiedsrichterentscheidungen und Verletzungen. Es ist eingetreten. „Die Spieler wussten, dass es so kommen kann. Wir müssen Widerstände beseitigen und noch enger zusammenrücken“, sagte Baumann. Eines aber dürfen die Bremer trotz all der Rückschläge nicht tun, das war Florian Kohfeldt sehr wichtig: „Wir sind keine Opfer. Wenn wir uns das einreden, wäre das unser größter Fehler.“

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