Werders Testspieler Kroeten und Iwe

Born in the USA

Zinedine Kroeten und Emmanuel Iwe trainieren seit vergangener Woche als Gastspieler bei Werder. Am Freitag geht ihre Zeit zu Ende. Eine Bilanz.
15.11.2018, 11:05
Lesedauer: 4 Min
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Born in the USA
Von Marc Hagedorn

Das Filmchen ist nett anzuschauen: der junge Mann mit den blonden Haaren und der Kapitänsbinde am Arm, Mittelfeldspieler offenbar, wie er sich gegen drei Gegenspieler durchsetzt und den Ball platziert ins Tor schießt. Derselbe Spieler, wie er sich mit dem Zidane-Trick in der eigenen Hälfte aus einer Unterzahlsituation befreit und dann geschickt das Spiel öffnet. Und ein weiteres Tor, diesmal ein Volleyschuss, technisch anspruchsvoll und sauber ausgeführt. Highlight-Videos nennt man die kurzen Zusammenschnitte, von denen es im Internet zigtausende gibt.

Die beschriebenen Szenen sind Teil einer 2:58 Minuten langen Sammlung. Sie zeigen Zindedine Kroeten aus Minnesota im Norden der USA. Kroeten ist 18 Jahre alt, und sein Trainer sagt im Gespräch mit Mein Werder über ihn: „Er ist einer der technisch besten Spieler, die ich je trainiert habe.“ Sein Trainer heißt Chato Alvarado, er stammt aus Costa Rica, einem fußballverrückten Land. Mit 26 ging Alvarado in die USA, dort ist er heute ein renommierter Nachwuchstrainer, kümmert sich für den Verband um die Sichtung und Ausbildung der größten Talente im Bundesstaat Minnesota. Was ist von Zinedine Kroeten, einem dieser Talente aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, zu halten?

Bei Werder versuchen sie, dies seit zehn Tagen herauszufinden. Zinedine Kroeten und der gleichaltrige Emmanuel Iwe sind noch bis Freitag als Gastspieler bei Werder. Der ehemalige Bundesliga-Profi Thomas Gansauge, heute Trainer und Scout in Chicago, hat die beiden US-Talente nach Bremen vermittelt. Ihr Traum: ein Vertrag als Profifußballer in Europa. Am besten gleich hier in Bremen.

Vorsicht vor der Erwartungshaltung

Bei Werder ist man bemüht, die beiden Gäste so gut es geht von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Es gab eine knappe Mitteilung auf der vereinseigenen Homepage darüber, dass sie gut in Bremen angekommen sind. Aber Interviews und Presseanfragen lässt der Verein nicht zu. Bei Werder geht man sehr behutsam mit dem Thema Talentsichtung um. Aus gutem Grund: Bei Werder spielt ja schon dieser eine junge Stürmer, von dem man so viel Gutes hört, der in der Regionalliga fleißig seine Tore schießt, längst A-Nationalspieler der USA geworden ist und über kurz oder lang auch in Werders Bundesliga-Mannschaft auftauchen soll: Josh Sargent. Die Erwartungen an den gerade einmal 18-Jährigen sind ziemlich hoch. Und jetzt sind da noch diese zwei anderen US-Boys, ist einer von ihnen vielleicht der nächste Josh Sargent?

Zinedine Kroeten und Emmanuel Iwe haben in der ersten Woche und zu Beginn dieser Woche mit Werders U23 trainiert, die letzten paar Einheiten vor ihrer Rückkehr in die USA sollen sie mit der U19 bestreiten. Wie es danach mit ihnen weitergeht, ob sie im Winter noch einmal wiederkommen, ob sie weiter beobachtet werden, oder ob man ihre Namen schon bald wieder vergessen kann, mag im Moment niemand bei Werder verraten. Zu hören ist nur so viel: Athletisch sollen die Jungs schon sehr weit sein, auch mental sollen sie eine bemerkenswerte Reife mitbringen, und Kicken können sie auch. Aber so weit wie Josh Sargent, der ein vielversprechendes Gesamtpaket aus bundesligatauglicher Physis, Technik, fußballerischer Intelligenz und Instinkt mitbringt, sollen sie nicht sein.

Netzwerk in Übersee

Klubs wie Werder haben sich entschieden, den US-Markt intensiver als noch vor ein paar Jahren zu beobachten. Das mag im Falle von Werder mit daran liegen, dass Kaderplaner Tim Steidten, genau wie der ehemalige Cheftrainer Alexander Nouri übrigens, kurzzeitig selbst in den USA gespielt hat und über ein ausgezeichnetes Netzwerk verfügt. Das liegt ganz entscheidend aber daran, dass in den vergangenen Monaten mehrere US-Talente in Europa von sich reden gemacht haben. Timothy Weah zum Beispiel ist der Sohn von Ex-Weltklasse-Stürmer George Weah. Weah Junior, gerade 18, hat den Sprung in die erste Mannschaft von Paris St. Germain geschafft. Der 21-jährige Mittelfeldspieler Keaton Parks spielt bei Benfica Lissabon. Und Verteidiger Matt Olosunde, 20, versucht, sich bei Manchester United durchzusetzen.

Aber man muss gar nicht so weit schauen: In der Bundesliga ist Christian Pulisic, 20, bei Borussia Dortmund längst ein Star, bei Schalke 04 kommt Weston McKennie, 20, regelmäßig zum Einsatz. Und bei Werder vielleicht bald Josh Sargent. A-Nationalspieler sind sie inzwischen alle schon. Außerdem ist ihnen gemein, dass sie die USA als Teenager für ihren Traum, Profifußballer zu werden, Richtung Europa verlassen haben. „Das ist wie im Basketball, nur umgekehrt“, sagt Chato Alvarado, „alle Jungs aus Europa wollen in der NBA spielen, wer es als Fußballer zu etwas bringen will, geht nach Europa.“

Für Werder-Stürmer Aron Johannsson, der selbst in den USA geboren ist, aber in Island und später in Dänemark zum Profi ausgebildet wurde, ein kluger Schritt. In einem kürzlich geführten Gespräch mit Mein Werder sagte Johannsson, der 19 Länderspiele für die USA gemacht und auch bei der WM 2014 in Brasilien gespielt hat: „Als ich in Island in der U11 gespielt habe, da musste der Trainer zwei oder drei Lizenzen haben.“ Und in den USA? „Da sind in den ersten Jahren oft die Eltern die Trainer“, sagt Johannsson.

Fortschritte bei den Trainingsbedingungen

Chato Alvarado kennt das Dilemma, „ja, die Mums and Dads“, sagt er. Ohne sie und ihr Engagement geht anfangs nichts, aber irgendwann sollten Profis die Ausbildung der Talente übernehmen. Und für Alvarado kommt noch etwas dazu: „In Costa Rica haben wir an jeder Ecke Fußball gespielt, jeden Tag. Und sonntags bin ich mit meinem Vater als Zuschauer zu Ligaspielen gegangen. Und hier in Minnesota? Du brauchst immer ein Auto, die Fahrten dauern mindestens 30 Minuten, und außerdem konkurriert Soccer hier mit anderen großen Sportarten: Baseball, Basketball, Eishockey, American Football.“ Aber er sieht Fortschritte: Die Klubs aus der MLS, der US-Profi-Liga, bilden inzwischen Nachwuchs in eigenen Akademien aus.

So können veranlagte Spieler wie Zinedine Kroeten oder Emmanuel Iwe zwischen mehreren Optionen wählen: Europa, MLS oder College bis Anfang/Mitte 20, um dann womöglich doch eine akademische und keine sportliche Karriere zu machen, wenn es für ganz oben nicht reicht. „Es liegt an den Spielern, wie weit sie kommen“, sagt Alvarado, „und an den Möglichkeiten, die sie haben.“ Sie brauchen einen Trainer, der an sie glaubt und für eine qualifizierte Grundlagenausbildung sorgt. Und einen Scout, der sie entdeckt und Türen öffnen kann. Wie bei Zinedine Kroeten und Emmanuel Iwe. Egal, ob sie bei Werder am Ende eine Zukunft haben oder nicht, sagt Alvarado, „die Erfahrung, die sie in Deutschland gemacht haben, ist unbezahlbar. Gelohnt hat es sich so oder so für sie.“ Gleiches gilt für Werder, meint er. Alvarado ist sich nämlich sicher, dass es in den USA noch viele Weahs, Pulisics, McKennies und Sargents gibt. Man muss sie nur suchen und finden.

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