Entwicklungen im internationalen Fußball Brasiliens Markt stellt Europa vor Probleme

Bremen. Werder Bremens Naldo ist nicht der einzige Spieler, den die brasilianische Liga dieser Tage mit viel Geld lockt. Vor dem WM 2014 in Brasilien rüstet die Liga auf - und Stars wie Neymar folgen dem Lockruf nur zu gerne.
08.01.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Brasiliens Markt stellt Europa vor Probleme
Von Thorsten Waterkamp

Belek. Klaus Allofs bemüht in diesen Tagen oft die Ironie. Er sagt, dass die Vereine in Brasilien viel Geld hätten - für die Gehälter ihrer Spieler. Für Ablösesummen aber hätten sie nicht so viel übrig. Er grinst dabei in die Runde. Oder er witzelt, der SC Internacional, der Naldo verpflichten will, verfüge offenbar nicht "über meine Postanschrift hier in der Türkei". Es war seine Antwort auf die Frage, ob ein zweites Angebot, dass Internacional angekündigt hat, mittlerweile angekommen sei.

Es ist noch nicht da, aber der Unterhändler, den der brasilianische Klub vorschickt, scheint hartnäckig zu sein. "Ich weiß, dass er immer Gespräche führen will", sagt Allofs. Dafür aber müsste der Abgesandte erst einmal sein Eintrittsgeld vorzeigen. Allofs hat ihm im ersten Gespräch "eine ganz klare Aussage" mit auf den Weg gegeben: "Wenn es Angebote sind, die in einem Bereich unterhalb einer Summe liegen, die ich ihm genannt habe, dann braucht er sich nicht zu melden." Klaus Allofs pokert in der Causa Naldo, weil er weiß, dass der brasilianische Markt längst mehr Geld hergeben kann, als es Internacional will.

Brasilien hat seine Rolle als wichtigster Exporteur des Weltfußballs reformiert. Es geht längst nicht mehr darum, Talente zu züchten und zu verkaufen, so wie andere Länder mit landwirtschaftlichen Produkten oder mit Hochtechnologie handeln. Sie bleiben im Land - oder werden zurückgeholt. Die Maßstäbe des Welthandels mit Fußballern haben sich verschoben.

Der FC Bayern wendet sich ab

Eines der prominentesten Beispiele für das neue Selbstverständnis des brasilianischen Fußball ist das Ausnahmetalent Neymar. Der 19-jährige Starstürmer vom FC Santos hat seinen Vertrag verlängert, obwohl ihn die Elite des europäischen Fußball-Geldadels verpflichten und bezahlen wollte. Real Madrid und der FC Barcelona aber zogen den kürzeren.

Andere Profis kehren zurück nach Südamerika, wie der Bolivianer Marcelo Moreno, um den einst auch Werder Bremen gebuhlt hatte, aber zunächst von Schachtjor Donezk ausgestochen worden war. Die Ukrainer zahlten zehn Millionen Euro Ablöse und verliehen den Stürmer später für zwei Millionen Euro Gebühr an Werder. Nach einem halben Jahr lösten die Bremer den Leihvertrag wieder auf, Moreno tauchte kurz in der Premier League und schließlich wieder in Donezk auf. Der Preis, den Gremio Porto Alegre angeblich zahlte für den Rückkehrer: umgerechnet sechs Millionen Euro.

Tatsächlich liegen genügend brasilianische Reales in den Kassen der Klubs. Die Ursache liegt in der ökonomischen Entwicklung, die das Land in den vergangenen Jahren unter seinem damaligen Präsidenten Lula da Silva hingelegt hat. Brasilien ist längst über den Status eines Schwellenlandes hinaus - Brasilien ist ein wirtschaftliches und ein politisches Schwergewicht geworden. Die Vergabe der Fußball-WM 2014 (wodurch Sponsoren noch mehr Geld in den Fußball pumpen) und der Olympischen Spiele 2016 an Rio de Janeiro sind schöne Beispiele aus dem Sport für die neue, kraftvolle Rolle Brasiliens.

Zu spüren bekommt das die Alte Welt des Fußballs, Europa muss umdenken. Klaus Allofs ist sich darüber im Klaren. "Brasilien ist ein florierendes, boomendes Land", sagt der Werder-Chef. Deshalb sei nachzuvollziehen, warum diese Entwicklung eingesetzt habe. Die Klubs können mittlerweile Gehälter wie in Europa bieten - was eine Preisspirale auch auf dieser Seite des Atlantiks in Gang setzt.

Die ehemaligen Stamm-Einkäufer aus Europa ziehen aus der "neuen Gesamtsituation" (Allofs) Konsequenzen. Sie wenden sich ab von ihrem klassischen Markt. So wie der FC Bayern München, dessen Manager Christian Nerlinger das Scouting in Brasilien eingestellt hat. Oder wie der Sportchef des VfB Stuttgart, Fredi Bobic. Eine Dienstreise, die den Ex-Profi unter anderem nach Argentinien geführt hatte, brachte vor allem diese Erkenntnis: "Der Markt in Südamerika ist völlig überhitzt. Fertige Spieler kann man schon bei einem Anruf aus Europa nicht mehr bezahlen."

Preistreibend wirkt überdies eine Besonderheit des südamerikanischen Marktes. Dort gelten Fußballer als Handelsware, als laufende Aktien, in die Fondgesellschaften Millionen stecken. In Bremen ist nur zu gut das Feilschen um Carlos Alberto in Erinnerung, dessen Transferrechte zu Teilen bei einer Investmentgesellschaft namens MSI lagen. Ein weiterer großer Spieler auf diesem Segment, das eher modernem Menschenhandel ähnelt, ist der Multimillionär Delcir Sonda. Er steuert neben seiner Supermarktkette auch den Fußball-Investmentfond DIS - als eines von vielen Geschäftsfeldern seiner Grupo Sonda. Ein Invest kann sich - wie im Fall Neymar - lohnen. 2,5 Millionen Euro soll Sonda einst an Neymar und dessen Familie gezahlt haben, er besitzt heute 40 Prozent der Transferrechte. Der Marktwert des jungen Mannes wird auf 30 Millionen Euro geschätzt. Auch bei dem Wechsel Wesleys von FC Santos zu Werder im Sommer 2010 kassierte DIS: 25 Prozent der Ablöse, vermutlich knapp 1,9 Millionen Euro, soll sich Delcir Sonda eingesteckt haben.

Noch ist der Gegenverkehr auf der einstigen Einbahnstraße des Spielerhandels überschaubar, vielfach funktioniert er nur stockend. Beispielsweise bei Naldo, aber auch bei seinem Landsmann Vágner Love von ZSKA Moskau. Auch der hat ein Spitzenangebot aus der Heimat vorliegen, bekommt aber keine Freigabe. Begründung in Moskau wie in Bremen: Die gebotene Ablöse sei "unangemessen" gewesen. Müssen brasilianische Klubs noch lernen, mit der neuen Situation umzugehen? Da lacht Klaus Allofs herzhaft: "Beibringen müssen wir denen das nicht. Die sind mit allen Wassern gewaschen."

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