Die 8500 Fans sorgten für Gänsehaut-Momente Nur die Mannschaft störte

Endlich wieder Fans im Stadion, das sorgte auch in Bremen für große Gefühle. Bis die Mannschaft schon wieder enttäuschte. Immerhin: Das Hygienekonzept funktionierte besser als das Konzept auf dem Spielfeld.
19.09.2020, 20:34
Lesedauer: 2 Min
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Nur die Mannschaft störte
Von Jean-Julien Beer

Bevor alle enttäuscht nach Hause gingen, schien es ein besonders schöner Tag zu werden. Nach den Monaten der Geisterspiele waren endlich wieder Zuschauer im Weserstadion, und während sich auf allen vier Tribünenseiten die 8500 erlaubten Fans ihre Plätze suchten, hatten langjährige Mitarbeiter von Werder Bremen Tränen in den Augen. Gänsehaut machte sich breit, als die Spieler zum Aufwärmen auf den Rasen kamen und lautstark begrüßt wurden. So, „als wären 42 000 hier“, schwärmte Stadionsprecher Arnd Zeigler, der von einem „ganz besonderen Spiel für alle Leute und auch für die Mannschaft“ schwärmte. Dazu schönster Sonnenschein über dem Osterdeich, eine geradezu perfekte Atmosphäre.

Auf dem Weg mit dem Mannschaftsbus zum Stadion erlebte auch Florian Kohfeldt besondere Momente. „Wieder zu einem Stadion zu fahren, wo Fans auf uns warten, war schön“, sagte der Trainer, auch das Einlaufen kurz vor Anpfiff in diese grüne-weiße Arena sei ein tolles Gefühl gewesen. Er wünschte sich, dass in den kommenden Wochen weitere solcher Momente folgen – bezogen auf die Fans auf den Tribünen.

„Pfiffe waren berechtigt“

Als der Ball dann rollte, fühlte man sich im Weserstadion allerdings recht schnell an den legendären Trainer Udo Lattek erinnert, der über die Atmosphäre bei ihm zu Hause im Kölner Stadion einmal sagte: „Da ist immer so eine gute Stimmung, da stört eigentlich nur die Mannschaft.“ So war es auch am Sonnabend in Bremen. Der träge Beginn des Spiels wurde von den Zuschauern noch wohlwollend hingenommen, als dann aber vor der Pause die ersten Gegentore fielen und sich Werder nicht wehrte, war es mit der zuvor so schönen Atmosphäre vorbei. Ein deutliches Pfeifkonzert verabschiedete die Spieler zur Halbzeit in die Kabine. „Die Pfiffe waren berechtigt, wenn du zur Pause zu Hause zurückliegst“, sagte Kohfeldt dazu, „das ist das gute Recht der Fans. Wir sind gerade in einer ganz sensiblen Phase.“

Im Grunde dauert diese Phase schon ein ganzes Jahr, im September 2019, also vor einem Jahr, gelang Werder in der Bundesliga der letzte Sieg vor Zuschauern, damals war es ein 3:2 gegen Augsburg. Danach gewann die Mannschaft erst monatelang nicht mehr daheim und verlor sogar viele Spiele auf geradezu grausame Weise, dann kam die Pandemie - und die Fans konnten nur noch vorm Fernseher, beim Liveticker oder am Radio mitfiebern.

Baumann lobt das Konzept und die Fans

Wie das so ankommt bei den Leuten, wenn man schlecht spielt, konnten die Akteure auf dem Rasen diesmal wieder live hören. Das ist der Vorteil (vielleicht auch ein Nachteil), wenn die Ränge weitgehend leer sind, denn dann sind auch einzelne Rufer sehr deutlich zu hören. „Jetzt mach doch mal schneller!“, „Gott, ist das lahm!“, „Jetzt wehrt euch doch mal!“ – was so alles von den Rängen kommt, klingt wie beim Amateurfußball, war aber dem Geschehen angemessen.

„Es war trotzdem wieder eine gewisse Atmosphäre da“, sagte Manager Frank Baumann nach dem ersten Spiel vor Zuschauern, „das war das Positive an diesem Tag – und auch die Umsetzung des Konzeptes und das Beachten der Vorgaben ist sehr vorbildlich gelaufen. Das zeigt einerseits, dass das Konzept sehr gut war, sich die Fans aber auch sehr vorbildlich verhalten haben.“ Baumann wertete dies als ersten Schritt zur Normalität, „auch wenn es noch nicht die alte Atmosphäre im Wohninvest-Weserstadion war".

So fehlte eigentlich nur eine Mannschaft, bei der es sich auch gelohnt hätte, zuzuschauen. Doch diese Werder-Elf war zum Start der neuen Saison nicht mal den Erwartungen von 8500 Zuschauern gewachsen. „Unser Spiel“, so fasste es Baumann zusammen, „hat sicherlich nicht dazu beigetragen, dass es eine außergewöhnliche Atmosphäre war.“ Historisch war der Tag nur wegen der Fanrückkehr. Nicht wegen des Fußballs.

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