Alle loben Serge Gnabry

Bremens Bester

Werder darf sich freuen: über den aktuell vielversprechendsten Offensivspieler des Landes. Einen Fußballer wie Serge Gnabry hat Werder seit Kevin De Bruyne nicht mehr gehabt.
13.11.2016, 00:00
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Von Marc Hagedorn
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Ein ganz besonderer Spieler: Einen wie Serge Gnabry hat Werder seit Kevin De Bruyne nicht mehr gehabt.

ALEXANDER HASSENSTEIN, Bongarts/Getty Images

Werder darf sich freuen: über den aktuell vielversprechendsten Offensivspieler des Landes. Einen Fußballer wie Serge Gnabry hat Werder seit Kevin De Bruyne nicht mehr gehabt.

Als Serge Gnabry im fernen San Marino groß aufspielte, da waren die Teamkollegen aus Bremen im Mannschaftsbus auf der A1 in Richtung Heimat unterwegs. 5:1 hatten Werders Nicht-Nationalspieler beim Drittliga-Zweiten VfL Osnabrück gewonnen. Es war ein guter Abend für Werder gewesen. Max Kruse hatte sich nach mehrmonatiger Verletzungspause mit zwei Toren zurückgemeldet, und auch Philipp Bargfrede hatte nach fast einem Jahr ohne Fußball ebenfalls sehr gut gespielt.

Aber Werders bester Mann in diesen Wochen war am Freitagabend nicht im Osnabrücker Stadion zum Einsatz gekommen, sondern spielte gut 1100 Kilometer weiter südlich, in Serravalle, beim WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen San Marino. Zum 8:0-Sieg Deutschlands trug Serge Gnabry drei Treffer bei. In seinem allerersten A-Länderspiel. So etwas hatte es seit 40 Jahren nicht mehr gegeben. 1976 hatte ein gewisser Dieter Müller bei seinem Einstand drei von vier deutschen Toren beim 4:2-Erfolg über Jugoslawien erzielt. Sonst haben das überhaupt nur fünf Nationalspieler geschafft, darunter auch Fritz Walter.

Der Blick in die deutsche Fußballhistorie gibt einen Eindruck davon, was Serge Gnabry im Dauerregen von Serravalle geleistet hat. Natürlich hatte der Gegner allenfalls Drittligaformat, und natürlich ist das Toreschießen gegen diese sogenannten Fußballzwerge des Weltfußballs leichter als gegen die Verteidiger in der Bundesliga. In der Fifa-Weltrangliste gibt es nur zehn von 211 Mannschaften, die noch schlechter platziert sind als San Marino. Das weiß auch Serge Gnabry. „Das war ein Gegner, der jetzt nicht gerade Italien ist“, sagte Gnabry, „da wird es am Dienstag gegen Italien sicher schwieriger. Daher denke ich, dass man jetzt nicht zu viel daraus machen sollte.“

So einen wie Gnabry hatte Werder seit De Bruyne nicht mehr

Die Bescheidenheit ehrt Serge Gnabry. Aber wer das Profigeschäft kennt, wer weiß, dass dieses Business von Stars und Sternchen und von immer neuen Sensationen lebt, der weiß auch, dass Gnabry jetzt eine der spannendsten Wetten auf die Zukunft ist. Wie gut kann der Mann mit den blonden Locken noch werden? In Bremen sind sie sich sicher: noch besser. „Ich bin davon überzeugt, dass Serge weiter hart arbeiten wird“, sagt Werders Sportchef Frank Baumann.

Wenn man so will, dann hatte der Gnabry-Auftritt in San Marino gleich mehrere Gewinner: Serge Gnabry selbst, der eindrucksvoll Werbung für sich und weitere Einsätze im Nationalteam gemacht hat; Bundestrainer Joachim Löw, der nun noch einen Zauberfuß mehr im Aufgebot hat, der nicht nur Chancen herausspielt, sondern auch abschließen kann. Und Werder darf sich freuen: über den aktuell vielversprechendsten Offensivspieler des Landes. Einen Fußballer wie Gnabry hat Werder seit Kevin De Bruyne nicht mehr gehabt.

Sollte Thomas Müller nach dem Spiel im Dauerregen von Serravalle doch ruhig sagen: „Das Spiel wird nicht in der Highlightliste meiner Karriere stehen.“ Für Serge Gnabry gilt das nicht. „Beim Debüt drei Tore zu schießen, das hätte ich mich heute Morgen nicht getraut zu träumen. Das war ein super Einstand“, sagte Gnabry. San Marino hin, San Marino her. „Unabhängig vom Gegner muss man die drei Tore erstmal erzielen“, sagte Frank Baumann.

Lob von Löw

Der Bundestrainer sah es ähnlich. „Die drei Tore sind eine tolle Sache und gut für seine Entwicklung. Egal, gegen welchen Gegner sie erzielt wurden“, sagte Löw. Er habe schon im Training gesehen, dass „Serge sehr gefährlich und gut im Abschluss ist“. Drei Tore bei sieben Torschüssen sind eine sehr gute Quote, auch vor dem Hintergrund, dass erfahrene Spieler wie Müller, Mario Gomez und Mario Götze in San Marino ohne Treffer blieben. „Serge hätte ruhig eines abgeben können von seinem Dreierpack“, scherzte Götze, der mehrmals vergeblich versucht hatte, selbst zu treffen.

Sechs Treffer bei den Olympischen Spielen, die Silbermedaille und der Titel des Torschützenkönigs in Rio de Janeiro haben Gnabry verändert. „Olympia“, sagt er, „Olympia war für mich ausschlaggebend dafür, dass es überhaupt so weit gekommen ist. Davor war es schwer für mich. Ich hatte keine Spielzeit. Jetzt ist das anders. Ich fühle mich körperlich gut und hoffe, dass es so weitergeht.“

Davor, das war die Zeit beim FC Arsenal in London. Ob er verkannt worden sei, etwa von Arsenals Trainer Arsène Wenger, wurde Gnabry nach seinen drei Toren gefragt. Die Antwort fiel ein wenig ausweichend aus: „Ich weiß, was ich kann, wenn mein Körper mitmacht und ich meine Spielzeit bekomme. Das ist jetzt das Ergebnis.“ Zu diesem Ergebnis zählen auch vier Tore für Werder in neun Bundesligaspielen.

Auf den Spuren von Fritz Walter

Drei Treffer in San Marino, damit hat Gnabry jetzt so viele Tore wie Felix Magath, der dafür 43 Länderspiele brauchte, und Olaf Thon, bei dem es sogar noch zehn Spiele mehr waren. Aufgrund des Gegners sind das Zahlenspiele. Andererseits hat aber ein Julian Draxler auch schon gegen hoffnungslos unterlegene bis schwache Gegner gespielt. Der Wolfsburger, der die Länderspielreise wegen einer Verletzung verpasste, steht nach 27 Einsätzen aber auch erst bei drei Toren.

Es sind die Ruhe und Präzision im Abschluss, die Serge Gnabry derzeit auszeichnen. Schnell ist er ohnehin, die Technik stimmt, er kann auf allen Positionen in der Offensive eingesetzt werden. In Serravalle war es das linke Mittelfeld, für das Löw den Bremer vorgesehen hatte. „Der Trainer hat gesagt, dass ich mit Selbstbewusstsein agieren und frech spielen soll“, berichtete Gnabry und schlussfolgerte, „ich denke, das ist mir gut gelungen.“ Für Julian Draxler ist er nun ein echter Konkurrent. Und auch für die beiden Dortmunder Marco Reus und André Schürrle, die ebenfalls verletzt oder wegen Trainingsrückstands fehlten, müssen sich darauf einstellen, dass es da jetzt einen Werder-Profi gibt, der ihnen Einsatzzeiten streitig machen will.

Die Nationalmannschaft und ihr Einstiegsritual

Wenn Gnabry bei Werder so weitermacht, dann wird er im März wieder bei der deutschen A-Elf sein, wenn das Jahr 2017 mit einem Testspiel gegen England und dem WM-Qualifikationsspiel in Aserbaidschan beginnt. „Wir haben viele Jungs dabei, bei denen man seit Monaten sieht, was sie für ein Potenzial haben. Dementsprechend froh sind wir im deutschen Fußball über das, was wir noch alles in der Hinterhand haben“, sagte Müller über Gnabry und den Leverkusener Benjamin Henrichs, der als rechter Außenverteidiger ebenfalls eine ansprechende Premiere gefeiert hatte.

Die Sitten in der Nationalmannschaft wollen es, dass die Debütanten nach dem Spiel vor den Kollegen im Hotel eine Rede halten oder ein Lied singen. Die Sitten wollen es aber auch, dass keine Einzelheiten an die Öffentlichkeit gelangen, es sei denn, der Betroffene erzählt selbst davon. Das wird Serge Gnabry in den kommenden Tagen vermutlich tun. Es wird so schnell nicht ruhiger werden um ihn.

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