Interview: Bovenschulte vor dem Saisonfinale

„Köln putzen und für Union beten“

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) spricht im Interview mit dem WESER-KURIER über seine Werder-Gefühle, das Sponsoring durch regionale Unternehmen und das knallharte Auftreten des Profifußballs.
26.06.2020, 12:46
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
Von Jean-Julien Beer und Christoph Sonnenberg
„Köln putzen und für Union beten“

"Von Werder habe ich mich zu keinem Zeitpunkt unter Druck gesetzt gefühlt": Der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit den Chefreportern Christoph Sonnenberg (links) und Jean-Julien Beer im Rathaus.

Christina Kuhaupt

Herr Bovenschulte, Ihr bayerischer Kollege Markus Söder hat Sie als „glühenden“ Werder-Fan bezeichnet, weil Sie mit Verweis auf die Wettbewerbsgleichheit den Re-Start der Bundesliga eine Woche nach hinten verschieben wollten. Sind Sie Werder-Fan?

Andreas Bovenschulte: Ich bin nicht in allen Fragen mit Markus Söder einer Meinung, aber da hat er recht: Ich bin großer Werder-Fan. Mit meiner Haltung in der damaligen Diskussion hatte das allerdings überhaupt nichts zu tun. Ich war unabhängig von der Sympathie für Werder der Auffassung, dass die Profis sich zwei Wochen lang im Mannschaftstraining auf die Liga-Spiele vorbereiten sollten. Zumal, so munkelte man, sich ja nicht alle Mannschaften in der Zeit davor an die Regel gehalten haben, nur in Kleingruppen zu trainieren.

Polizeikosten-Streit, die kritische Haltung zu Geisterspielen – viele hätten in der Bremer Politik keine Werder-Fans vermutet. Frank Baumann hat gar gesagt, sie würde Werder Knüppel zwischen die Beine werfen.

Die Bremer Politik hat für einen fairen Wettbewerb gekämpft. Deshalb hat Frank Baumann ja auch gesagt: „Sich als kleines Bundesland gegen die Großen zu stellen, das ist nicht ganz so leicht. Das ist etwas, das wir grundsätzlich auch für unsere Mannschaft nutzen können.“ Die Frage der Polizeikosten hatte nichts mit Kritik an Werder zu tun. Da ging es um die Bewertung von Risikospielen und die Rolle der DFL dabei.

Seinen Fußballverein sucht man sich in jungen Jahren aus, Sie kommen aus der Nähe von Hannover. Welcher war Ihr erster Klub?

Hannover 96. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Spiele im Niedersachsenstadion. Wir sind mit einem Nachbarn hingefahren, der das Radio so eingestellt hatte, dass man Polizeifunk hörte. Das hat mich als Junge total begeistert, zu Beginn wahrscheinlich mehr als das Spiel. Damals war ich 96-Fan, das gehörte sich so. Als ich 1987 nach Bremen kam, hat sich das geändert. Werder war mir sofort sympathisch.

Was für ein Fan-Typ sind Sie?

Kein Fanatiker, der die Aufstellungen von links nach rechts aufsagen kann und alles über die Taktik weiß. Als ich nach Bremen kam, war ich eher unregelmäßig im Stadion. Später war ich stolzer Dauerkartenbesitzer. Besonders die Spiele in der Champions League waren echte Erlebnisse. Als die Kinder klein waren, gab es eine Pause. Jetzt haben wir uns als Familie wieder zwei Dauerkarten gekauft – und werden auch daran festhalten.

Haben Sie angesichts der brisanten sportlichen Situation Werders Geisterspiele im Fernsehen verfolgt?

Das letzte Spiel in Mainz ja, einige davor auch, aber nicht jedes. Zweimal habe ich die Radiokonferenz gehört, weil ich im Auto unterwegs war. Den Sieg gegen Paderborn, der mich damals sehr beflügelt hat, habe ich bei meinem Bruder in Lippstadt gesehen, ganz in der Nähe von Paderborn.

Wie geht es Ihnen mit dem drohenden Abstieg?

Fußball ist die schönste Nebensache der Welt, dabei bleibt es. Fußball ist wichtig, aber es gibt wichtigere Fragen. Trotzdem: Lange habe ich die Situation rational betrachtet, nach der Niederlage in Mainz hat´s mich dann eingeholt. Das hat mir die Stimmung richtig verhagelt, und zwar so, dass ich einige Zeit brauchte, um mich da herauszuholen.

Unterscheidet sich da der emotionale Fan Bovenschulte vom Bürgermeister Bovenschulte?

Das fließt ineinander, die Fansicht und die Bürgermeistersicht. Beim Spiel gegen Mainz wurde ja noch nichts entschieden, da war eher der Gedanke, dass man Werder so nicht sehen will, dass man Werder wieder so wie früher haben will. Ich denke, so geht es vielen: Werder gehörte nie zu den europäischen Spitzenklubs, die die Champions League gewinnen konnten. Aber es gab viele Jahre, in denen man in jedem Spiel die Hoffnung haben durfte, dass es gut ausgeht, egal gegen wen. In dieser Saison hatte dieses Gefühl keine reale Grundlage mehr. Das muss wieder neu aufgebaut werden. Meine Hoffnung ist natürlich, dass dieser Neuaufbau doch noch in der 1. Liga erfolgen kann.

Werder hat stets davon gelebt, dass die Menschen in Bremen sehr emotional mit dem Verein verbunden sind. Jetzt ist diese spezielle Unterstützung aufgrund der Corona-Folgen nicht möglich. Sinken dadurch die Chancen auf den Klassenerhalt?

Vielleicht ein bisschen, aber für die Mehrzahl der Fans gilt: Es gibt keinen Abgesang vor dem letzten Spieltag. Das ist auch meine Haltung. Am Samstag kann es deswegen nur heißen: Hintern zusammenkneifen, Köln putzen und für Union Berlin beten.

Wie schauen Sie das Spiel gegen Köln?

Am Wochenende bin ich mit Freunden beim Wandern, das ist schon lange geplant. Aber wir werden eine Gelegenheit finden, das Spiel zu gucken, ganz sicher.

Gibt es irgendwelche Notfallpläne der Stadt Bremen für einen Werder-Abstieg?

So lange es noch eine Chance gibt, den Abstieg zu vermeiden, muss man alles dafür tun, dass er nicht eintritt. Erst wenn es doch passiert ist, muss man sich darum kümmern. Dass der Verein selbst aus Lizenzgründen einen Plan B haben muss, ist klar. Das sind Werders Aufgaben. Dass wir uns bei einem Abstieg ebenfalls Gedanken machen müssten, ist auch klar. Aber ich glaube weiter daran, dass dieser Fall nicht eintritt und möchte deshalb nicht über ungelegte Eier reden.

Man kann in jedem Fall sagen, dass Werder in einer Krise steckt. Würden Sie sich wünschen, dass diese kritische Situation dazu führt, dass sich mehr Bremer Unternehmen bei Werder engagieren und der Verein auch daraus neue Stärke gewinnt?

Ich hoffe nicht, dass es dazu der Krise bedurfte und gehe davon aus, dass unsere Unternehmen auch bislang schon hinter Werder standen. Aber wenn die jetzige Situation dazu führt, dass sich dieses Engagement noch verstärkt, zum Beispiel beim Sponsoring, würde ich das sehr begrüßen. Denn es ist nun mal wahr: Geld schießt zwar keine Tore, aber es hilft ungemein dabei. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Budget eines Vereins und seinem Tabellenplatz, das belegen viele Statistiken, auch wenn natürlich Ausnahmen die Regel bestätigen. Deshalb braucht man als Fußballverein eine gute finanzielle Basis, wenn man oben mitspielen will. Auch wenn das ein wenig dem romantischen Gefühl von Fußball widerspricht: Das ist nun mal die Wahrheit im Profifußball.

Sie haben durch die Corona-Krise einen anderen Kontakt zu diesem Profifußball bekommen. Die Bremer Sportsenatorin Anja Stahmann beklagte den Druck, der von der Liga ausgeübt wurde, um den Ball schnell wieder rollen zu lassen. Haben auch Sie ein neues Bild vom Profifußball gewonnen?

Nein, nicht wirklich. Ich hatte schon vorher kein gutes Bild von der DFL, und das hat sich durch die Krise auch nicht geändert.

Warum hatten Sie schon vorher kein gutes Bild?

Wie die DFL sich zum Beispiel verhalten hat in der Auseinandersetzung um die Polizeikosten für Risikospiele, das ist für mich bis heute nicht nachvollziehbar. Dass eine so reiche Liga nicht irgendwann gesagt hat: Wir können das nachvollziehen, wir haben sehr ordentliche Einnahmen und produzieren durch die Risikospiele zugleich besondere Kosten für die Allgemeinheit – lasst uns einen Fonds einrichten, aus dem wenigsten ein Teil der Polizeieinsätze bezahlt werden kann. Damit hätte man einen vernünftigen Kompromiss gehabt. Das wäre bei vielen Menschen sehr gut angekommen. Die DFL aber hat offenbar einfach gedacht: Wir müssen das nicht, also machen wird das auch nicht. So nach dem Motto: Uns kann keiner – und wir haben auch die gesellschaftliche Macht, uns der Diskussion zu verweigern. Was Werder betrifft, gab es zu keinem Zeitpunkt ein belastetes Verhältnis. Ich habe mich auch zu keinem Zeitpunkt von Werder unter Druck gesetzt gefühlt, um das auch einmal deutlich zu sagen.

Bei den Polizeikosten hat die DFL versucht, stur zu bleiben, was letztlich nicht funktioniert hat. Bei Corona war die Liga plötzlich auf das Wohlwollen der Politik angewiesen. Haben Sie bei der Ligaspitze Demut gespürt?

Nein, die DFL-Vertreter sind knallhart. Die kalkulieren genau, wie viel sie machen müssen – und machen dann auch nicht einen Deut mehr. Die sind mit den derzeit einflussreichen Vereinen in Deutschland verbandelt und bestimmen, wo es lang geht. Und natürlich hat die DFL erhebliche politische Macht, und die setzt sie auch ein. Nicht unbedingt auf offener Bühne. Aber man sieht es dann am Ergebnis.

Könnte sich das nur ändern, wenn der Fan sich von diesem Fußball abwendet und weniger Geld zirkuliert?

Um es klar zu sagen: Mein Ziel ist nicht, dass der Fan sich vom Profifußball abwendet. Mir geht es darum, dass auch hier, wie in allen Branchen, Maß und Mitte gewahrt werden. Es ist ganz normal, dass wirtschaftliche Betriebe wie die Bundesliga Geld verdienen wollen – aber bitteschön, ohne das große Ganze und das Gemeinwohl aus dem Blick zu verlieren. Mir geht es um Reformen nicht um Revolution.

Große Teile der Bevölkerung waren nicht begeistert, dass der Profifußball mit Geisterspielen wieder loslegen wollte und durfte. Gehen Sie davon aus, dass die Bundesliga fortan kritischer gesehen wird?

Temporär sicherlich. Das zeigen auch die Meinungsumfragen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie lange das anhält, glaube aber schon, dass viele Leute nun erkannt haben, welch Geistes Kind die DFL ist. Auch was die Gnadenlosigkeit angeht, mit der sie ihre Interessen durchsetzt. Es kann natürlich sein, dass das schnell wieder vergessen wird, wenn es irgendwann wieder einen normalen Spielbetrieb gibt.

Bremen ist in Folge des Polizeikostenstreits stark ins Abseits geraten. Der DFB hat schnell entschieden, dann eben keine Länderspiele mehr im Weserstadion auszutragen. Arbeiten Sie daran, das zu ändern – oder muss man das als Stadt Bremen so hinnehmen?

Das muss man nicht hinnehmen, sondern man muss vom DFB immer wieder verlangen, dass er diese willkürliche und ungerechte Strafmaßnahme zurücknimmt. Wir waren unterschiedlicher Meinung in der Polizeikostenfrage und dann hat der DFB gesagt: Ihr habt gewagt uns zu kritisieren und jetzt bekommt ihr eins auf den Deckel. Es ging bei dem Länderspiel ja gar nicht um ein Risikospiel, es ging nur darum zu zeigen: Ihr in Bremen habt aufgemuckt, jetzt kriegt ihr die Quittung. Das war die Haltung des DFB. Und da muss man klar sagen: Diese Haltung ist nicht akzeptabel. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass auch der DFB das erkennt. So kann man einfach nicht miteinander umgehen.

Würden Sie sich denn umso mehr über Werders Klassenerhalt freuen, weil dann bei der DFL-Spitze und beim DFB nicht schadenfroh nach Bremen geschaut werden kann?

Nein. Wenn Werder den Klassenerhalt schafft, freue ich mich riesig. Und dann denke ich ganz gewiss nicht an die DFL oder den DFB.

Glauben Sie denn, dass in der DFL-Spitze Schadenfreude herrschen würde?

Ganz ehrlich: Die DFL ist ein seelenloser Machtapparat. Ob Werder in der ersten Liga dabei ist oder nicht, das interessiert die nicht. Da reicht´s nicht mal zur Schadenfreude.

Das ist aber eine sehr kühle Sichtweise auf den Fußball.

Auf die DFL, nicht auf meinen Verein Werder Bremen.

Werder ist einer der 36 DFL-Klubs, also Teil davon.

Ja, Werder ist ein kleiner Teil davon, aber man muss unterscheiden: Das eine sind die Vereine, das andere ist die DFL. Die 36 Vereine sind ja nur auf dem Papier gleich, das sagt nichts über die tatsächlichen Machtverhältnisse aus.

Was passiert denn, wenn Sie am Wochenende auf Wandertour sind und Werder erreicht die Relegation? Wird dann überhaupt noch weiter gewandert?

Das mit dem Wandern wäre dann möglicherweise vorbei. Ich wüsste nicht, ob wir dann noch aus dem Wirtshaus rauskämen. Ehrlich gesagt: Ich würde liebend gerne die Probe aufs Exempel machen.

Das Gespräch führten Christoph Sonnenberg und Jean-Julien Beer.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+