Die Taktik-Analyse zum Remis in Frankfurt Bremer Widerstand bis zum Schluss

In einem der schwersten Auswärtsspiele der Saison zeigt sich Werder gegen Eintracht Frankfurt spielerisch zwar nicht immer auf der Höhe, aber eben auch ganz besonders widerstandsfähig und effizient.
07.10.2019, 13:50
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel

Werder-Trainer Florian Kohfeldt nahm lediglich eine personelle Veränderung im Vergleich zum Remis in Dortmund vor: Der leicht angeschlagene Michael Lang erhielt eine Pause, dafür kam Milos Veljkovic zu seinem Saison-Debüt. Theo Gebre Selassie rückte auf seine Position rechts in der Abwehrkette, in der sich Veljkovic, Christian Groß und Marco Friedl einreihten. Davor übernahm Nuri Sahin die Sechser-Position, Maximilian Eggestein und Davy Klaassen bekleideten die Halbpositionen. Josh Sargent und Milot Rashica starteten als Flügelangreifer, Leo Bittencourt im Zentrum.

Frankfurt begann, wie nicht anders zu erwarten, mit viel Druck und Körperlichkeit. Die Gastgeber rückten mit ihrer Dreierkette sehr hoch bis zur Mittellinie auf, das Spiel verlagerte sich damit von Beginn an fast ausschließlich in die Bremer Hälfte. Dem etwas unkonventionellen Frankfurter Spielaufbau wollte Kohfeldt mit einem 4-3-3 begegnen, in dem Sahin zunächst vor der Abwehr und hinter den Achtern absichern sollte, während die Flügelangreifer sich um die maximal breit stehenden Halbverteidiger der Eintracht kümmern mussten. Bittencourt hatte die undankbare Aufgabe, Hasebe anzulaufen. Er musste in der Regel in Unterzahl Meter machen, weil entweder Sebastian Rode oder Djibril Sow abkippten und so die 2:1-Überzahl gegen Bittencourt leicht ausspielen konnten.

Werder empfing den Gegner bis auf wenige Situationen erst ab Höhe der Mittellinie und wollte dann Zugriff herstellen. Das gut getimte Einrücken der Schienenspieler Filip Kostic und Danny da Costa, die Bewegungen von Daichi Kamada, der sich immer wieder anbot, und die ballsicheren Sechser gestatteten Bremen aber kaum gute Ballgewinne. Ganz im Gegenteil: Frankfurt schaffte es am Flügel mit kurzen Doppelpässen oder Hinterlaufen immer wieder, sich Raum zu verschaffen und nutzte diesen dann, um in die Mitte zu ziehen oder für Flanken. Die meisten davon bekam Werder ganz gut verteidigt, wenngleich da schon zu erahnen war, dass die Eintracht in der Luft trotz des Ausfalls von Bas Dost stets gefährlich war.

Kohfeldts Umstellung

Der eigentliche Grund für die deutliche Überlegenheit der Gastgeber war aber das starke Gegenpressing. Wie Magnete zogen Rode und Sow die Bälle rund um den Bremer Strafraum an, phasenweise konnte sich Werder kaum mal kontrolliert befreien und sah sich permanentem Druck ausgesetzt. Nachdem Jiri Pavlenka einen Kamada-Schuss an die Latte gelenkt hatte, stellte Kohfeldt um und zog Sahin gegen den Ball in die Abwehrkette zurück. Werder agierte also in einem 5-2-3 gegen den Ball. Sahin orientierte sich direkter zu Goncalo Paciencia. Dazu hatten die Bremer nun einen Spieler mehr zur Verfügung, um die einrückenden Kostic oder da Costa am jeweils zweiten Pfosten aufzunehmen. Dazu kam die Option, über die Dreierkette das Spiel nun auch anders zu eröffnen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Werder auf das hohe Zustellen des Gegners fast nur mit langen Schlägen aus der Abwehr geantwortet und seine eigentlichen Pläne kaum umgesetzt bekommen. Nach Ballgewinnen sollten die Flügelangreifer das hohe Aufrücken von da Costa und Kostic sowie das Nachrücken der Halbverteidiger nutzen und sofort den Raum in deren Rücken auf den Flügeln ansteuern. Um sich aus dem Pressing der Gastgeber zu lösen, rückte der ballferne Achter etwas ein, sodass er aus der offenen Stellung mit einem dynamischen ersten Kontakt schnell hinter die Sechser des Gegners kommen konnte. Das wurde schon vor Eggesteins frühem Pfostenschuss umgesetzt und war nun häufiger zu sehen. Und: Mit diagonalen Läufen von Rashica und Sargent gegen die Mannorientierungen der Frankfurter Halbverteidiger sollte für Bittencourt Raum freigezogen werden.

Die Führung entstand nach einer schnellen Verlagerung aus dem viel zu ungeordneten Frankfurter Pressing heraus. Die Eintracht agierte in der Szene ohne Absicherung der Sechser, die sich an den Gegenspielern orientierten und den Raum vergaßen und wurde von Werders Angriff förmlich überrollt. Der einen Moment lang orientierungslose Martin Hinteregger machte zudem die Innenbahn für Sargent auf. Ebenfalls bemerkenswert war das zögerliche Rückwärtspressing der Gastgeber: Obwohl irgendwann fünf Frankfurter Spieler im Strafraum waren, bekam Werder in neun Sekunden vier Mal die Chance zum Abschluss. Werder hatte in der Folge zwar immer noch nicht viel Ballbesitz, konnte die Partie bis zur Pause aber deutlich entschleunigen und damit beruhigen.

Die Offensivstruktur geht verloren

Wenige Sekunden nach Beginn der zweiten Halbzeit wurde schon die Stoßrichtung klar, in der es quasi bis zum Schlusspfiff weitergehen sollte: Almamy Toure spielte auf seiner rechten Seite neben da Costa immer mehr eine Art verkappten Flügelangreifer und die Eintracht verlegte sich dadurch noch deutlich mehr als in der ersten Halbzeit auf Angriffe über die rechte Seite. Eine Hereingabe nach der anderen segelte in den Bremer Strafraum, erst scheiterte Paciencia an Pavlenka, dann schaufelte Kamada drüber. Frankfurt wurde in der Luft immer gefährlicher, die Kombination Toure-Paciencia gab es gleich einige Male zu sehen.

Initiiert wurden die Frankfurter Angriffe immer wieder durch Hasebes schlaues Ausweichen. Der Japaner war für die Bremer Angreifer kaum zu pressen, bewegte sich in einen Halbraum, um dann entweder anspielbar zu sein und anzudribbeln oder aber den fernen Halbraum für Rodes oder Sows Abkippen zu öffnen. Werder bekam deshalb noch weniger Druck auf den Ball als schon in der ersten Halbzeit.

Werders ganz großes Problem war aber mal wieder nicht das Verhalten gegen den Ball in der Restverteidigung oder im Anlaufen, wenngleich die Mannschaft da alle Hände voll zu tun hatte. Es waren eher die Momente, in denen die Bremer selbst den Ball hatten. Werder verlor seine Struktur im Offensivspiel, spielte kaum noch kontrolliert und über kurze, diagonale Zuspiele nach vorne - sondern fast nur hektisch, vertikal und hoch. Für Frankfurt war das vergleichsweise leicht zu verteidigen, der verlorene Ballbesitz bedeutete automatisch die nächste Angriffswelle der Gastgeber. Frankfurt sammelte Eckball um Eckball und Flanke um Flanke, am Ende waren es sagenhafte 49 Hereingaben, die Werder zu insgesamt 39 klärenden Aktionen allein im eigenen Strafraum zwangen. Beides waren mit weitem Abstand Rekordwerte für diese Saison.

Frankfurt wird müde

Kohfeldt brachte gut 20 Minuten vor dem Ende erst Benjamin Goller für Sargent, um noch etwas mehr Geschwindigkeit beim Umschalten zu haben und im Anlaufverhalten wieder dynamischer zu werden. Ganz langsam wurde auch die Eintracht etwas müder, was sich in einigen kleinen Momenten gerade im Gegenpressing zeigte. Die Gastgeber waren jetzt immer mal wieder einen Tick zu spät dran, Werder konnte sich etwas befreien. Fünf Minuten vor dem Ende kam Philipp Bargfrede für Bittencourt ins Spiel und reihte sich neben Eggestein auf der Doppel-Sechs ein, Klaassen ging dafür auf die Zehn.

Eigentlich hatte Werder die Partie zu diesem späten Zeitpunkt wieder deutlich besser im Griff, kassierte dann - natürlich nach einer von Hasebe initiierten Angriffsaktion, einer Flanke von rechts und einem Kopfball von Paciencia - den Gegentreffer. Wobei auch da das Verhalten in der Restverteidigung schlecht war: Veljkovic spekulierte anders als Torschütze Andre Silva nicht auf den Abpraller und blieb einfach stehen.

Wie widerstandsfähig die Bremer Mannschaft derzeit ist, zeigte sich nur Momente nach der vermeintlichen Entscheidung. Hasebe rutschte erst ein problemlos zu verteidigender Verzweiflungsschlag von Pavlenka durch, danach grätschte Frankfurts bester Spieler unnötigerweise am eigenen Fünfmetereck. Rashica nahm das doppelte Geschenk an und sicherte Werder doch noch das Remis.

Unter dem Strich war es ein überaus glücklicher Punktgewinn gegen einen phasenweise bärenstarken Gegner. Werder blieb gerade in der zweiten Hälfte spielerisch teilweise deutlich unter seinen Möglichkeiten und hatte auch in der Defensive Probleme. In Zahlen ausgedrückt heißt das: 11:25 Torschüsse, 6:39 Flanken, 1:10 Eckbälle und nur 38 Prozent Ballbesitz. Aber der Glaube an die Mannschaft und der Umgang mit Rückschlägen sind bei Werder derzeit bei allen spielerischen Defiziten eben auch überragend.

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