Spannendes Buch über Bremens Aufstiegshelden Kam Rehhagel wegen Kostedde zu Werder?

Seine Karriere, sein ganzes Leben gibt natürlich genügend Stoff her für eine gutes Buch: Ein solches ist nun auch erschienen über Erwin Kostedde. Es lohnt sich, aus vielerlei Gründen...
14.06.2021, 18:08
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Kam Rehhagel wegen Kostedde zu Werder?
Von Jean-Julien Beer

Wenn ein Buch auf 184 Seiten nie langweilig ist und den Leser immer wieder erstaunen lässt, ist das schon ein schönes Kompliment. Wenn man dann aber auch noch überrascht wird, von neuen Anekdoten oder bisher nicht bekannten Sichtweisen, ist das der Ritterschlag für einen Autor.

Einen solchen Ritterschlag hat sich der Sportjournalist Alexander Heflik verdient für sein Buch über Erwin Kostedde. Der Titel klingt zwar unpassend nüchtern, „Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler“, der Inhalt aber ist viel mehr als die Geschichte des talentierten, aber nicht vom Glück verfolgten Fußballers Erwin Kostedde. Hier wird nicht nacherzählt, sondern es geht tief hinein in ein Leben voller Wendungen und Abgründe.

Rassismus und Gerichtsprozess

Der Rassismus, der den dunkelhäutigen Jungen aus Münster ein Leben lang begleitet, ist der eine wichtige Handlungsstrang in diesem Buch, aber es geht um noch mehr: Um ein Leben, das irgendwann zwischen Suff und Schulden aus den Fugen gerät, über den angeblichen Überfall auf eine Spielhalle und einen absurden Gerichtsprozess, an dessen Ende Kostedde freigesprochen wird, nach vielen Monaten im Gefängnis. „Der Prozess war mein Todesurteil“, sagt der noch lebende Kostedde dem Autor in einem von über 70 Gesprächen, die die beiden in den vergangenen knapp fünf Jahren miteinander geführt haben. Schon daran merkt man: Das Buch ist kein Schnellschuss, es dauerte, bis Kostedde sich dem Autor öffnete und seine Sicht auf dieses außergewöhnliche Fußballerleben schilderte.

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Der Leser wird bei dieser bewegenden Lebensgeschichte weder zum Ankläger noch zum Fan. Rasant geht es nach oben und unten in dieser Karriere – und Heflik erzählt es so, dass man immer nah dran ist, aber auch oft zurückschreckt. Der Mensch Kostedde wird einem dabei nicht unsympathisch, das gilt vor allem für das Kapitel, das seine Zeit bei Werder Bremen beschreibt. Da hilft es natürlich, dass die Bremer gerade abgestiegen sind. Das waren sie damals nämlich auch, als Kostedde 1980 aus Frankreich an die Weser kam, schon auf der Zielgeraden einer langen Karriere. Der damalige Bremer Manager Rudi Assauer hatte – wie so oft – das richtige Näschen, als er auf der Suche nach einem Torjäger für den Aufstieg auf Kostedde setzte. Auch wenn der bestimmt nicht einfach war und ganz sicher nicht mehr schnell. 34 Jahre war der Stürmer damals schon alt, doch er sollte für Werder gleich doppelt Geschichte schreiben. Sportlich durch seine 29 Saisontore, mit denen er den SVW sofort zurück in die Bundesliga schoss. Aber auch durch die Verpflichtung von Otto Rehhagel, der während Werders Zweitligasaison den bei einem Autounfall schwer verletzten Trainer Kuno Klötzer eigentlich nur vertreten sollte – und dann eine Ewigkeit an der Weser blieb.

Ein Beweis im Archiv des WESER-KURIER

Kostedde erzählt es so, dass er damals ganz wesentlich daran mitwirkte, Rehhagel nach Bremen zu holen. Er kannte den Trainer aus gemeinsamen Zeiten bei Borussia Dortmund und Kickers Offenbach bestens und habe deshalb auf Assauer eingewirkt. Es gebe auch ein Foto von ihm, Assauer und Rehhagel, das am ersten Arbeitstag des neuen Trainers am Osterdeich gemacht worden sei – eben wegen der Vorgeschichte.

Echt jetzt? Hat Kostedde dafür gesorgt, dass Rehhagel damals kam und aus Werder einen international erfolgreichen Topklub formen konnte? Es ist eine dieser Stellen, an denen man beim Lesen des Buches kurz zuckt und sich denkt: Kann doch nicht sein. Wüsste man doch. Das Foto gibt es bei keiner großen Bildagentur, auch nicht im Internet, egal, wo man sucht. Aber: Es gibt das Foto im Archiv des WESER-KURIER. Es erschien am Tag nach Rehhagels erstem Training bei Werder im Sportteil unserer Zeitung. Am 3. April 1981. Links steht Assauer im Mantel, rechts Rehhagel im Trainingsanzug und fasst Kostedde, der zwischen beiden steht und lacht, an die kleine Wampe. Da müssten wohl ein paar Kilo runter, steht mit einem Augenzwinkern im damaligen Text.

Erst wundern, dann staunen: Wer solche Erlebnisse beim Lesen von Fußballbüchern liebt, ist hier genau richtig. Und es geht nicht nur um Sport: Wie sich die Polizei beim Prozess wegen des angeblichen Überfalls vor Gericht blamiert, wirft ein grundsätzliches Licht auf das Deutschland der damaligen Zeit, zu Beginn der 1990er-Jahre. Bei der Gegenüberstellung mit einer Zeugin wurde nur Kostedde präsentiert – keine anderen Männer. Begründung der Beamten: Man habe es nicht für möglich gehalten, in Münster und Umgebung genügend dunkelhäutige Männer finden zu können. Auch solche Tiefpunkte kommen vor, im Buch wie im Leben von Kostedde, und sie lassen die Höhepunkte seiner Karriere noch kräftiger strahlen: Tor des Jahres 1974, Torschützenkönig in Belgien und Frankreich, deutscher Nationalspieler 1975 im Weltmeisterland im Team der Beckenbauers und Netzers. Und natürlich Aufstiegsheld bei Werder.

Das Buch „Erwin Kostedde, Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler“, ist im Verlag „Die Werkstatt“ erschienen und kostet als Hardcover mit Fotoseiten 19,90 Euro. Es ist auch als E-Book erhältlich.

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