Bovenschulte im Interview „Da habe ich mich emotional mitreißen lassen“

Bremen fiebert am Sonntag mit, wenn Werder um den Aufstieg spielt. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) ist begeisterter Werder-Fan. Im Interview spricht er über die mögliche Aufstiegsfeier am Rathaus.
11.05.2022, 19:29
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„Da habe ich mich emotional mitreißen lassen“
Von Malte Bürger

Herr Bovenschulte, was ist anstrengender für Ihre Nerven: wenn Diskussionen und Entscheidungen bei der Minister-Präsidentenkonferenz in pandemischen Krisenzeiten notwendig sind oder wenn Werder spielt?

Andreas Bovenschulte: Beides kann anstrengend sein (lacht). Aber ich muss schon sagen: So etwas wie das Kiel-Spiel brauche ich so schnell nicht noch einmal. Ich habe es selten erlebt, dass ich so angefressen war.

Sind Sie regelmäßig im Stadion?

Normalerweise ja. Wir haben als Familie zwei Dauerkarten. Aber in der ganzen Zeit, als coronabedingt ausgelost wurde, wer von den Kartenbesitzern ins Stadion durfte, da habe ich mich zurückgehalten. Es musste ja nicht ausgerechnet der Bürgermeister zwei der heiß begehrten Plätze besetzen.

Aber gegen Kiel haben Sie das ganze Drama hautnah mitbekommen?

Zum Glück nicht, hätte ich fast gesagt. Am selben Abend war das traditionelle Mahl der Arbeit im Rathaus. Für mich als Bürgermeister ist das ein Termin, bei dem ich nicht fehlen kann und will. Aber natürlich haben die meisten von uns immer wieder aufs Handys geschielt. Nach dem 2:0 für Werder war die Stimmung insgesamt auch sehr gelöst, doch dann kippte sie nach und nach. Als dann das 3:2 fiel, dachte ich, die Anzeige sei kaputt und habe im ersten Reflex das Smartphone geschüttelt (lacht).

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Haben Sie in diesem Moment den Aufstieg abgehakt?

Nein, warum auch? Ganz ehrlich: Wer als in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat das ganze Auf und Ab der SPD in den vergangenen Jahren mitbekommen hat, der hat einen Grundsatz ganz stark verinnerlicht: „Durch Aufgeben hat noch keiner gewonnen.“ Und das gilt auch für den Fußball. Aber der Gedanke, dass man den direkten Aufstieg aus eigener Kraft nicht mehr schaffen kann und schlimmstenfalls nicht mal mehr in die Relegation kommt – das war an dem Abend besonders bitter. Wir hatten Kiel doch zu 99,9 Prozent im Sack.

Hat Werder den Aufstieg denn jetzt im Sack?

Ich habe schon vor dem vorletzten Spieltag gesagt: Ich bin fest davon überzeugt, dass Werder den Aufstieg aus eigener Kraft schafft. Und dabei bleibe ich: Werder steigt auf. Aber die Mannschaft wird hart dafür kämpfen müssen und darf sich nicht eine einzige Sekunde lang zu sicher sein.

Es gab aber auch andere Zeiten in dieser Saison. Haben Sie zwischenzeitlich daran geglaubt, dass es bei Werder noch um das Thema Aufstieg geht?

Überhaupt nicht. Ich dachte: Maximal etablieren wir uns im Mittelfeld. Für mehr gab es ja auch überhaupt keinen Anhaltspunkt, das wäre damals reines Wunschdenken gewesen. Ich bin in Elze im Landkreis Hildesheim aufgewachsen, habe als Kind für Hannover 96 geschwärmt und den Verein deshalb immer besonders im Auge. Die haben in der aktuellen Saison zwar nicht unmittelbar gegen den Abstieg gespielt, aber das hätte auch anders laufen können. Das vor Augen war ich zwischenzeitlich schon froh, dass wir mit Werder nicht ganz unten stehen. Es ist ja allgemein bekannt: Das zweite Jahr in der zweiten Liga kann richtig brutal sein.

Warum?

Das erste Jahr ist noch irgendwie erträglich. Finanziell schlägt der Abstieg da noch nicht so durch und der Schmerz über den Klassenverlust wird noch durch die Hoffnung auf den sofortigen Wiederaufstieg gedämpft. Wie nach einem Unfall, da unterdrückt der Schock auch zunächst die Schmerzen. Richtig unangenehm wird es erst, wenn die Zweitklassigkeit zum Normalzustand wird. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir jetzt wieder aufsteigen.

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Was blüht der Stadt und dem Verein denn aus Ihrer Sicht, wenn es nicht klappt?

Das wäre überhaupt nicht gut, da brauchen wir nicht drumherum zu reden. Die finanziellen Probleme, die mit der 2. Liga verbunden sind, entfalten sich ab dem zweiten Jahr mit voller Wucht. Zudem gilt – und das sage ich mal etwas despektierlich: Ein Abstieg kommt in den besten Familien vor. Und er muss nicht zwingend den Ruf eines Vereins nachhaltig schädigen. Ein gutes Beispiel dafür ist der VfL Bochum. Ein anerkannter Verein, obwohl es für ihn immer rauf und runter geht. Aber es gibt eben auch Mannschaften, die aus der 2. Liga nicht mehr hoch kommen. Das ist ja das Brutale am Profi-Fußball: Geld schießt keine Tore, aber es besteht trotzdem eine gnadenlose Korrelation zwischen Budget und sportlichem Erfolg. Nicht immer und nicht bei jedem Verein – aber im Wesentlichen ist das leider so.

Denken Sie, dass der SV Werder Bremen noch einmal als Marke – auch für die Stadt – so strahlen kann und wird, wie er es früher einmal getan hat?

Als ich 2004 kleiner Referent beim Senator für Justiz und Verfassung war, musste ich mal vor 350 Personen bei einer Konferenz in Nordrhein-Westfalen irgendeinen langweiligen Fachvortrag halten. Aber als ich auf die Bühne kam und der Moderator mich vor meiner siebenminütigen Power-Point-Präsentation mit den Worten angekündigt hatte „Bitte begrüßen Sie mit mir Andreas Bovenschulte aus der Stadt des neuen Deutschen Meisters Werder Bremen“, da gab es plötzlich Standing Ovations. Das war die pure Hoffnung der Menschen, dass es da einen Verein gibt, der den Bayern die Stirn bietet. Der zeigt, dass nicht immer nur die Leute mit dem meisten Geld gewinnen. Ob wir diese Strahlkraft noch einmal entwickeln können? Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber es ist schon extrem unwahrscheinlich. Die bitteren ökonomischen Realitäten kann ja keiner aus den Angeln heben.

Muss man auch gerade deshalb die etwas kleineren Feste wie beispielsweise einen Aufstieg in die Bundesliga größer feiern – wie Sie durch einen Tweet nach dem 4:1-Sieg gegen den FC Schalke 04 in Aussicht gestellt haben?

(schmunzelt) Da habe ich mich als Fan einfach emotional mitreißen lassen – obwohl ich es ganz, ganz vorsichtig formuliert habe.

Bereuen Sie den Tweet inzwischen?

Ich bereue nichts. Aber eines ist klar: Erst muss Werder aufsteigen – dann gucken wir mal, was kommt. Dann wird bestimmt auch ordentlich gefeiert, da habe ich überhaupt keine Zweifel.

Wie weit sind die Planungen denn?

Wie gesagt: Erst muss Werder aufsteigen, deshalb steht das Sportliche ganz im Vordergrund. Sehen Sie es mir nach, alles andere würde nur ablenken.

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Haben Sie denn Verständnis für die Menschen, die sagen, dass eine mögliche Feier dieser Größenordnung überhaupt nicht angemessen sei?

Natürlich muss eine Feier immer angemessen sein. Aber der Aufstieg wäre ohne Zweifel ein großer Erfolg. Er wäre nicht zu vergleichen mit der Deutschen Meisterschaft, aber er wäre ein großer Erfolg. Und Erfolge muss man bekanntlich feiern, wie sie fallen.

Aber muss man dafür wirklich diese Bilder produzieren, die früher Titelgewinnern vorbehalten waren?

Letztlich muss Werder entscheiden, wie sie einen möglichen Aufstieg feiern – ob am Stadion oder auf dem Marktplatz. Aber noch einmal: Das steht jetzt nicht im Vordergrund.

Ist es denn realistisch, dass sich die Mannschaft wie früher ins Goldene Buch einträgt?

Auch da werde ich jetzt nicht ins Detail gehen.

Lassen Sie uns dennoch kurz beim Goldenen Buch bleiben: Es gibt nicht wenige Menschen in Bremen, die einen dortigen Eintrag der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters aus dem Gesundheitsamt befürworten würden, aufgrund deren oder dessen Arbeit der gefälschte Impfpass von Markus Anfang aufflog. Haben Sie diese Person bereits ausfindig machen können?

Ehrlich gesagt nicht (lacht). Ich habe mich damit aber auch überhaupt nicht beschäftigt. Es war aber mit Sicherheit eine sehr verantwortungsbewusste Kollegin oder ein sehr verantwortungsbewusster Kollege.

Wie haben Sie den Fall damals wahrgenommen?

Ich war wie vom Donner gerührt, weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie man sich in eine solche Situation hineinbegeben kann. Ich persönlich war und bin ein großer Anhänger des Impfens, das wissen Sie. Trotzdem hätte ich irgendwie noch nachvollziehen können, wenn Herr Anfang sich mit offenem Visier dagegen entschieden hätte. Es gab ja damals wie heute keine allgemeine gesetzliche Impfpflicht. Dass man jedoch mit einer Fälschung ganz bewusst das Risiko eingeht aufzufliegen und damit den eigenen Job zu riskieren, das hätte ich mir nicht vorstellen können.

Haben Sie damals gedacht, dass sich der Verein davon erholt? Und dann auch noch so schnell?

Nein. Ich war fest überzeugt davon, dass das den Verein noch über Monate beschäftigen würde. Und ich kenne kaum jemanden, der das anders sah. Aber zum Glück ist es anders gekommen.

Erleben wir also das nächste „Wunder von der Weser“?

Ja, es ist schon ein Wunder, wenn auch eine Nummer kleiner.

Wo schauen Sie am Sonntagnachmittag das Spiel gegen Regensburg?

Auf meinem Dauerkartenplatz.

Sind Sie ein verträglicher Zuschauer für Ihre Sitznachbarn?

Ich finde ja. Nur wenn ich aufstehe, kann hinter mir leicht der Überblick verloren gehen.

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