Wie spielt man gegen Bayern München?

Die wichtigsten Tipps für Werder

Die derzeit beste Mannschaft der Welt türmt sich wie eine Wand vor Werder auf, die Aussicht auf Punkte scheint verschwindend gering. Aber auch der Rekordmeister ist verwundbar, zeigt unsere Analyse.
20.11.2020, 13:38
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel

39 Pflichtspiele hat der FC Bayern München in diesem Kalenderjahr absolviert, so viele wie keine andere deutsche Mannschaft. 37 davon haben die Bayern gewonnen, der Schnitt liegt bei unglaublichen 2,87 Punkten pro Partie, das Torverhältnis weist 131:36 Treffer aus. Eine derart frappierende Dominanz hat es im deutschen Fußball noch nie gegeben.

Die einzige Niederlage kassierten die Bayern beim durchaus happigen 1:4 gegen 1899 Hoffenheim vor knapp zwei Monaten. Ein Ausrutscher, der auch den damaligen Gegebenheiten geschuldet war: Die Münchener kamen müde von europäischen Supercup-Finale gegen Sevilla zurück, leisteten sich erstaunlich viele einfache Fehler, trafen außerdem auf einen topfitten und in Bestbesetzung angetretenen Gegner und wurden von Hoffenheims Trainer Sebastian Hoeneß und dessen Matchplan an ihren neuralgischen Punkten kalt erwischt.

Bayern spielt klinisch präzise

Wenn Werder am Wochenende nach München reist, ist die Gemengelage nicht ganz so günstig für die Bremer. Zwar war das Gros der Bayern-Spieler in der Länderspielpause in alle Himmelsrichtungen verstreut, einige waren auch am 0:6-Debakel der DFB-Elf in Spanien beteiligt. Zudem sind wichtige Spieler wie Joshua Kimmich, Benjamin Pavard oder Alphonso Davies verletzt. Die schiere Brillanz und Tiefe des Münchener Kaders dürfte aber auch den einen oder anderen Ausfall am Sonnabend ganz gut auffangen.

Über den Faktor Individualität ist den Bayern nicht beizukommen, das hat Werder mit den anderen 16 Mannschaften der Liga gemein. Es ist ja nicht so, dass die Münchener jede Woche aufs Neue überraschen würden, dass die Spielanlage nicht jedem Gegner von vornherein schon glasklar wäre - die Umsetzung von der Theorie in die Praxis schafft nur keine andere Mannschaft so klinisch präzise wie der Rekordmeister.

Die Wucht in der Offensive ist schlicht brutal, das Tempo, die Variabilität, die Kreativität sagenhaft gut. Mindestens ebenso beeindruckend sind das Pressing und Gegenpressing, aus dem sich die totale Kontrolle über den jeweiligen Gegner entwickelt. Die Bayern scheinen unbezwingbar - aber auch dieser Übermannschaft ist es nicht möglich, alle Zonen des Spielfelds in jeder Spielsituation gleichermaßen zu sichern. Zuletzt hatten die Bayern mit unterschiedlichen Lösungsansätzen ihrer Gegner teilweise erhebliche Probleme. Die vergleichsweise hohe Zahl an Gegentoren in dieser Saison - schon 14 in elf Pflichtspielen und damit im Schnitt mehr als Werder - ist ein Indikator für die Verwundbarkeit der Mannschaft besonders in den Momenten nach einem Ballverlust.

Mut und Resistenz

Sevilla, Hoffenheim, Hertha BSC, Dortmund, Lokomotive Moskau und zuletzt Salzburg haben gezeigt, wie anfällig die Bayern sein können, wenn in hohen Zonen der Balldruck fehlt und in der letzten Linie die Aufmerksamkeit für ein Zuspiel hinter die Kette nicht hoch genug ist. Hier kommen die Nachteile der Mannorientierungen, mit denen Flick gerne arbeiten lässt, und den hohen Linien in allen Spielphasen durchaus zum Tragen. Mit Davies fehlt der schnellste Spieler im Kader, der Durchbrüche des Gegners sonst einfach auch noch erlaufen kann.

Für Werder würde das bedeuten, im Angriff Personal mit der nötigen Endgeschwindigkeit auf den Platz zu stellen, um dem Prinzip „erster Ball tief“ auch eine entsprechende Grundlage zu verschaffen. Milot Rashica sollte gesetzt sein, in welcher Funktion auch immer.

Im geordneten Spielaufbau bräuchte es auch eine gehörige Portion Mut und Überzeugung, um den Bayern gefährlich zu werden. Mit ein wenig Ballzirkulation lässt sich Hansi Flicks Mannschaft sofort hoch ins Feld locken, die Restverteidigung bleibt dann ohne zusätzliche Absicherung und vertraut auf die individuelle Qualität der Spieler. Zuspiele über das Pressing hinweg machen Sinn, mit dem entsprechenden Nachstarten weiterer Spieler lassen sich theoretisch vielversprechende Situationen gestalten. Aber: Auf den sofortigen Druck muss der tiefe Bremer Aufbau vorbereitet sein und diesen dann auch aushalten, jeder kleine technische Fehler kann tödlich sein.

Tiefer Block und Raumdeckung

Gegen den Ball gaben die letzten beiden Partien der Bremer gegen Bayern einige Aufschlüsse. Werder fuhr drei Halbzeiten lang ganz gut mit einem tiefen Verteidigungsblock, fing die Münchener Positionsrochaden mit den gegengleichen Läufen durch sehr viel Raumdeckung auf und gab im Rücken wenig Platz für die gefürchteten Chipbälle hinter die Abwehrreihe preis. Auf den Außen konnten die Dribbler mit dem üppig vorhandenen eigenen Personal besser gedoppelt werden, die permanent eingestreuten Verlagerungen der Bayern bedeuten dann nicht automatisch eine Eins-gegen-Eins-Situation. Eine eher kompakte Formation in einer Mischung aus Mittelfeld- und Abwehrpressing mit maximal zwei Entwicklungsspielern im Umschalten nach einem Ballgewinn böte sich wohl durchaus an.

Mannschaften, die gegen die Bayern zu viel mitspielen wollen und dafür höher aufrücken, werden teilweise gnadenlos bestraft. Und rollt die Maschine erst einmal, ist sie durch nichts mehr aufzuhalten. Werder kann die eigene Leistung beeinflussen, dürfte damit aber auch bei exzellenter Umsetzung nur einen Bruchteil von dem selbst einbringen, was für eine Überraschung nötig ist. Werder benötigt zudem einen schlechten Tag der Bayern und ein überragendes Spielglück, nur lässt sich beides leider kaum selbst steuern. Da sind die Bremer auf fremde Hilfe angewiesen.

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