Werder punktet pragmatisch Schön hässlich

Werder Bremen überzeugt zuletzt nicht gerade mit attraktivem Offensivspiel. Muss das Team von Trainer Florian Kohfeldt aber auch nicht, solange es mit Pragmatismus punktet.
17.01.2021, 18:11
Lesedauer: 4 Min
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Von Daniel Cottäus

Manchmal kann im Hässlichen eine Menge Schönheit liegen. Während und vor allem nach dem Heimspiel des SV Werder Bremen gegen den FC Augsburg war das gut zu erkennen. Eine Partie, die 90 Minuten lang wahrlich zäh und unansehnlich, die also gerade nicht poetisch angehaucht dahergekommen war, sorgte in den Beschreibungen der Fans und Beobachter plötzlich für eine Vielzahl blühender Sprachbilder.

Von einem Steinbruch war da die Rede und von Betriebssportgruppen, von Puzzles, die spannender und Zahnschmerzen, die weniger unangenehm sind. All das, um es irgendwie greifbar zu machen, dieses Fußballspiel, das selbst Werders Trainer Florian Kohfeldt als „insgesamt grausam“ empfunden hatte. Nur hatte er es eben gewonnen, mit 2:0, weshalb sich im Nachgang an diesen bitterkalten Nachmittag im Weserstadion eine Art Glaubensfrage des Fußballs stellte: Darf es hässlich sein, so lange das Ergebnis stimmt?

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Es ist davon auszugehen, dass sich Kohfeldt schon vor dem Augsburg-Spiel intensiv mit dieser Frage beschäftigt und sie für sich, wenn auch widerwillig, mit „Ja“ beantwortet hat. Seinen bisherigen Heimspielkurs hatte er vor dem 16. Spieltag jedenfalls verlassen, was nach den Niederlagen gegen Stuttgart (1:2), Dortmund (1:2) und Union Berlin (0:2) schlicht dem Pragmatismus geschuldet war. „Nach den Erfahrungen aus den letzten Heimspielen, in denen wir eine aktive Taktik wählen wollten, war es für uns gegen Augsburg in der ersten Halbzeit extrem wichtig, kaum Torchancen zuzulassen“, sagte Kohfeldt. Das war seiner Mannschaft gelungen. Mehr aber auch nicht. Offensiv fanden die Bremer nicht nur kaum, sondern gar nicht statt – sehr gut daran zu erkennen, dass die beiden Stürmer Davie Selke und Josh Sargent im Grunde die vordersten Verteidiger gaben. Der Pausenpfiff von Schiedsrichter Sascha Stegemann, pünktlich ertönt, war da mit Abstand das erwärmendste Ereignis der ersten 45 Minuten.

„Nicht schön, aber clever“

„Ich weiß, dass die erste Halbzeit nicht schön war“, sagte Kohfeldt, „aber wir mussten heute clever spielen, weil wir die Möglichkeiten, die wir haben, realistisch einschätzen müssen.“ Heißt übersetzt: Gegnern wie dem FC Augsburg, die sich sowohl tabellarisch als auch vom Gesamt-Marktwert des Kaders her auf Augenhöhe befinden, kann Werder im eigenen Stadion spielerisch nicht beikommen. Noch nicht, wenn man Kohfeldt fragt. „Ich sage es noch einmal ganz deutlich: Das Ziel bleibt, einen anderen Fußball zu spielen“, betonte der Trainer, der die Sehnsucht nach modernem Ballbesitzspiel einst selbst erzeugt hatte. „Die Erwartungshaltung an uns ist, dass wir attraktiven, dominanten Ballbesitzfußball spielen, weil ich das mal gesagt habe, und dazu stehe ich auch“, erklärte Kohfeldt. Dann schränkte er ein: „Wir haben dafür aber deutlich weniger Mittel, als wir sie in den letzten Jahren zur Verfügung hatten.“

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Jetzt sei seine Mannschaft immerhin an dem Punkt, an dem sie genau wisse, was sie könne – und was nicht. Alles andere soll nach und nach entstehen, von jetzt auf gleich ginge es nicht, denn dafür sei das Team insgesamt zu jung, zu unerfahren. „Für einen jungen Spieler wie Manuel Mbom, der heute gut gespielt hat, ist es nun mal etwas anderes, ob er sich im Training im Zwischenraum aufdreht oder im Weserstadion während eines Bundesligaspiels. Das muss sich alles erst entwickeln.“
Nun ist es im Fußball so, dass die Einordnung eines Spiels in der Regel rückwirkend vom Ergebnis aus vorgenommen wird. Wer eine Mannschaft also für einen fraglos zähen und unansehnlichen 2:0-Heimsieg gegen einen in der Tabelle besser dastehenden Gegner kritisieren will, kann das tun – argumentativ hat er oder sie aber einen schweren Stand. Felix Agu, mit Vorlage und Tor der Bremer Matchwinner gegen Augsburg, entgegnete diesem Vorwurf: „Wir spielen vielleicht gerade nicht so schönen Fußball, aber wichtig ist, dass wir die Punkte nach Hause bringen.“ Durch die drei gegen Augsburg hat Werder nun insgesamt 18 auf dem Konto und den Anschluss ans Tabellenmittelfeld damit hergestellt. Bis auf die Abstiegszone sind es sechs Zähler Vorsprung. Nur darum geht es. Selbst wenn das Spiel am Samstag nicht schön war – der Blick auf die Tabelle ist es durchaus. Und trotzdem bewegt sich Werder auf dünnem Eis.

Leistungssteigerung nach der Halbzeit

Wenn beispielsweise der Kopfball von Augsburgs Verteidiger Reece Oxford in der 63. Minute nicht übers, sondern ins Tor geflogen wäre – ein hässliches Spiel hätte für die Bremer sehr wahrscheinlich auch ein hässliches Ende gefunden. Und die Debatte über pragmatischen Defensivfußball würde nun nicht mit Adjektiven wie „clever“ und „stabil“, sondern unter der Fragestellung geführt, wie man mit diesem Fußball eigentlich die Klasse halten will. So gesehen unterlief Kohfeldt während der Pressekonferenz nach der Partie ein freudscher Versprecher, als er sagte: „Wir waren in der zweiten Halbzeit die bessere Mannschaft und haben deshalb auch verdient verloren.“ Der erste Teil dieses Satzes konnte so stehen bleiben.

Nach dem Wechsel waren die Bremer in der Tat etwas zielstrebiger und mutiger aufgetreten, weshalb sich der Sieg auch nicht als vollkommen abwegig beschreiben lässt. Schmeichelhaft war er angesichts der Leistung aber allemal. Kohfeldt weiß natürlich auch, dass solche Spiele nicht immer gut ausgehen. „Nach der Halbzeit sind wir deutlich höher angelaufen und aktiver gewesen. Das geht nicht jedes Mal auf. Da müssen wir uns nichts vormachen. Ich weiß, dass wir so keinen Schönheitspreis gewinnen werden.“

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Bis das Zuschauen bei Werder-Spielen wieder Spaß macht, irgendwann, müssen Fans und Beobachter wohl damit zufrieden sein, wenn gegnerische Trainer nach Duellen mit den Bremern so klingen, wie es bei Augsburgs Heiko Herrlich am Samstagabend der Fall war: „Es war ein schlechtes 0:0-Spiel, nach dem wir als Verlierer vom Platz gehen.“ Konnte man so stehen lassen.

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