Ein Blick auf Kohfeldts Einwechslungen Werders Joker waren keine Bank mehr

Der krasse Einbruch der ehemals verlässlichen Joker wirkte wie ein Brennglas für die missratene Bremer Saison. Ausgerechnet die Ikone höchstselbst verkörperte den tiefen Fall wie kein anderer.
23.07.2020, 11:28
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Rommel

In der vorletzten Saison war das so: Claudio Pizarro kam irgendwann ins Spiel und es brannte lichterloh - bei Werder, beim Gegner und auf den Rängen. Pizarro war als X-Faktor eingekauft worden, als Spieler für die zwar wenigen, aber doch sehr besonderen Momente. Und Pizarro war tatsächlich jedes Mal gut genug, einer verfahrenen Partie eine Wendung zu verleihen.

Die Geschmacksrichtung Pizarro war ein eingetragenes Markenzeichen, die erwartbaren Tore fielen dann nur zwangsläufig. An insgesamt sieben Treffern war Pizarro damals beteiligt, zwei legte er auf, fünf erzielte der Meister noch selbst. Das letzte am letzten Spieltag gegen RB Leipzig, natürlich war es ein Sieg bringendes Tor.

In der jüngst beendeten Spielzeit war das so: Claudio Pizarro kam irgendwann ins Spiel - und es passierte so gut wie gar nichts. Nicht bei den Mitspielern, nicht beim Gegner und am Ende auch gar nichts mehr bei den Zuschauern. Es waren ja keine mehr im Stadion. Pizarro taugt deshalb auf seine alten Tage noch als negatives Beispiel dafür, wie harmlos und wenig effektiv die Einflussnahme des Bremer Trainerteams zuletzt war.

Werder war berechenbar

Florian Kohfeldt, seine Kollegen auf der Bank und hoch unterm Dach, wo in der Regel Chefanalyst Mario Baric sitzt und Funkkontakt nach unten hält, hatten womöglich noch oft genug die richtige Idee, um mit dem einen oder anderen Personalwechsel nochmals Akzente zu setzen. Den Praxistest bestand die Theorie aber nur in ganz seltenen Fällen. 126 Einwechslungen hat Kohfeldt inklusive der beiden Relegationsspiele vorgenommen, die Regeländerung nach dem Re-Start Mitte Mai ermöglichte eine derart monströse Zahl. Bis auf fünf der 36 Partien reizte Kohfeldt sein Kontingent dabei vollständig aus.

Dabei agierte Werder zwar nicht personell, dafür aber auf anderer Ebene relativ berechenbar. Vor der Zwangspause wartete Werder im Schnitt bis zur 64. Minute für einen ersten, nicht verletzungsbedingten Wechsel, Kurskorrekturen etwa zur Halbzeitpause gab es so gut wie nie. Die in der Regel eher negativen Spielverläufe erforderten dann vermehrt offensiv ausgerichtetes Personal, das in die Schlacht geworfen wurde. Immerhin konnte Kohfeldt da ordentlich variieren, schließlich tummelten sich im Kader genug Angreifer und offensive Mittelfeldspieler. Insgesamt warf Werder unter anderem zwölf verschiedene Angreifer ins Rennen, von Milot Rashica bis Luc Ihorst.

So harmlos wie kein anderer Klub

Das Problem: Es wollte partout kein Ergänzungsspieler das Tor treffen. Erst im 99. Anlauf durchbrach Niclas Füllkrug die unheimliche Serie und traf am 31. Spieltag in Paderborn zum ersten Jokertor überhaupt. Josh Sargent legte gegen Köln noch einen Treffer nach. Aber selbst bei diesen beiden Erfolgserlebnissen mochte nicht die ganz große Jubelstimmung aufkommen. Zwar war Füllkrugs Treffer durchaus emotional, für den Spielausgang aber genau so unerheblich wie der von Sargent zwei Wochen später. Füllkrug erzielte in Paderborn das 5:1, Sargent gegen den FC das 6:1. Zwei Tore durch Einwechselspieler in insgesamt 2193 Minuten Spielzeit und keines davon mit entscheidendem Charakter: In einer Saison voller Rückschritte war Werder auch in dieser Disziplin Schlusslicht, die Konkurrenz teilweise Lichtjahre voraus.

Insgesamt 16 Spieler anderer Klubs waren nach ihren Einwechselungen jeder für sich so gefährlich wie der gesamte Bremer Kader. Kohfeldts Erklärungsansatz dafür war schon vor Monaten nicht mehr als das: Ein Ansatz. „Es gab gerade in dieser Saison viele Situationen in den Spielen, in denen wir Wechsel vorgesehen hatten, die wir dann aber aufgrund anderer Entwicklungen auf dem Platz oder aufgrund von angezeigten Verletzungen anderer Spieler nicht oder erst später machen konnten“, sagte er schon im Februar kurz vor der Coronapause. Außerdem sei es kein Grundsatz von ihm, spät zu wechseln.

Ein fataler Einbruch

Die Bremer Harmlosigkeit ist aber mehr als ein Kollateralschaden der zugegeben großen Verletzungsprobleme und der Umstände. Mit Verletzten, unvorhersehbaren Wendungen und Spielverläufen müssen auch andere Mannschaften umgehen und taten dies offenkundig deutlich besser als Werder. Hoffenheim und Dortmund kamen auf jeweils zehn Jokertore und 16 (Hoffenheim) beziehungsweise sogar 19 Torbeteiligungen durch Einwechselspieler. Auch Eintracht Frankfurt kam auf 19 Scorerpunkte von der Bank. Werder mit den beiden Toren und einem Assist von Marco Friedl auf deren drei. In der Saison davor waren es übrigens noch 23 Scorerpunkte, die Werder von der Bank aus beisteuerte - hinter dem BVB die zweitmeisten der Liga.

Und so wurde auch die Vertragsverlängerung mit der Ikone Pizarro letztlich eher zum Hemmschuh für die Bremer. Einen 41-Jährigen leistet sich bei allem Herzschmerz und Heldenverehrung nicht jeder Klub in seinem Kader. Der dann streng formuliert einen Platz belegt, aber die erhoffte Gegenleistung nicht mehr erbringt. Pizarro war am Ende nach einer Verletzung keine Option mehr, er war nur noch Kult. Aber Kult schießt leider immer noch keine Tore. Und so ereilte Pizarro in seiner 24. und letzten Saison im Profifußball das unvorstellbare Schicksal, ohne Tor und Torbeteiligung zu bleiben.

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