Werders Spiel auf Schalke in der Analyse Der bessere Fußball hat gewonnen

Werder dominiert ein zunächst jämmerliches Schalke mit gutem Fußball, muss dann aber auf einige Umstellungen reagieren. Am Ende reicht der neue Minimalismus - auf Dauer dürfte der aber zu wenig sein.
31.05.2020, 13:04
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel

Zunächst die personellen Fakten: Werder-Trainer Florian Kohfeldt wechselte seine Startelf auf drei Positionen. Für den gesperrten Milos Veljkovic, sowie für Yuya Osako und Christian Groß (beide Bank) begannen Sebastian Langkamp, Leo Bittencourt und der genesene Kevin Vogt. An der Grundformation änderte Kohfeldt dagegen nichts, Werder begann mit Ball im 4-3-3 und sollte sich gegen den Ball in ein 5-3-2 umformen, mit dem zurückfallenden Vogt als zentralem Innenverteidiger.

Bei Schalke gab es vier personelle Wechsel: Neben der Rochade auf der Torhüterposition von Markus Schubert zu Alexander Nübel mussten auch Matija Nastasic, Bastian Oczipka und Guido Burgstaller auf die Bank, dafür starteten Jean-Clair Tobido, Juan Miranda und Michael Gregoritsch. Spannender als die personelle Besetzung der Mannschaft waren nach dem furchtbaren Düsseldorf-Spiel allerdings die Grundordnung und Ausrichtung der Mannschaft. Wagner blieb wie schon gegen die Fortuna seinem 5-4-1 gegen den Ball treu und ließ seine Mannschaft erneut aus einer sehr tiefen Verteidigungsposition heraus arbeiten, um dann bei Umschaltsituationen Torgefahr zu erzeugen.

Gegenpressing als Spielmacher

Offenbar sollte seine Mannschaft nach den letzten Negativerlebnissen dadurch erst wieder ein wenig mehr Sicherheit erlangen. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob Wagner auch mit einem vollbesetzten Stadion eine ähnliche Marschroute ausgegeben hätte, tatsächlich beging sein Team in der Umsetzung der Idee aber denselben schweren Fehler wie schon gegen Düsseldorf: Auch in einem tiefen Mittelfeldpressing kann man jederzeit aktiv und aggressiv sein, Schalke dagegen verfiel von der ersten Minute an in einen passiven Trott, der Werder in allen Spielphasen totale Kontrolle über die Partie erlangen ließ.

Ohne jeden Druck bis zur Mittellinie konnte Werder den Ball nach vorne tragen und sich dann mit seinen Spielern vor den beiden spielmachenden Innenverteidigern Langkamp und Niklas Moisander auf die jeweiligen Positionen begeben. Gegen Schalkes einzige Pressingspitze Gregoritsch war selbst Vogt als Sechser in dessen Rücken kaum nötig, um drüberzuspielen oder um in den in der Anfangsphase gesuchten Zehnerraum zu gelangen. Werders Abläufe passten gut, auf das Aufrücken der beiden Achter ließ sich Sargent in den Zehnerraum fallen, um sich anspielbar zu machen. Von dort aus wollte Werder dann schnell in die Tiefe weiterspielen.

Klappte dies nicht oder war das Zentrum für den direkten Pass vom Innenverteidiger versperrt, postierten sich teilweise bis zu fünf Bremer Spieler - alle drei Angreifer und beide Achter, hinter Schalkes Mittelfeld-Viererkette im Zwischenlinienraum. Vogt und die beiden Außenverteidiger Theo Gebre Selassie und Marco Friedl banden dafür drei Gegenspieler. Werder spielte durchaus riskant in beziehungsweise hinter das gegnerischen Pressing, weil aus der sehr guten Staffelung heraus (und weil Schalke in Gregoritsch ohnehin nur einen Entwicklungsspieler für einen Konter vorne stehen ließ) das Gegenpressing sofort scharf angezogen werden konnte. Aus diesen Situationen und Ballgewinnen entstanden sogar die potenziell gefährlicheren Situationen für das Schalker Tor.

Werder darf sich mit Ball ausprobieren

Auch über die Flügel, besonders über die rechte Seite, zeigte Werder gegen die teilweise zu eng stehende Fünferkette der Gastgeber gute Angriffe, wenn über den Halbraum angespielt wurde und sich der Flügelangreifer oder ein Achter im Rücken des Flügelverteidigers nach außen wegbewegen und mit einem an sich simplen Zuspiele die Linie entlang angespielt werden konnte. Werder machte sich da das Schalker Zusammenziehen im Zentrum zunutze, um dann über den schlecht abgedeckten Flügel durchzubrechen.

Der sagenhaft große Ballbesitzanteil von zwischenzeitlich 84 Prozent ließ die Partie in den ersten 20 Minuten wie eine Trainingsform aussehen, in der Werder das angreifende Coachingteam ist, das verschiedene Dinge ausprobiert und Schalke nur den Ball erobern muss - aber nicht weiter angreifen darf. Jedenfalls waren Gegenstöße nach Ballgewinnen der Gastgeber nicht existent. Entweder erdrückte Werders Gegenpressing mit dem sehr sauberen Nachrücken der absichernden Spieler jeden Ansatz oder Schalke spielte auch einfache Pässe so schlampig, dass der Ball nach spätestens vier Stationen schon wieder weg war. Nur einmal spielte Schalke richtigen Fußball, als sich die Mannschaft über durchs Zentrum aus dem Bremer Druck befreite und in eine Zwei-gegen-Eins-Situation lief. Langkamps taktisches Foul löschte diese sehr gefährliche Szene.

Unterirdische Schalker Zahlen

Das Problem aus Bremer Sicht: Gegen den bis dato wenig bundesligatauglichen Gegner erspielte sich die Mannschaft trotz guter Ansätze im Übergangsdrittel keine richtige Torchance. Nach 25 Minuten stellte Wagner sein Pressing etwas um, ließ die beiden Achter Daniel Caligiuri und Rabbi Matondo neben Gregoritsch auf die Bremer Innenverteidiger anlaufen. Bei Anspiel Werder durch Jiri Pavlenka traute sich Schalke sogar übers gesamte Feld verteilt aus seinem Schneckenhaus und stellte eine kurze Eröffnung mit Mannorientierungen zu. Die totale Bremer Dominanz war dadurch ein wenig gebrochen - ehe ausgerechnet eine Bremer Defensivstrategie doch die Führung einleitete.

Werders Angreifer kümmerten sich in der Regel um die beiden Halbverteidiger, liefen sie frontal an. Nach einer umkämpften Szene an der Mittellinie kam Tobido, der davor schon durch sein durchaus mutiges Andribbeln so etwas wie Gefahr für Werders Pressing initiieren wollte, an den Ball und wurde im Vollsprint attackiert. Statt dem Mitspieler nun zu helfen, schauten drei Schalker Spieler zu, wie sich Tobido ins Verderben dribbelte und den Ball verlor. Den Überzahlkonter spielte Werder eigentlich gar nicht so gut aus, Bittencourt traf trotzdem zur Führung. Genau hinein in eine Phase, in der Schalke zaghaft etwas griffiger wurde. Werders Führung zur Pause war absolut verdient und konterkarierte Wagners Plan, der offensiv überhaupt nicht und defensiv mit Abstrichen aufging. 30 Prozent Ballbesitz, eine Passquote von 61 Prozent und ein Torschuss waren schlicht unterirdisch aus Schalker Sicht.

Gute Reaktion von Wagner

Schalkes Trainer wählte nach der Pause aber einige sehr wirkungsvolle Gegenmaßnahmen. Mit den Einwechslungen von Benito Raman und Oczipka und der Umstellung auf ein 4-4-2 mit dem dynamischen Weston McKennie auf der Sechs und Sandro Schöpf auf der Zehn spiegelte Schalke Werders Formation in etwa. Das Pressing wurde rund 20 Meter weiter nach vorne verlegt und aus einem Beinahe-Abwehr- zu einem Beinahe-Angriffs-Pressing, das dank der beiden Angreifer nun sofort Druck auf die Bremer Innenverteidiger geben konnte. Die veränderte Mentalität der Mannschaft und der Biss in der Arbeit gegen den Ball ließen die vorher komplett einseitige Partie plötzlich kippen.

Schalke kam nun über die Manndeckungen schneller und besser in die Zweikämpfe, rückte mit der Abwehrkette auch im eigenen Ballbesitz nach und konnte so gut gegenpressen. Plötzlich stand das Schalke aus den guten Phasen der Hinserie auf dem Platz und drückte Werder tief nach hinten. Weil Nübel im Tor nun nicht jeden Ball einfach nur neutral nach vorne schlug, sondern Schalke um einen geregelten flachen Aufbau bemüht war, entwickelten sich ein paar ordentliche Angriffe der Gastgeber. Erst jetzt wurde Vogts Doppelrolle als Sechser im eigenen und Libero im gegnerischen Ballbesitz so richtig sichtbar.

Schalke kam zu einigen Ecken und zwei richtig dicken Torchancen durch Raman und Gregoritsch, während Werder mit der neuen Aggressivität des Gegners sichtlich zu kämpfen hatte. Jetzt drohte sich ein Spiel wie zuletzt in Freiburg zu entwickeln, in dem Werders Spieler nach und nach ihre Positionen verloren und am Ende deshalb nicht mehr sauber kontern konnten. Mit der Einwechslung von Davie Selke bekam Werder aber wieder mehr Schärfe ins eigene Anlaufen und die davor ziemlich hektische Partie wieder einigermaßen beruhigt.

Der Minimalismus wird nicht reichen

Schalke musste nun wieder mehr mit langen Bällen spielen, die Werder insgesamt aber auch dank der zahlenmäßigen Überlegenheit in der letzten Linie gut verteidigte. Die Gastgeber wurden in der Schlussphase noch offensiver, brachten in Burgstaller für Miranda noch einen Angreifer und lösten die Viererkette etwas auf. Nur Ozan Kabak und ein Außenverteidiger blieben in der Restverteidigung, Salif Sane rückte als Abnehmer für die vielen langen Bälle mit in den Angriff. Werder boten sich einige Räume, aber nur noch eine glasklare Chance nach einem überragenden Steckpass von Eggestein auf Osako. Immerhin: Auch Schalke kam trotz vollem Risiko zu keiner brauchbaren Gelegenheit mehr, weil Werder - auch bei den Standards - bis zum Schluss konzentriert blieb.

Werder bekam Schalke zum richtigen Zeitpunkt der Saison serviert und holte gegen eine Mannschaft in dieser Verfassung (trotz einer Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit) einen absoluten Pflichtsieg. Mit zwei Toren fuhr die Mannschaft in der englischen Woche nun sieben Punkte ein, minimalistischer geht nicht. Wie schon beim 1:0-Sieg in Freiburg machte Werders Effizienz den Unterschied. Außerdem hilft es der Mannschaft in den letzten Spielen, in Führung zu gehen.

Das sind einerseits positive Entwicklungen, sie dürfen andererseits aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass trotz der immer besser werdenden Ansätze in der Offensive aus dem Positionsspiel heraus noch zu wenig Torgefahr ausgestrahlt wird. Und die dürfte in den letzten Spielen der Saison noch ganz entscheidend werden. Es wird ziemlich sicher auch wieder Gegentore geben. Und dann sind Antworten darauf fällig.

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