Die Taktik-Analyse zu Werders Freiburg-Sieg

Ein erster Schritt, mehr noch nicht

Werder hat tatsächlich wieder ein Bundesliga-Spiel gewonnen! Das war kein Zufall, aber auch kein Grund zum Durchdrehen, analysiert unser Taktik-Experte Stefan Rommel. Es bleiben viele Fragen...
24.05.2020, 11:55
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel
Ein erster Schritt, mehr noch nicht

Viele Aufgaben: Werders Davy Klaassen, hier gegen den Freiburger Roland Sallai, musste mit und ohne Ball arbeiten - und bereitete das Siegtor wunderbar vor.

dpa

Werder zwingt Freiburg mit Ansätzen „seines“ Fußballs, mit viel Leidenschaft und ein bisschen Glück in die Knie. Trotz des erfreulichen Ergebnisses und erkennbarer Verbesserungen in allen Bereichen bleiben aber dringliche Fragen.

Zunächst die Fakten: Werder-Trainer Florian Kohfeldt veränderte seine Mannschaft im Vergleich zum Leverkusen-Spiel auf zwei Positionen. Nach seiner Gelbsperre rückte Davy Klaassen wieder ins Team, Philipp Bargfrede musste dafür auf Bank. Ebenso wie Davie Selke, der durch Joshua Sargent ersetzt wurde. Auch bei den Gastgebern gab es zwei personelle Wechsel: Für die Innenverteidiger Dominique Heintz und Philipp Lienhart kamen Janik Haberer und Lucas Höler neu ins Team.

Christian Streich baute vom 3-4-3 beziehungsweise 5-4-1 im letzten Spiel gegen Leipzig auf das „Freiburger“ flache 4-4-2 um, zog Robin Koch vom zentralen Mittelfeld nach hinten in die Innenverteidigung und wollte mit Höler neben der ganz vorne spielenden Spitze Nils Petersen einen Spieler haben, der sich immer wieder im Zehnerraum blicken lässt. Auch Werder ging zurück auf seine gewohnten Grundordnungen mit und gegen den Ball: Im eigenen Ballbesitz gab es auf dem Papier ein 4-3-3, das im tiefen Aufbau aber mit dem zurückfallenden Kevin Vogt zu einer Dreierkette wurde. Dafür schoben Theo Gebre Selassie und Marco Friedl auf den Außenbahnen deutlich höher als noch gegen Leverkusen, während die beiden Achter Eggestein und Klaassen den Spielaufbau durch ihr Entgegenkommen zusätzlich unterstützten.

Mut und Ruhe im Spielaufbau

Das viele Personal in dieser tiefen Region des Spielfelds ließ Werder einigermaßen bequem um das Freiburger Zwei-Mann-Pressing spielen, was besonders in den ersten Minuten der Partie für eine gewisse Ruhe und Sicherheit am Ball sorgte. Werder wollte wieder „Werder-Fußball“ spielen, mit einem hohen Fokus auf die Halbräume, entgegenkommenden Flügelangreifern auf beiden Seiten und nachstoßenden Achtern. Vogt ließ sich oft, aber nicht immer zwischen die Innenverteidiger fallen. Manchmal tauchte der dann wieder auf seiner Sechserposition und hinter Freiburgs Spitzen auf und sorgte so dafür, dass Werder schwer auszurechnen und für den Gegner zu packen war.

Gebre Selassie und Friedl hielten strikt die Seitenlinie und damit die Breite im Spiel, was auf dem etwas kleineren Platz in Freiburg grundsätzlich kein schlechtes Rezept ist, um im Zentrum mehr Platz zu schaffen. Es half auch tatsächlich dabei, die einrückenden Bewegungen von Milot Rashica und gerade in den ersten Minuten auch Leo Bittencourt vom Flügel ins Zentrum zu unterstützen. So konnte Werder mit der nötigen Ruhe und Geduld erst sauber aufbauen und fand dann später die entsprechenden Zonen, um die Angriffe dann mit Tempo meist über die Flügel fortzuführen. Hilfreich erwies sich dabei die Gegnerbindung durch die drei Angreifer plus der beiden Außenverteidiger, die Freiburgs Gegenspieler tief hielten.

Gute defensive Elemente

Gegen den Ball ließ Kohfeldt mit Sargent und Klaassen als zweiter Spitze anlaufen, wobei Klaassen etwas tiefer spielte und immer den Freiburger Sechserraum mit abdeckte. Der andere große Unterschied zum Leverkusen-Spiel war Werders Anlaufhöhe: Die Mannschaft attackierte im hohen Mittelfeldpressing, rückte teilweise sogar ins Angriffspressing auf und lief auch auf Torhüter Schwolow durch. Weil der Rest der Mannschaft dahinter mutig nachschob, hatte Werder in der Anfangsphase seine Abwehrkette an der Mittellinie, was zwar durchaus riskant war, insgesamt aber sehr gut funktionierte.

Das wiederum lag an einer - endlich mal wieder - sehr guten Gefahrenwahrnehmung und der Aufmerksamkeit jedes einzelnen Spielers. Lange Freiburger Bälle, um über Werders Pressing drüberzuspielen, wurden schon im Ansatz von den Spitzen verhindert oder aber von den Innenverteidigern durch entsprechendes Fallen aufgefangen. Das Nachrücken und Durchsichern bei eigenem Ballbesitz erstickte auch bei einem Ballverlust einen Freiburger Gegenangriff, sodass die Gastgeber bis auf eine Ausnahme nicht kontern konnten - die hatte es allerdings in sich: Durch das riskante Aufrücken von Gebre Selassie war Werder nach einem verlorenen Zweikampf im Mittelfeld rechts völlig offen, Sallai setzte bei der ersten Chance des Spiel den Schuss aber knapp daneben.

Anders als gegen Bayer, als deren ersten beiden Torschüsse auch drin waren, hatte Werder diesmal also auch ein wenig Glück. Und setzte dann mit gütiger Freiburger Unterstützung selbst einen sauberen Konter. Freiburgs Innenverteidigung war weit auseinandergerissen, weil Koch bis zur Seitenlinie auf Klaassen durchschob, im Zentrum konnte Linksverteidiger Günter nicht mehr schließen. Klaassens Pass in den ballfernen Raum fand Bittencourt und der das Netz. Die Führung war zu diesem Zeitpunkt verdient.

Ein Bruch nach dem Tor

Werder bekam guten Zugriff auf Freiburg und auch die schlimmste aller Disziplinen in den Griff: Bei Defensiv-Standards hatten die Bremer Spieler Körperkontakt zum Gegner, bei Flanken von der Seite hielt sich jeder an die klaren Zuordnungen. Dazu die erwähnte hohe Aufmerksamkeit und lautstarke, positive Kommunikation untereinander. Nach etwa 25 Minuten kippte die Partie aber langsam auf die Seite der Gastgeber. Freiburg spielte etwas asymmetrisch: Während Grifo vom Flügel teilweise sehr weit einrückte und sich horizontal zur Bremer Abwehr anbot, machte Sallai auf der anderen Seite immer nur ein paar Meter nach innen, um dem nachrückenden Schmid Platz zu verschaffen. Über diese rechte Seite ging es es mit kleinen Kombinationen nach vorne, während die linke Seite freigeräumt war für Diagonalbälle und schnelle Verlagerungen auf den sehr dynamischen Günter.

Werder hatte nun mehrere kleine Probleme: Im Ballbesitz fehlte es dem Ballführenden immer öfter an Anspielstationen in der Tiefe. Die Folge war früher oder später ein Rückpass auf Pavlenka, der anders als noch zu Beginn der Partie fast nur noch auf „Nummer Sicher“ ging und jeden Ball lang wegschlug. Freiburg sammelte diese Bälle fast ausnahmslos auf, Sargent war kaum in der Lage, einen dieser Bälle auch mal festzumachen. Damit war es auch vorbei mit der großen Ruhe im Bremer Spiel, durch die kürzeren Ballbesitzphasen musste die Mannschaft noch mehr laufen, um in ihren Pressingsituationen und gegen den Ball immer aktiv zu bleiben. Werder konnte sich nicht mehr im eigenen Ballbesitz ausruhen, geschweige denn vors gegnerische Tor kombinieren. Der Ausfall von Vogt zehn Minuten vor der Pause verstärkte diese Effekte noch.

Zu wenig Ballkontakte

Die ersten Minuten nach der Pause hatte Bremen zunächst wieder etwas besseren Zugriff, ehe Freiburg immer besser ins Spiel fand und nun das ausspielte, was die Mannschaft so gefährlich macht. Die Gastgeber versuchten es mit vielen kleinen Lösungen, nach vorne zu kommen. Mal über Kurzpässe und schnell über die Außen, dann mit einem flachen Zuspiel direkt in den Halbraum auf Sallai oder den immer auffälliger werdenden Höler, der sich stark bewegte und oft anspielbar machte. Dann streute Freiburg wieder einen langen Ball auf Petersen ein, der verlängern oder ablegen sollte. Werder konnte sich nie so richtig einstellen und versuchte phasenweise Nicolas Höfler als tieferen Sechser durch Eggestein verfolgen zu lassen, wenn Freiburg tief aufbaute. Dann folgte aber schnell der Ball in die Tiefe, wenn nur noch Bargfrede als Absicherung vor der Abwehr blieb. Jetzt war Freiburg die schwer zu greifende Mannschaft, die es unaufhörlich mit Flanken von beiden Seiten versuchte.

Kohfeldt wechselte nach einer guten Stunde doppelt, im Anlaufen änderte sich auch mit frischen Kräften aber nichts. Das Spiel mit dem Ball wurde zum einen von Werder selbst verschlampt, spätestens nach fünf, sechs Kontakten war der Ball schon wieder weg. Oder aber Freiburgs sehr starkes Sichern erdrückte Werder tief in der eigenen Hälfte, sodass kaum noch ein vernünftiger Angriff zustande kam. Ohne diese Entlastung und die fehlende Torgefahr war früh klar, dass der Schlüssel zum Sieg nur im Spiel gegen den Ball liegen kann.

Es bleiben Fragen

In der letzten Viertelstunde drückte Freiburg seinen Gegner so tief nach hinten, dass Werder auf dem Papier im 5-3-2 verteidigte, mit Bargfrede als Libero. Phasenweise wurde es sogar zu einer Sechserkette, wenn der ebenfalls eingewechselte Fin Bartels Schmid, der wie sein Gegenüber Günter quasi als Flügelangreifer spielte, bewachen musste. Freiburg wurde nie hektisch, sondern behielt selbst in den letzten Minuten die Geduld, seine Angriffe vorzubereiten und auszuspielen. Werder hatte nun gar keinen Zugriff mehr im Mittelfeld und verschanzte sich nur noch um den eigenen Sechszehner. Die Mannschaft verteidigte dort aber sehr leidenschaftlich und aufopferungsvoll, blockte viele Schüsse und profitierte von Freiburgs Abschlussschwäche. Im Ansatz gab es genug Chancen für die Gastgeber und wenn doch mal ein Schuss aufs Tor kam, war Pavlenka zur Stelle. Und am Ende half sogar der Video-Assistent bei Petersens Abseitsstellung vor dem vermeintlichen 1:1.

Werder war die in allen Belangen unterlegene Mannschaft und trug trotzdem den Sieg davon. In der momentanen Situation hat das selbstredend oberste Priorität. Gut war die Körpersprache der Mannschaft und die Kommunikation untereinander, ebenso wie die Haltung zu diesem Spiel, in dem man auch mal Leiden ertragen musste. Das sind aber auch „nur“ die Basics. Und 20, 25 Minuten lang gab es im Offensivspiel sogar richtig gute Momente. Aber: Nicht jeder Gegner wird so schludrig mit seinen Chancen umgehen wie Freiburg. Und nicht jedes Mal wird Werder eine einzige gute Chance auch zum Sieg reichen. Das Spiel mit dem Ball muss noch besser werden, wenn die Mannschaft im Abstiegskampf bestehen will. Das gilt ebenso für einzelne Spieler - mit einem Rashica oder Selke in der momentanen Verfassung wird es auf Dauer unheimlich schwer. Und wie die Partien nach den jeweils letzten Siegen in diesem Kalenderjahr liefen, sollte jeder noch in Erinnerung haben.

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