Werder-Kolumne Warum die Werbung im Stadion weiter leuchten darf

Die Bundesregierung fordert zum Energiesparen auf und lässt Werbetafeln abschalten. Wie die Bundesliga damit umgeht, erklärt Jean-Julien Beer in seiner Kolumne. Es ist ein kniffliger Fall für die Klubs...
12.09.2022, 17:49
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Warum die Werbung im Stadion weiter leuchten darf
Von Jean-Julien Beer

Eigentlich ist es schade, dass man all die Energie aus der heißen Schlussphase gegen Augsburg nicht in eine Batterie speisen konnte. Die erhitzten Gemüter wegen des unfairen Auftretens der Augsburger Spieler hätten locker gereicht, um die Flutlichtmasten im Weserstadion auch beim nächsten Heimspiel zu beleuchten.

Als das Bremer Stadion am Freitagabend hell erstrahlte, dachten viele Zuschauer auch an die damit verbundenen Energiekosten. Das Flutlicht, die LED-Werbebanden, die VIP-Bereiche: Die Stromzähler im Stadion ratterten, wobei man fairerweise sagen muss, dass die wenigen Stunden Spielbetrieb bei 17 Heimspielen im Jahr kein gravierender Kostenfaktor auf Werders Ausgabenseite sind. Hinter den Kulissen der Bundesliga beschäftigen sich die Vereine dennoch mit der Problematik – vor allem mit einem juristischen Detail.

Das zeigt ein Schreiben der Deutschen Fußball-Liga (DFL), das am 1. September an die Vorstände der 36 Profiklubs der ersten und zweiten Liga verschickt wurde. Darin geht es um die LED-Werbebanden rund um das Spielfeld und die Frage, ob diese unter die „Verordnung der Bundesregierung zur Sicherung der Energieversorgung“ fallen. Laut der Verordnung sind „Leuchtreklamen und Werbetafeln“ in der Zeit von 22 Uhr bis 16 Uhr des Folgetages abzuschalten. Auch im Stadion? Auf vier Seiten klopfen die Juristen der Liga das ab, denn es geht um hohe Millionenbeträge, die an Spieltagen durch die Bandenwerbung verdient werden.

Das Schreiben ähnelt einem Gutachten und fasst zusammen, warum die LED-Werbung nicht unter die Verordnung der Regierung falle. So handele es sich nicht um eine Außenwerbung, die vom öffentlichen Raum aus einsehbar ist. Deshalb greife nicht der „Sinn und Zweck der Verordnung“, dass man die LED-Werbung nach 22 Uhr abschalten solle, weil sie dann kaum noch beachtet werde. Die Stadionwerbung richtet sich für wenige Stunden an ein festes Publikum, im Stadion und vor den TV-Geräten.

Als weiterer Punkt wird die Energieversorgung aufgeführt. Sinn der Verordnung sei es, dass die Außenwerbung tagsüber ohne Strom gesehen werden kann – das aber sei bei LED-Banden nicht der Fall. Die würden ohne Strom nicht leuchten. Als „zentralen Punkt“ führen die Juristen auf, dass „eine Untersagung des Betriebes von LED-Banden in den Stadien“ unverhältnismäßig wäre, denn die überschaubare Energie-Ersparnis für die wenigen Stunden (bei Werder sind es drei Stunden pro Spieltag) stünde in keinem Verhältnis „zu den ganz erheblichen Verlusten an Werbeeinnahmen, die für die Vereine relevant sind, um den Spielbetrieb zu finanzieren“. Es sei deshalb „verfassungsrechtlich geboten“, die LED-Bandenwerbung als zulässig zu betrachten.

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Weil die Liga aber schon manches regionale Phänomen erlebt hat (etwa den Polizeikostenstreit mit dem Bremer Innensenator), gibt es einen Zusatz: Sollte die Sache im Einzelfall von Behörden anders gesehen und die LED-Werbung verboten werden, gebe es einstweiligen Rechtsschutz.

Die Klubs wollen trotzdem Energiekosten sparen. Und das nicht nur wegen ihrer Vorbildfunktion, sondern auch um ihre Kosten zu senken. Bei Werder gibt es am Mittwoch eine Sitzung mit allen Abteilungen, um jede Chance zum Energiesparen zu prüfen. Bei den Klimaanlagen und den Kühlschränken im Stadion hatte man schon einiges getan, künftig soll auch das Flutlicht an Spieltagen weniger lang leuchten. Während der TV-Übertragung selbst ist eine Reduzierung nicht möglich, weil die Fernsehkameras eine gewisse Lichtstärke brauchen. Weniger Flutlicht wäre auch symbolisch wichtig, weil für jeden erkennbar. Dass in der Energiekrise auch Symbolpolitik auf sie zukommen könnte, haben die Vereine aus der Pandemie gelernt.

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Die Liga hat die Klubs dringend aufgefordert, 20 Prozent Energie zu sparen. Manche wollen die Rasenheizung weniger laufen lassen, andere senken die Raumtemperaturen. Eine zentrale Vorgabe macht keinen Sinn: Je nach Region sind die Winter unterschiedlich, der Schneefall etwa ist in Freiburg anders als in Bremen. Zudem sind nicht alle Vereine Eigentümer ihrer Stadien.

Möglich wäre ein Eingriff in den Terminkalender, wie es der frühere Liga-Funktionär Andreas Rettig oft forderte. Seine Idee: Nicht im Sommer die besten Monate durch eine Pause verschenken, sondern im Winter bei Schnee und Eis eine längere Spielpause machen. Um eine Saison von März bis Oktober zu spielen, müssten aber die internationalen Spielpläne angepasst werden. Bisher ist das ein Tabu. Aber wenn die Energie für die Vereine zu teuer wird oder Spiele im Winter nicht mehr möglich wären, gäbe es auch keine Tabus mehr. Für die WM-Milliarden aus Katar wurde der Spielplan ja auch angepasst.

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