Köln-Profi Czichos über seine Bremer Liebe „Alle Fans leiden mit Werder“

Rafael Czichos wuchs in der Nähe von Bremen auf und war viele Jahre glühender Werder-Fan. Nun kommt er mit Köln zu einem historischen Spiel ins Weserstadion. Ein Gespräch über sein Fan-Leben und Werders Krise.
24.06.2020, 09:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer

Herr Czichos, es gibt Gerüchte, dass Sie als Kind in Werder-Bettwäsche geschlafen haben und eine sehr grün-weiße Jugend erlebten. Wie viel Folklore ist dabei und was davon stimmt wirklich?

Rafael Czichos: Über die Geschichten von Fußballprofis, die als Kind in der Bettwäsche ihres Lieblingsvereins geschlafen haben, macht man sich ja immer so ein bisschen lustig. Aber bei mir war das wirklich so. Meine ganze Familie ist grün-weiß, alle leben auch in Bremen und umzu. Mein gesamter Freundeskreis trägt die Raute im Herzen. Auch ich habe sehr viele Spiele im Weserstadion gesehen, schon als Kleinkind. Wir waren auch immer beim Tag der Fans. Domshof, 2004, bei der Meister- und Doublefeier. Auswärts habe ich ebenfalls einige Spiele gesehen. Tim Wiese, die Rolle gegen Juventus Turin damals, die habe ich mit Tränen verfolgt.

Da waren Sie auch im Stadion dabei?

In dem Fall nicht, das habe ich vorm Fernseher erlebt, wie so viele. Für alle Werder-Fans ist dabei eine Welt zusammengebrochen. Das wäre natürlich ein riesiger Meilenstein gewesen, und dieser Traum ist dann in Sekunden zerplatzt. Im rosafarbenen Trikot hat er die Rolle gemacht! Das war bitter.

Ihre Helden waren also die Double-Sieger um den heutigen Manager Frank Baumann?

Ich sage es mal so: 1998, der DFB-Pokalsieg 1999, da ging es richtig los damit, dass ich Bock auf Werder hatte. Mein erstes Trikot war von Rade Bogdanovic. Ich glaube, das sagt viel darüber aus, wie lange das her ist…

Wie groß war Ihr Traum damals, selbst bei Werder Fußball zu spielen? Oder war der Weg zum späteren Bundesligaprofi noch nicht absehbar?

In der Jugend habe ich immer mal wieder versucht, bei Werder reinzukommen. Über Probetrainings, Sichtungstage und so weiter. Geschafft haben es zu der Zeit andere, wie Dennis Diekmeier oder Alexander Neumann, mit denen ich damals gespielt habe. So habe ich einen anderen Weg einschlagen müssen. Aber jetzt, im Nachhinein, ist alles gut. Ich habe es auch so bis in die Bundesliga geschafft. Es ist gut gelaufen für mich, aber klar: Als Kind, da wollte ich unbedingt für Werder spielen.

War der junge Rafael Czichos richtig sauer, dass es bei Werder nicht geklappt hat?

Nein, das nicht, aber natürlich ist man traurig, wenn man immer wieder Absagen bekommt. Gerade als kleiner Junge oder Jugendlicher. Mir war klar, dass es nicht jeder bei Werder zu den Profis schaffen kann. Deshalb habe ich mich dann auch gar nicht mehr so auf den Fußball als möglichen Beruf fokussiert. Ich bin da eher wieder reingerutscht.

Als Profi spielten Sie später für Erfurt, Kiel und nun Köln, dabei aber nie in „Ihrem“ Weserstadion, richtig?

Mit Kiel hatten wir mal ein Spiel gegen die zweite Mannschaft von Werder, das wurde aus Sicherheitsgründen im Weserstadion ausgetragen. Aber natürlich nicht vor der tollen Kulisse. Und jetzt wird es am Wochenende leider wieder keine Zuschauer im Stadion geben. Es ist mir irgendwie nicht vergönnt, aber vielleicht kommt das ja noch in den nächsten Jahren.

Dafür müssen Sie nun keine Karten für die Familie und all die Freunde besorgen…

Die ersten Anmeldungen habe ich tatsächlich schon bekommen, als der Spielplan rauskam. Das hat sich natürlich erledigt.

Für alle, die an Werder hängen, ist es gerade eine sehr schwierige Situation. Wie erleben Sie es, was bekommen Sie aus Ihrem Umfeld mit, dass dieser Traditionsverein mit eineinhalb Beinen in der zweiten Liga steht?

Ich glaube, Werder Bremen ist ein Verein, der deutschlandweit sehr beliebt ist und im ganzen Land viele Fans hat. Und klar, die leiden – genauso wie die ganze Stadt – mit dem Verein.

Werder steckte diese Saison früh im Keller, aber viele dachten: Die Mannschaft kommt da wieder raus. Haben Sie das auch geglaubt?

Mit einem Auge schaue ich immer auf Werder, aber ich bin auch nicht nah genug dran, um aus der Ferne ein Urteil abzugeben. Und ich bin Spieler beim FC: Und wir hier in Köln hätten es sehr gerne noch früher geregelt, dass wir in der Liga bleiben. Aber wir konnten nach der Corona-Pause nicht mehr so richtig an unsere Siegesserie anknüpfen. Ganz nüchtern betrachtet, war ich froh, dass die Teams, die hinter uns standen, auch nicht gepunktet haben.

Köln ist gerettet – ist das eine gute Nachricht für Werder für das Duell am 34. Spieltag? Wie wird Köln in Bremen auftreten?

Wenn man sich allein anschaut, dass es auch für unseren Verein noch um eine Menge Fernsehgeld geht, dann ist jedem klar, dass bei uns keiner in den Urlaubsmodus schaltet. Und deshalb werden wir sehr motiviert zum Weserstadion fahren, und auch wenn Düsseldorf (Werders Konkurrent im Abstiegskampf, Anm. der Redaktion) unser Rivale hier im Rheinland ist, wollen wir uns mit einem Sieg aus dieser Corona-Zeit mit den Geisterspielen in die Sommerpause verabschieden. Diese Verantwortung haben wir gegenüber uns selbst und dem Rest der Liga. Keiner will sich hinterher dumme Sprüche anhören, und jeder will mit einem Sieg in den Urlaub gehen.

Zu Ihrer Saison in Köln gehört auch die schwere Halswirbelverletzung aus dem Spiel bei Hertha. Sie schrammten knapp an einer Querschnittslähmung vorbei. Ist es die beste Nachricht für Sie, wieder Bundesliga zu spielen?

Ja, auf jeden Fall. So blöd das klingt: Für mich kam die Coronapause zur richtigen Zeit, denn nur deshalb konnte ich jetzt noch Spiele machen. Ich bin einfach nur froh, dass die Verletzung so schnell und so gut verheilt ist, das war so nicht absehbar. Und ich bin froh, dass ich das Spiel am Samstag im Weserstadion live miterleben kann.

Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie in der zweiten Liga gespielt wird und wie man dort aufsteigen kann. Köln schaffte das mit einem Rekord-Etat und einem Trainerwechsel im Saisonfinale. Man kann als Werder offenbar nicht sagen: Dann steigen wir halt einfach wieder auf…

Genauso könnte man in Nürnberg, Hannover oder Hamburg nachfragen. Es ist alles andere als leicht. Mit Köln kann man es nicht so vergleichen, weil die Erwartungshaltung hier noch mal eine ganz andere ist als in Bremen. Wenn es wirklich zum Abstieg kommen sollte, hoffe ich, dass die Mannschaft die unbändige Unterstützung der ganzen Stadt und der Fans erlebt, so wie man das aus Bremen kennt.

Gibt es irgendwo im Hinterkopf bei Ihnen noch den Gedanken: Vielleicht spiele ich wirklich mal für Werder?

Im Fußball habe ich mir angewöhnt, nichts auszuschließen. Jetzt spiele ich in der Bundesliga mit dem 1. FC Köln. Ich glaube, das ist mehr, als ich mir je erträumen konnte. Werder ist derzeit kein Thema für mich.

Zur Person: Rafael Czichos (30)

wuchs im Bremer Umland auf, schaffte es aber nicht in die Jugendabteilung von Werder. Über den FC Verden 04 und den TSV Ottersberg kam der Innenverteidiger zu Wolfsburg II, dann ging es über Erfurt und Kiel im Sommer 2018 nach Köln. Dort stieg er in die Bundesliga auf und kommt nun als Stammspieler mit dem FC nach Bremen.

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