Bundesliga-Manager Heldt im WESER-KURIER

„Jetzt merkt man, wie wichtig Fans sind“

Der 1. FC Köln hat bereits ein Geisterspiel erlebt - und keinen Gefallen daran gefunden. Hier spricht Kölns Manager Horst Heldt über wichtige Lehren daraus, die Bedeutung der Fans und den Fußball im Jahr 2030.
10.05.2020, 09:04
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Von Jean-Julien Beer
„Jetzt merkt man, wie wichtig Fans sind“

"Vielleicht bringt es uns dazu, dass wir noch mehr auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen, die in die Stadien kommen": Kölns Manager Horst Heldt über die anstehenden Geisterspiele.

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Herr Heldt, am letzten Spieltag tritt Bremen gegen Ihren 1. FC Köln an. Wird das überhaupt noch ein Abstiegskrimi, oder ist Werder bis dahin längst abgestiegen wegen des Wettbewerbs-Nachteils, dass in Bremen bis zuletzt nur in Vierergruppen trainiert werden konnte?­­­­­

Horst Heldt: Das ist definitiv keine einfache Situation, gerade auch für Werder, wo die Vorgaben der Politik etwas anders waren. Viele Wochen war für die Clubs kein Mannschaftstraining zugelassen. Allerdings ist es doch so, dass alle Bundesligateams ein gewisses Fitness-Level haben. Zuerst wurde mit individuellen Trainingsplänen gearbeitet, dann in Gruppen. Jetzt sind wir eine Woche vor Ligastart und es ist allen erlaubt, in Mannschaftsstärke zu trainieren. Wir müssen alle bereit sein, Kompromisse einzugehen, um die Saison zu Ende zu spielen. Für den einzelnen Verein sehe ich keinen Nachteil, weil jeder in den kommenden Wochen in den Spielen die Chance hat, seine Ziele aus eigener Kraft zu schaffen. Da könnte es von Tabellenplatz 1 bis 18 noch einige Veränderungen geben.

Es war trotzdem in der Corona-Krise ein Flickenteppich in Deutschland mit unterschiedlichen Vorgaben für die Klubs, wer wie trainieren durfte. Ist das überhaupt noch ein fairer Wettbewerb? Oder geht es darum gar nicht mehr?

Natürlich geht es um einen fairen Wettbewerb. Bei der Frage, warum die Bundesliga zu Ende spielen will, ging es zum einen darum die Existenz der Vereine zu sichern, zum anderen um die Integrität des Wettbewerbs. Spieler, Trainer und Manager, aber auch die Fans wollen doch den sportlichen Wettkampf und diese Saison auf dem Spielfeld beenden. Diese Möglichkeit haben wir durch die Politik nun bekommen. Ich denke, es ist letztlich ein Mix aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten und der sportlichen Sehnsucht, wieder den Wettbewerb zu haben.

Man könnte auch den Eindruck gewinnen: Egal, wer absteigt – Hauptsache ist, es gibt weiterhin eine Bundesliga. Zuschauer sind ja auch nicht mehr wichtig. Wie sehen Sie das?

Vor der Coronapause hatten wir mit Köln das erste Geisterspiel, beim Derby in Gladbach. Es ist unbestritten, dass das keinem gefällt. In allen Diskussionen hat noch niemand gesagt, dass er sich auf Geisterspiele freut. Weil zu unserem Sport natürlich die Zuschauer und die Emotionen gehören. Das macht den deutschen Fußball so einzigartig. Wer schon mal in ausländischen Ligen Spiele angesehen hat, kommt immer mit der Erkenntnis zurück, dass die Atmosphäre in den deutschen Stadien außergewöhnlich schön ist. Auch in Köln und in Bremen. Wir werden alle spüren, wie sehr uns die Zuschauer auf den Rängen fehlen. Aber wir haben uns das nicht ausgesucht, sondern handeln unter dem ein Einfluss einer weltweiten Pandemie. Und so bitter das ist: Es wird das Bewusstsein noch einmal schärfen, dass die Zuschauer elementar wichtig sind.

Wie meinen Sie das?

Die restlichen neun Spieltage werden uns das ganz besonders vor Augen führen. Und vielleicht bringt es uns dazu, dass wir noch mehr auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen, die in die Stadien kommen. Wenn man ohne Zuschauer spielt, merken manche erst, wie wichtig die Fans im Stadion sind.

Der Bundesliga-Zirkus erfuhr zuletzt heftigen Gegenwind aus der Gesellschaft. Sie sind viele Jahre im Profifußball unterwegs und haben die Entwicklung miterlebt. Was hat der Fußball falsch gemacht?

Es ist immer wichtig, sich zu überprüfen. Obwohl der Bundesligafußball so viele Menschen in unserem Land bewegt, ist es in den vergangenen Jahren auch immer wieder zu Kritik gekommen. Ich glaube sagen zu können, dass alle Verantwortlichen in den Vereinen das ernst nehmen. Man muss verstärkt andere Blickwinkel zulassen. Vielleicht sollten wir uns weniger von dem Druck treiben lassen, irgendwelche Ziele zu erreichen, vielleicht müssen wir Prioritäten anders setzen oder auch mal ganz neu zu definieren. Es ist und bleibt unsere Aufgabe, dass sich viele Menschen in diesem Fußball wiederfinden, der an sich ja längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Wenn man das hört, fragt man sich: Was haben Sie beim Video von Hertha-Profi Kalou gedacht, mit dem er alle Bemühungen des Profifußballs torpedierte?

In all den Jahren habe ich Kalou als herzlichen und respektvollen Menschen erlebt. Es war für mich grundsätzlich undenkbar, dass sich jemand zu so einem Video hinreißen lässt. Kalou ist einsichtig und weiß, dass er allen damit geschadet hat. Aber: Dieses Video ist nicht repräsentativ für alle Profis und Verantwortliche im Fußball. Das ist es ganz sicher nicht. Viele in unserer Branche tun sehr viel dafür, um ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden.

Bis zu diesem Video war der 1. FC Köln der öffentliche Verlierer im deutschen Profifußball. Nach drei positiven Corona-Tests bei der Mannschaft sprach Ihr Profi Birger Verstraete in einem Interview über seine Sorgen und die seiner herzkranken Freundin, und wurde vom Verein prompt zum Rapport bestellt. Das Medien-Echo war verheerend. Soviel Herzlosigkeit hätte man Ihnen gar nicht zugetraut.

Für solch eine Situation gibt es kein Handbuch. In der Öffentlichkeit ist ein Bild entstanden, das unserem Handeln in diesem sehr speziellen Fall nicht gerecht wurde. Das fängt schon damit an, dass auch Sie jetzt von einem Rapport sprechen.

Wie würden Sie das denn nennen, wenn ein Spieler morgens beim Verein antreten muss und sich danach butterweich äußert?

Es war trotzdem kein Rapport. Wir haben erst durch Verstraetes Interview in Belgien von der Vorerkrankung seiner Freundin erfahren. In den vorherigen sechs Wochen der Coronapause war das leider kein Thema, was ich übrigens sehr bedaure. Nachdem das Thema öffentlich wurde, haben wir uns direkt mit Birger in Verbindung gesetzt und uns mit beiden zusammengesetzt. Birger war bereits negativ getestet, und wir haben beide direkt noch einmal getestet, um ihnen die größtmögliche Sicherheit zu geben. Mein Kollege Alexander Wehrle, Frank Aehlig und unser Mannschaftsarzt haben uns Zeit für sie genommen, beide beruhigt und auch noch einmal über alle Abläufe genau informiert. Dabei haben wir dem Spieler auch sehr offen angeboten: Wenn du dich in dieser Situation nicht wohlfühlst, dann musst du nicht trainieren oder spielen. Du kannst eine Auszeit nehmen und dich individuell fithalten, ohne irgendwelche Nachteile zu befürchten. Das hielten und halten wir in dieser emotionalen Ausnahmesituation für wichtig. Birger hatte die freie Wahl. Aber er hatte bereits vorher mit seiner Freundin entschieden, dass sie nach Belgien gehe würde, während er hier weiter Fußball spielt.

Und so ein Gespräch muss man am Geißbockheim führen, wo die Fotografen warten?

Dort waren die Corona-Tests angesetzt, dort trainieren wir. Ich halte nichts von Versteckspielen.

In der Öffentlichkeit entstand trotzdem das Bild eines Rapports und eines kühl agierenden Profi-Klubs. Vor allem auch durch eine eher unglückliche Mitteilung des FC zu dem ganzen Fall. Das muss Sie doch maßlos ärgern.

Als Entscheidungsträger handelt man nicht im luftleeren Raum. Durch das Interview ist ein falscher Eindruck über den Umgang mit den positiven Tests entstanden, der das Gesundheitsamt, die DFL und den 1. FC Köln in ein falsches Licht gerückt hat. Das mussten wir korrigieren – bei allem Verständnis für Birger und seine Situation. Deshalb ärgert mich, dass binnen kürzester Zeit ein Bild des 1. FC Köln gezeichnet wurde, das völlig konträr ist zu allem, was sich dieser Verein in den vergangenen Monaten und Jahren aufgebaut hat. Sie wissen, dass ich schon als Spieler hier aktiv war. Und dieser Verein ist immer noch so, wie ich ihn immer geliebt habe: leidenschaftlich, warmherzig, menschlich. Und ich denke, dass der Umgang mit der Situation der drei positiv getesteten Spieler genau das auch zeigt. Wir waren transparent und haben zugleich die Privatsphäre unserer Spieler geschützt. Dafür zum Beispiel haben wir sehr viel positiven Zuspruch erfahren. So arbeiten wir hier.

Das klingt, als könnte der Kölner Weg vielleicht eher Vorbild sein für andere Vereine in dieser schwierigen Zeit.

Die Abstiege haben diesen Verein demütig gemacht, aber nicht einen Millimeter weniger leidenschaftlich. Die Zeiten sind lange vorbei, dass in Köln internationale Ex-Nationalspieler einen Luxuswagen vorfuhren, um es mal überspitzt zu formulieren. Nationalspieler Jonas Hector kommt mit dem Fahrrad zum Training. Für viele unserer Heimspiele könnten dreimal so viele Tickets verkaufen, wie wir Plätze haben. Für Dauerkarten haben wir eine unfassbare Warteliste. Da bekommt man Gänsehaut, bei dieser Strahlkraft. Und das als Aufsteiger. Meiner Meinung nach liegt das vor allem auch daran, dass der 1. FC Köln eben ein Klub zum Anfassen ist. Wir sperren uns nicht weg. Wir trainieren am Geißbockheim, mitten in der Stadt Köln, wir gehen beim Rosenmontagszug mit. Ganz nah bei den Menschen. Mehr als ein halbes Dutzend unserer Profis kommt aus Köln oder der näheren Umgebung. Gigantische Millionen-Transfers hat es hier schon lange nicht mehr gegeben. Und ich denke, das ist langfristig der richtige Weg für unseren Club. Das belegen zum Beispiel unsere Mitgliederzahlen, die sich in den letzten Jahren fast verdoppelt haben. Das schafft man nicht mit Arroganz und Kaltherzigkeit.

Aber wenn Sie über den Kölner Tellerrand hinausblicken, werden auch Sie sehen, dass der Profifußball großflächig den Bezug zur Basis verloren hat. Wie kann man das Ansehen der Branche wieder verbessern? Eine Deckelung der Gehälter, von der oft geredet wird, kann das kaum alleine bewirken…

So eine Krise führt natürlich dazu, sich als Branche stärker zu hinterfragen. Ich denke, dass verschiedene Dinge auf den Tisch gehören und diskutiert werden müssen. Zum Beispiel der von Ihnen genannte Salary Cap, also die Gehaltsobergrenze für die Vereine. Das müsste aber mindestens europaweit eingeführt werden, sonst wäre es für den deutschen Fußball nicht mal ansatzweise sinnvoll. Bevor wir also darüber nachdenken, wie sinnvoll das wäre, müsste das EU-Parlament den Rahmen dafür schaffen. Denn wenn man das nur in Deutschland einführt, müsste sich jeder im Klaren darüber sein, dass Lewandowski dann nicht mehr bei Bayern spielt. Und jeder BVB-Fan müsste wissen, dass Haaland dann nicht nach Dortmund gewechselt wäre. Das kann man für jeden Verein so durchspielen, auch für Köln oder Werder. So ehrlich muss man dann sein. Und man dürfte dann auch nicht mehr darüber diskutieren, dass die Bundesliga im Europapokal nicht mehr konkurrenzfähig ist. Sie sehen: Bei solchen Themen braucht man mindestens eine europäische, wenn nicht sogar eine globale Lösung. Wenn wir mal auf den amerikanischen Sport schauen, muss man ehrlich sagen: Die Fußball-Liga dort ist nicht konkurrenzfähig gegenüber Football oder Basketball, weil dort eben nicht die absolute Top-Qualität vorhanden ist. Die spielt im Fußball in Europa. Diese Fakten fehlen mir, wenn aktuell über Gehaltsobergrenzen gesprochen wird. Eine ehrliche Diskussion ist aber die Grundvoraussetzung, um einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Liga-Chef Seifert will eine Taskforce gründen, um die Image-Probleme der abgehobenen Fußball-Branche nachhaltig in den Griff zu bekommen. Würden Sie sich dort engagieren – und kann so eine Arbeitsgruppe wirklich erfolgreich werden?

Die ganze Branche in einen Topf zu werfen, halte ich für falsch. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass so eine Taskforce erfolgreich werden kann. Sie könnte so besetzt werden, dass verschiedene Perspektiven miteinfließen. Ideen von Menschen, die schon lange im Fußball arbeiten, die selbst gespielt haben, die nah an den Fans sind und solche, die die wirtschaftliche Seite im Blick haben. Da sollten Trainer und Manager mitreden, und Ehemalige. Genauso wichtig ist es, dass nicht nur der innerste Zirkel über den Fußball diskutiert. Wir müssen Leute mit ins Boot nehmen, die eine andere Sichtweise haben und andere Ideen einbringen.

An wen denken Sie?

An Fans, Politiker, Medien oder auch Menschen, die sich mit Ethik beschäftigen. Auch die Sponsoren aus der Wirtschaft gehören dazu. So eine Arbeitsgruppe sollte in der Lage sein, alle Bedürfnisse einfließen zu lassen. Ich würde mir als Manager nicht anmaßen, über die Sichtweisen der Fans zu reden. Wenn man das ernst meint und wirklich daran arbeiten will, wie der Bundesliga-Fußball im Jahr 2030 aussehen soll, dann steht und fällt das damit, dass man uneitel an die Sache herangeht. Nur dann kann man etwas erreichen. Jeder muss sich einbringen, ohne sich dabei wichtiger zu nehmen als er ist. Und man muss sich Zeit geben. Wegen der Coronakrise zum Beispiel zu sagen, dass man in zwei Monaten erste Ergebnisse haben will, wäre völlig falsch. Wenn man den Fußball mit der nötigen Zeit nachhaltig verändern will, wenn das wirklich der Grundtenor ist – dann würde ich mich da begeistert einbringen. Und viele andere Menschen sicherlich auch, die den Fußball lieben.

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