Die Bundesliga-Kolumne von Lou Richter

Macht der April, was Werder will?

In der Tabelle sieht es für Werder wieder schlechter aus. Unser Kolumnist Lou Richter hält nichst von Schönfärberei, allerdings will er auch nicht schwarzmalen. Vorsicht ist aber geboten.
17.04.2021, 05:00
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Von Lou Richter
Macht der April, was Werder will?

Unser Kolumnist Lou Richter wirft einen Blick auf das Bundesliga-Geschehen.

WESER-KURIER

Der April macht ja angeblich, was er will. Jau, mir war's oft auch zu fußkalt im Gesicht. Die Verantwortung für Wetterkapriolen sollte der April aber mit Verweis auf uns Klimadeppen weit von sich weisen. Einfacher ist: Was will Werder in diesem April?

Auf dem Zettel stehen zwei Monatsordnungspunkte: Klassenerhalt sichern, Einzug ins Pokalfinale. Die Versetzung in die nächste Saison hatten viele schon eingesackt, was sollte denn passieren bei elf Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz? Leider das: Vier Niederlagen in Folge und ein Aufbäumen der schwer eingeknickten Bielefelder und Mainzer. Unkende Pessimisten wittern schon wieder die Relegation, wenn nicht sogar die Zweitklassigkeit.

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Ich halte es mit Karl Valentin, der gesagt hat: „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“ Das soll kein Appell zu realitätsverweigernder Schönfärberei sein, schon Elton John sah mit der rosaroten Brille doof aus. Aber Schwarzmalerei ist genauso wenig hilfreich und zusätzlich noch total freudlos. Auch ich habe gelegentlich den Impuls, in Werder-Wunden zu wühlen. Das machen gerade schon ausreichend Spezial-Spezialisten in allen Medien, wo man nicht gerade glaubt, dass der Ball hüpft, weil da ein Frosch drin wohnt.

Sehr nützlich im Fußball und sowieso scheint mir die Haltung des schwedischen Mediziners Hans Rosling, der sich selbst als „Possibilist“ bezeichnete, jemand, der nach Möglichkeiten und Chancen sucht. In seinem Buch „Factfulness“ hat er dem ganzen Geplärre über das Miese in der Welt jede Menge Fakten zu positiven Fortschritten entgegengestellt. Das ist im Allgemeinen wunderbar, im Speziellen bei Werder leider nicht, hier kommt der Haken: positive Fortschritte, ähem, Moment, da muss ich suchen, wo waren die noch, ach ja, hier: 19 Gegentore weniger als zum gleichen Zeitpunkt der letzten Spielzeit. Schon fünfmal zu Null, öfter als in der kompletten Vorsaison. Und offensiv ist kein Team so effektiv wie Werder, 76 Prozent der Großchancen werden eingenetzt. Das reicht zu wenig berauschenden 32 Toren, immerhin mehr, als fünf anderen Teams bisher gelang. Die noch torärmeren Mainzer und Augsburger kommen noch ins Weserstadion; zwei Siege und der Klassenerhalt sollte gebongt sein.

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Zwei Siege – mehr braucht es auch nicht mehr zum Triumph auf der anderen Hochzeit, dem Pokal, bei dem per eigenem Gesetz nichts unmöglich ist. Das (nicht ganz beabsichtigte) Täuschungsmanöver gegen Leipzig hat tadellos geklappt: „Wir sind so gefährlich wie narkotisierte Faultiere“. Im Halbfinale muss aber der Tiger freigelassen werden. Werder, Flutlicht, Pokal, da war was, da ist was – die Walpurgisnacht könnte ein guter Zeitpunkt sein, die roten Dosen zu verhexen.

Ich kann mir sogar vorstellen, dass sich Werder auch morgen in Dortmund wie ein Bauerntrampel in der Oper benimmt, um dann im Pokalfinale den Seidensmoking auszupacken. Der BVB hat ein Werder-Trauma, die letzten drei Duelle im Pokal gewannen die Bremer. Die Möglichkeit besteht. Alles ist drin, auch in einer Saison abzusteigen UND gleichzeitig Pokalsieger zu werden. 1996, Kaiserslautern lässt grüßen, mittlerweile aus dem Abstiegskampf in der 3. Liga. Obacht, Werder!

Info

Zur Person

Lou Richter (60)

wurde durch die Moderation der Sat.1-Sportsendung „Ran“ bekannt. Im wöchentlichen Wechsel mit Jörg Wontorra, Christian Stoll und Daniel Boschmann schreibt er in unserer Zeitung, was ihm im Bundesliga-Geschehen aufgefallen ist.

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