Der Kommentar zu Werders Saisonstart

Die Theorie scheitert an der Praxis

Auch wenn erst ein Spiel vorbei ist, müssen bei Werder Veränderungen eingeleitet werden, um nicht wieder in größte Not zu geraten. Hier ist auch der Trainer gefordert, kommentiert Chefreporter Jean-Julien Beer.
21.09.2020, 09:31
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Die Theorie scheitert an der Praxis
Von Jean-Julien Beer
Die Theorie scheitert an der Praxis

Viele Worte, aber kein passendes Ergebnis: Werders Spieler zeigten gegen Hertha BSC eine schwache Leistung.

nordphoto

Viele Fans rieben sich am Wochenende verwundert die Augen und dachten: Bei Werder hat sich nichts verändert. Dabei wollten die Bremer wieder für attraktiven Fußball stehen, listig wie die Gallier, mutig und offensiv. Nach dem Fast-Abstieg sollte es kein Weiter-so geben. Eine neue (Sieger)-Mentalität stand weit oben auf dem Lehrplan. Doch wie auf dem Spielfeld gilt auch für das Drumherum bei Werder: ­Theorie und Praxis klaffen weit ausein­ander.

Bei der 1:4-Niederlage zum Bundesligastart gegen eine keineswegs heraus­ragende Berliner Hertha war Werder so schlecht, dass der Verein schon wieder als Mitfavorit auf die Abstiegsplätze gilt. Der Einwand, dass erst ein Spiel vorbei ist, sollte bei Werder mit Vorsicht angeführt werden: Fehleinschätzungen dieser Art führten den Verein vergangene Saison fast ins Verderben.

Richtig, dass Baumann Druck macht

Deshalb ist es richtig, dass Manager Frank Baumann schon jetzt schnelle Verbesserungen fordert. Es ist inakzeptabel, wenn Spieler den Eindruck erwecken, die Abstandsregeln des Hygienekonzeptes auch während der 90 Minuten zu befolgen. Der Kader hält genügend Alternativen bereit, die schlechter nicht spielen können. Zur Problemlösung muss Trainer Florian Kohfeldt ohnehin beitragen: Seine Matchpläne und Ansprüche sind fachlich exzellent, also in der Theorie. Bei Werder hat er aber offenbar nicht genügend Spieler, die in der Lage sind, solche Vorgaben in der Praxis umzusetzen. Weniger ist manchmal mehr, diesen Gedanken sollte Kohfeldt schnell zulassen.

Grundsätzlich müssen alle im Werder-Umfeld realistisch sein: Selbst wenn Kohfeldt eine Stammelf findet, die sich wenigstens wehrt und die Tore schießen kann – Bremen wird dadurch auf absehbare Zeit nicht in die Europapokalränge vorstoßen. Mehr als die Hälfte der heutigen Erstligaklubs ist wirtschaftlich weit enteilt. Während sich andere mit Millionentransfers rüsten, muss ein Trainer in Bremen mit ablösefreien Spielern aus der zweiten Liga leben, aber auch bereit sein, diese zu fördern und zu entwickeln.

Schalke als große Chance

Das primäre Ziel kann nur lauten, drei Klubs in der Tabelle hinter sich zu lassen. Das wird Werder aber nur gelingen, wenn man nicht regelmäßig als harmloser Aufbaugegner auftritt. Schon am zweiten Spieltag gegen Schlusslicht Schalke bietet sich die Chance, einen Konkurrenten zu distanzieren und die Wende zum Besseren zu schaffen – in der Theorie. In der Praxis wären alle bei Werder gut beraten, diese Chance zu nutzen.

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