Auch Werders Klaus Filbry macht sich Gedanken

Liga-Chef Seifert will den Profifußball verändern

Mehr Bodenhaftung statt goldener Steaks, eine Gehaltsobergrenze statt neuer Rekordbeträge: Die Bundesliga geht zunehmend selbstkritisch mit ihrer Situation um. Jetzt soll eine weitere Task-Force dabei helfen.
29.04.2020, 13:19
Lesedauer: 3 Min
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Von wkf/dpa
Liga-Chef Seifert will den Profifußball verändern

Derzeit ein Ort ohne Fans: das Bremer Weserstadion. Die Liga will daran arbeiten, nach der Krise alle Anhänger zurückzugewinnen.

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Als Christian Seifert nach der Ligaversammlung in der vergangenen Woche fragte, was der Profifußball denn zuletzt falsch gemacht habe, interpretierten das einige Vertreter der Bundesliga völlig falsch – nämlich als eine spitze Bemerkung in Richtung der kritischen Medien, die eine Rückkehr des Profifußballs mit Geisterspielen nicht einfach nur mit Applaus begleiten. Tatsächlich aber hatte Seifert als DFL-Geschäftsführer seine kritische Frage an die eigenen Klubs gerichtet: Was haben wir alle, aber was habt auch ihr in den Vereinen in den vergangenen Jahren falsch gemacht, dass die Gesellschaft uns nun so kritisch sieht?

So langsam dämmert das auch den letzten Managern, Spielerberatern und sonstigen Funktionsträgern der Bundesliga, die es sich in den vergangenen Jahren in einer boomenden Branche sehr bequem eingerichtet hatten. Eine Branche, die in vielen Fällen jede Bodenhaftung und den Bezug zur Lebensrealität der Fans verloren hatte. Doch die Corona-Krise und die plötzliche Existenz-Not der Vereine zwingt die Handelnden jetzt zu einem Umdenken – und Seifert möchte das offensichtlich höchst selbst vorantreiben, um nicht nur kurzfristig die Branche zu retten, sondern langfristig auch ihren Ruf und ihre nachhaltige Zukunft.

„Nicht weitermachen wie bisher“

Seifert will im Grunde den Profifußball nach der Corona-Krise neu gestalten und hofft auf eine Obergrenze bei Spielergehältern, Beraterhonoraren und Ablösesummen. „In jeder Präsidiumssitzung war zuletzt das Thema: Was lernen wir aus dieser Krise, worüber müssen wir nachdenken? Die Liste wird mit jeder Sitzung länger“, sagte der DFL-Chef in einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Man wolle nicht „einfach nur irgendwie durch die Krise kommen und dann weitermachen wie bisher“.

Die DFL brauche jetzt nicht nur eine Taskforce „Sportmedizin“, um überhaupt die Voraussetzungen zu schaffen, unter denen die 1. und 2. Bundesliga weiterspielen dürfe. „Wir brauchen jetzt auch eine Taskforce 'Zukunft Profifußball', die die Rahmenbedingungen definieren muss, unter denen wir künftig spielen wollen“, sagte Seifert. Der 50-Jährige würde diese Taskforce gerne im Herbst einsetzen. Zuletzt hatten bereits verschiedene Fan-Organisationen einen Wertewandel im Profigeschäft und einen „neuen Fußball“ gefordert.

„Fußball macht sich angreifbar“

Wenn man jetzt den Mut und die Ausdauer habe, Veränderungen im Profifußball zu denken und auch über eine lange Strecke vorzunehmen, „dann kann aus dieser Krise auch etwas Positives entstehen“, sagte Seifert und räumte ein: „Offensichtlich hat die Bundesliga durch Spielergehälter, Ablösesummen und auch einige Bilder, die sie selbst produziert hat, Stichwort „goldene Steaks“, damit teilweise ein Bild von sich erzeugt, das ein Teil der Menschen nicht akzeptieren kann.“ Auch er habe in der Bundesliga genügend Dinge gesehen, erlebt und gehört, „die mich nicht unbedingt begeistern“.

Werders Geschäftsführer Klaus Filbry sieht das ähnlich. „Ich glaube, was der Fan nicht mehr sehen möchte, sind Ablösesummen über 100 oder 200 Millionen Euro. Und auch nicht mehr Gehaltsdiskussionen, ob jemand 15 oder 20 Millionen verdient“, sagte Filbry dem TV-Sender „Sky“. Und fügte hinzu: „Das sind Themen, wo wir uns als Fußball angreifbar machen. Da muss man sehr sorgsam und sehr achtsam mit umgehen.“

„Symbolpolitik hilft nicht“

Seifert redet in diesen Tagen nicht um das Problem herum, sondern geht in die Offensive. „Die am stärksten wahrnehmbare Kritik findet sich derzeit an der Schnittstelle Sport und Wirtschaft. Da geht es um Spielergehälter, schamlos zur Schau gestellten Reichtum, Ablösesummen sowie Berater, die Millionen kassieren für einen Musterarbeitsvertrag, den sie bei uns aus dem Internet herunterladen können. Und das einfach nur deshalb, weil sie den richtigen Dreiundzwanzigjährigen kennen. Das sind für uns alle die neuralgischen Punkte. Wir brauchen dafür Lösungen, die im Alltag tragen. Wir dürfen jetzt nicht zu einem Ankündigungsweltmeister werden. Es sollten Lösungen sein, die nach einem objektiven Maßstab fragwürdige Entwicklungen identifizieren und dann zumindest begrenzen, vielleicht auch korrigieren. Und nicht Symbolpolitik. Symbolpolitik hilft niemandem.“

Seifert hofft deshalb wie auch Bremens Filbry auf die Möglichkeit, dass eine Gehaltsobergrenze eingeführt wird. „Doch Tatsache ist, dass ein Salary Cap gegen europäisches Recht verstößt“, sagt der Liga-Boss. „Sollten neue Signale seitens der Politik gesendet werden, gebe ich Ihnen Brief und Siegel, dass UEFA-Präsident Aleksander Ceferin zur EU fährt und dort sagt: Lasst uns über Salary Caps, über die Begrenzungen von Ablösesummen und Beraterhonoraren sprechen. Und ich bin der Erste, der ihn begleitet.“

Wenn es möglich sei, Managergehälter zu deckeln, dann müsse es auch möglich sein, Gehälter von Beratern und Spielern zu deckeln. „Sicher ist auch, dass der Widerstand groß sein wird und auch Berater aus Deutschland sofort antreten würden, diesen Plan anzufechten“, so Seifert. Er sei als Mitglied des sogenannten FIFA Professional Football Stakeholders Committee schon angeschrieben und mit einer persönlichen Klage bedroht worden, falls er in diesem Gremium für eine Begrenzung der Beraterhonorare stimmen würde - „unterzeichnet übrigens von sehr prominenten Spielerberatern“.

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