Reck über das Duell Schalke gegen Werder

„Keiner darf dieses Spiel verlieren“

Er war eine Torhüter-Legende bei Werder Bremen und auf Schalke. Im Interview mit dem WESER-KURIER spricht Oliver Reck über die beiden kriselnden Klubs, den Umgang mit Nübel und Pavlenkas Rolle bei Werder.
28.05.2020, 20:11
Lesedauer: 7 Min
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Von Jean-Julien Beer
„Keiner darf dieses Spiel verlieren“

Klare Worte zu Werder und Schalke: Torwart-Legende Oliver Reck.

dpa

Oliver Reck hat mit Werder und Schalke große Spiele erlebt und Titel gewonnen. Von 1985 bis 1998 stand er für Bremen in 345 Partien im Tor, gewann 1988 und 1993 die Meisterschaft, 1992 den Europapokal der Pokalsieger sowie 1991 und 1994 den DFB-Pokal. Nachdem ihn der legendäre Manager Rudi Assauer 1998 zu Schalke geholt hatte, machte Reck für die Königsblauen bis 2003 weitere 112 Spiele und gewann 2001 und 2002 den DFB-Pokal. Im dramatischen Saisonfinale 2001 stand er zudem bei Schalkes vierminütiger „Meisterschaft der Herzen“ im Tor. Das direkte Duell seiner beiden Ex-Klubs wird Reck am Samstag in Gelsenkirchen verfolgen, als Co-Kommentator für Schalke-TV. Vorher sprach er mit dem WESER-KURIER über das brisante Spiel.

Herr Reck, normalerweise würde man sagen: Wenn der Neunte der Tabelle gegen den 17. spielt, ist klar, wer als Favorit ins Spiel geht. Ist das am Wochenende bei Schalke gegen Werder wirklich so klar?

Oliver Reck: Nein, das ist gar nicht klar. Auch wenn es wohl keine der beiden Mannschaften gerne hört: Das Spiel riecht geradezu nach Unentschieden. Beide spielen keine gute Saison. Schalke stand zwar in der Hinrunde noch richtig gut da, was aber seit der Winterpause dort passierte, das ist einfach eine sportliche Katastrophe für diese Mannschaft. Werder hinkte von Beginn an hinterher und muss jetzt sehr aufpassen, dass sie nicht nächste Saison in der zweiten Liga spielen, zumal Fortuna Düsseldorf als direkter Konkurrent im Abstiegskampf am Mittwochabend gewonnen hat. Deshalb wird Schalke gegen Werder jetzt ein ganz entscheidendes Spiel für den weiteren Verlauf der Saison. Verlieren darf keiner der beiden Vereine, aber ein Punkt ist für beide im Grunde auch zu wenig.

Bremen hielt an Florian Kohfeldt fest und punktet wieder. Einige große Ex-Werderaner haben sich vergangene Woche kritisch über den Trainer und das schwache Auftreten der Mannschaft geäußert. Wie haben Sie diese aufgeregten Tage bei Werder wahrgenommen – und auf welcher Seite stehen Sie?

Ich habe mich in diesen Diskussionen bisher sehr zurückgehalten. Aber auch ich habe eine Meinung dazu. Wenn der Verein sich ganz klar zu Florian Kohfeldt bekannt hat, gibt es über ihn nichts mehr zu diskutieren. Werder Bremen sagt: Das ist unser Trainer, dem vertrauen wir, der führt uns aus der Krise. Ob das richtig oder falsch ist, werden wir alle erst nach dem letzten Spieltag wissen. Vielleicht packt es Florian ja wirklich, die Mannschaft wieder aus dem Tief zu führen und den Verein in der Bundesliga zu halten. Dann war es genau die richtige Entscheidung. Und dann können alle nach Hause gehen, die vorher gesagt haben: Der Trainer muss weg! Aber es kann natürlich auch total in die Hose gehen und Werder steigt ab, was historisch wäre nach so vielen Jahren in der Bundesliga. Das wäre wirklich ein Desaster, nicht nur für den Verein Werder Bremen, sondern für die ganze Stadt, für die gesamte Region.

Haben Sie nach den jüngsten Spielen wieder mehr Hoffnung, dass Werder die Klasse noch hält?

Hoffnung muss man immer haben. Zumindest die kämpferische Leistung war beim Sieg in Freiburg und nun beim 0:0 gegen Mönchengladbach in Ordnung. Scheinbar hat die Mannschaft erkannt, um was es hier nun geht. Die Rettung kann nur gelingen, wenn sich alle Spieler in den nächsten Partien unglaublich engagiert zeigen. Und zuletzt hatte man durchaus das Gefühl als Zuschauer, dass das wieder passt. Aber man muss natürlich auch fragen: Wenn nicht jetzt, wann denn dann? Wann sollen die Bremer Profis denn so spielen, dass jeder beim Zuschauen das Gefühl bekommt, das ist jetzt aber ein verdammt wichtiges Spiel? Was soll denn in Bremen noch alles passieren, um so eine engagierte Leistung zu zeigen? Ich glaube, dass diese Einstellung und dieses Engagement aber höchstens die Basis sein werden, um wirklich da unten noch rauszukommen. Denn jetzt kommen auch Spiele, wie gegen Schalke, Frankfurt oder Bayern München, da zählt nicht nur der kämpferische Einsatz, sondern da muss dann auch etwas im spielerischen Bereich kommen. Und da bin ich gespannt.

Sie zielen darauf ab, dass Werder auch in den beiden besseren Spielen gegen Freiburg und Mönchengladbach insgesamt nur ein Tor geschossen hat.

Genau. Das kann man durchaus als negativ bewerten. Aber lassen Sie uns gar nicht über positiv oder negativ reden. Die Mannschaft hat die Zeichen der Zeit erkannt, so sieht es zumindest aus, und das war allerhöchste Zeit. Und jetzt bin ich wirklich gespannt, was Werder am Samstag auf Schalke zeigen wird. Für beide Vereine geht es in diesem Spiel wirklich um unwahrscheinlich viel.

Schalke ist Schlusslicht der Rückrunden-Tabelle. Haben die Königsblauen jetzt die Probleme, die Werder in der Hinrunde hatte? Viele Verletzte, keine Tore, große Verunsicherung?

Schalke hat seit zehn Spielen nicht mehr gewonnen, und das bei 3:24 Toren – wenn jetzt das Publikum in der Arena sein könnte, dann würde es ein riesiges Pfeifkonzert auf Schalke geben, und zwar garantiert schon vor dem Spiel, für diese Leistung der letzten Wochen. Aber das wird ja nun nicht der Fall sein. Die Schalker Mannschaft ist jetzt trotzdem total gefordert, gerade gegen einen Tabellen-Vorletzten wie Bremen. Aber auch Werder hilft im Keller nur ein Sieg. So wertvoll jeder einzelne Punkt auch sein mag, die Tabelle sagt klar aus: Werder muss dieses Spiel gewinnen.

Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie schwer das Schalker Trikot für einen Torwart wiegen kann und wie groß der Druck in diesem Verein ist. Wen würden Sie ins Schalker Tor stellen: Schubert oder Nübel?

Sehr schwierige Frage, aber ich würde sagen: einen Dritten, nämlich Ralf Fährmann. Der hätte bei mir gespielt. Den hätte ich nie abgegeben. Ich konnte das vergangenen Sommer nicht ganz verstehen, dass man Fährmann als Kapitän dieser Mannschaft so ratzfatz austauscht. Das hätte ich so nicht gemacht. Ralf Fährmann war in den letzten Jahren immer eine Bank, er hat nie enttäuscht. Er hat keine überragenden Saisons gespielt, war aber in diesem großen Verein ein sehr verlässlicher Torwart. Dann kommt ein junger Nachfolger wie Alex Nübel, bei dem man natürlich schon gesehen hat, dass er ein riesiges Talent mitbringt, vor Selbstvertrauen strotzt und mit Mut spielt. Er hatte so ein bisschen die Art von Manuel Neuer, als der ein junger Torwart auf Schalke war. Man konnte also das Gefühl bekommen, da wächst wieder ein außergewöhnlicher Torhüter auf Schalke heran. Aber das heißt noch lange nicht, dass er bei mir jedes Spiel gemacht hätte. Denn jetzt ist genau das passiert, was nicht hätte passieren müssen: Erst das grenzenlose Vertrauen in Nübel, und dann ein sehr schnelles Fallenlassen nach ein paar nicht so guten Spielen und der Verkündung seines Wechsel zum FC Bayern, für dessen Bekanntgabe er sich sehr viel Zeit gelassen hat. Das war für alle Beteiligten eine sehr schwierige Geschichte, und dieses Thema schwebt nach meinem Empfinden auch immer noch ein bisschen über der Schalker Mannschaft.

Wenn die kritischen Fans wegen Nübels Bayern-Wechsel das Problem sind, könnte man in den Geisterspielen doch Nübel wieder spielen lassen. Es pfeift ja keiner mehr…

Klar, so könnte man es sehen. Aber kein Trainer von Schalke 04 stellt einen Torhüter auf, weil die Fans es wollen oder nicht wollen. Wer das als Trainer macht, ist schon direkt fehl am Platz. Denn ein Trainer muss ja von seinem Torwart überzeugt sein. Natürlich ist Schalke etwas schwieriger, gar keine Frage, aber als Trainer muss ich klar sagen: Das ist meine Nummer 1, der spielt. Und nur wenn er nicht die Nummer 1 ist, dann spielt er nicht. Das darf aber nichts damit zu tun haben, dass er zu Bayern München wechselt. Ich würde meine Entscheidung als Trainer nur davon abhängig machen, welcher Torhüter der Mannschaft am besten hilft. Nicht: Wer ist in dem einen Bereich besser, wer ist vielleicht dort etwas schwächer, wen mögen die Fans mehr oder wer ist bei den Journalisten eher beliebt. Die Frage darf auch nicht sein: Was ist für die Zukunft des Vereins wichtig? Nein, es darf nur um das Jetzt gehen, um das Spiel am Samstag. Welcher Torhüter hilft der Mannschaft gegen Werder Bremen am besten? Der muss spielen. Aber ich bin nur ein Außenstehender, ich kann das nur mit dem Blick von daußen beurteilen. Natürlich ist das für alle auf Schalke eine schwierige Situation. Und auch deshalb bin ich sehr gespannt, wie dieses Spiel angegangen wird – und wie es ausgeht.

Können Sie Nübels Wechsel zu Bayern verstehen?

Nein, auch da sehe ich ganz viele Fragezeichen. Wenn ich zu Bayern gehe, dann weiß ich, dass dort Manuel Neuer im Tor steht. Das ist der beste Torhüter der Welt und seit Jahren die deutsche Nummer 1. Auch wenn er immer mal Probleme mit Verletzungen hatte, übrigens schon als junger Torwart bei uns auf Schalke damals, spielt Manuel Neuer einfach in einer ganz anderen Sphäre. Und der ist noch keine 38, der wird also noch ein paar Jahre spielen. Wenn ich jetzt also zu Bayern gehe, dann weiß ich als junger Torhüter wie Nübel: Ich werde dort nicht oft spielen. Nun muss ich als Spieler entscheiden: Gehe ich dieses hohe Risiko bei diesem Wechsel trotzdem ein? Oder lasse ich mich von Bayern zu einem anderen Klub ausleihen? Vielleicht will Alex Nübel auch von Manuel Neuer im Training lernen, aber eigentlich soll und will er in dem Alter selbst spielen. Nübel will ja seine nächste Entwicklungsstufe nehmen und vielleicht auch international auf sich aufmerksam machen. Wenn er bei Bayern bleibt, wird er diese Chance aber mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht bekommen.

Bei Werder hat Jiri Pavlenka sein Formtief überwunden, er hielt zuletzt sehr stark. Wie schätzen Sie ihn ein?

Pavlenka hat letztes Jahr eine tolle Saison gespielt. Dadurch war auch die Erwartungshaltung an ihn sehr hoch, zumal es angeblich ja auch Interesse aus dem Ausland gab, wo der ein oder andere Klub schon über ihn diskutiert haben soll. Dadurch erwarten auch die Fans natürlich besondere Leistungen. Diese guten Eindrücke des Vorjahres konnte er in der Hinrunde jedoch überhaupt nicht bestätigen. Aber er lernt aus dieser Situation, ist ein sehr ruhiger und bodenständiger Typ, sehr besonnen. Auf mich macht er einen sehr zielstrebigen Eindruck. Dass er es grundsätzlich kann, hat er mit seiner tollen letzten Saison gezeigt. Jetzt scheint er an diese Form wieder anknüpfen zu können.

Wie wichtig ist ein guter Torwart im Abstiegskampf?

Das kann eine Bank sein. Nicht nur, wie er hält. Sondern auch, wie er auftritt und wie er mit seinen Mitspielern umgeht. Ein guter Torwart reißt die Mannschaft mit und coacht und korrigiert im Spiel auch von hinten heraus. Der Torwart ist in so einer brenzligen Situation wie bei Werder enorm wichtig. Denn er kann der Ruhepol sein, auf den ich mich als Mannschaft verlassen kann. Es kann aber auch ins Gegenteil ausufern, wenn der Torwart den entscheidenden Fehler macht. Die Gefahr sehe ich bei Pavlenka jetzt aber eher nicht. Ich glaube, dass seine Ruhe derzeit sehr positiv auf die Mannschaft ausstrahlt.

Das Gespräch führte Jean-Julien Beer.

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