Das Relegationsspiel in der Taktik-Analyse

Heidenheims Ideen überfordern Werder

Ideenlos, mutlos und am Ende auch noch kopflos: Werder fand gegen Heidenheims simple Defensivstrategie kein Mittel und musste letztlich sogar noch froh über das torlose Remis sein, das zeigt unsere Analyse.
03.07.2020, 12:24
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel
Heidenheims Ideen überfordern Werder

Werders Spieler, hier Yuya Osako, hatten gegen die enge Heidenheimer Deckung einen schweren Stand.

dpa

Zunächst die Fakten: Werder-Coach Florian Kohfeldt ging keinerlei Experimente ein und brachte die siegreiche Elf vom Wochenende. Lediglich der gesperrte Kevin Vogt musste ersetzt werden, Kohfeldt entschied sich für Philipp Bargfrede in der Vogt-Rolle und beließ es damit bei den beiden Achtern Maximilian Eggestein und Davy Klaassen. Werder spielte wie gewohnt im 4-3-3, mit Yuya Osako und Milot Rashica als schwimmende Angreifer zwischen Mittelfeld und Angriff und Niclas Füllkrug als Keilstürmer vorne drin.

Heidenheims Trainer Frank Schmidt tauschte dagegen gleich auf drei Positionen. Der Wechsel von Föhrenbach zu Theuerkauf war noch erwartet worden, Multhaup für Otto und vor allen Dingen den erst 19-jährigen Sessa, der lediglich 15 Minuten Einsatzzeit in dieser Saison bekam und sich wegen einer Undiszipliniertheiten vor ein paar Wochen aus der Mannschaft spielte, für Kerschbaumer zu bringen, war doch sehr überraschend.

Allerdings brauchte Schmidt Multhaup und Sessa für seinen aus Heidenheimer Sicht sehr ungewöhnlichen Plan: In der Regel ist der FCH eine klassische 4-4-2-Mannschaft, mit zwei Viererketten, die im Raum verschiebt und den Gegner gerne ins Zentrum lenkt. Gegen Werders 4-3-3 mit der permanenten Besetzung der Halbräume und den Steil-Klatsch-Mustern im Übergangsspiel und im letzten Drittel hatte sich Schmidt aber mehrere Lösungen parat gelegt.

Überraschende Grundordnung

Heidenheim stellte die Grundordnung auf ein 5-3-2 um, der eigentliche Rechtsverteidiger Marnon Busch rückten als Halbverteidiger neben die etatmäßigen Innenverteidiger Beermann und Mainka. Multhaup rechts und Theuerkauf links waren die Flügelspieler. Beide sollten schnell auf die Bremer Außenverteidiger rausrücken, sobald diese angespielt wurden. Wobei Multhaup gegen Friedl extrem früh attackierte und ihn immer sehr direkt anlief. Heidenheim wollte mit dem Zuspiel auf den Bremer Außenverteidiger nicht mehr groß lenken, sondern ging dann sofort aggressiv auf die Balleroberung.

Im Zentrum und in den Halbräumen hatte Schmidt zusätzlich zur gewohnten Doppel-Sechs mit Dorsch und Grießbeck nun auch noch Sessa als dritten Spieler vor der Abwehr, der das Zentrum und den (rechten) Halbraum mit schließen konnte. Thomalla und Kleindienst sollten weiter vorne die Innenverteidiger nicht wirklich attackieren, sondern Veljkovic und Moisander das Andribbeln oder einen Tiefenpass in die Spitze zustellen.

Manndeckung zieht Mittelfeld den Zahn

Gekrönt wurde diese sehr stringente Ausrichtung dann auch noch mit einer flächendeckend durchgeführten Manndeckung. Dorsch kümmerte sich um Eggestein, der gute Balleroberer Sessa kümmerte sich um Klaassen. Grießbeck klebte an Osako. Die drei Innenverteidiger konnten immer auch mal bis ins Mittelfeld ihren direkten Gegenspieler verfolgen, ohne dass eine große Lücke in deren Rücken aufging, weil die Kollegen sofort und hochkonzentriert schlossen. Heidenheim lief im Mittelfeldpressing unglaublich scharf an und ließ sich zu keinem Zeitpunkt locken. Pässe zwischen den Bremer Innenverteidigern waren gestattet, sobald der Ball aber auf den Außenverteidiger kam oder in die Tiefe gespielt wurde, wurden die Gäste bissig und packten zu.

Werder hatte mit der Heidenheimer Aufteilung und der giftigen Gangart der Gäste unheimlich große Probleme. Über den wackeligen Bargfrede, der quasi als einziger keinen direkten Gegenspieler hatte, konnte Werder kaum nach vorne kommen. Dafür positionierte sich Bargfrede nicht gut genug und hatte zudem einige Probleme mit dem ersten Kontakt, um wirklich in Spielrichtung entwickeln zu können.

Werder verschlampt die offensichtlichen Lösungen

Die eigentlich naheliegenden Lösungen gegen ein mannorientiertes Verteidigen des Gegners konnte Werder nicht auf den Platz bringen. Das aggressive Verfolgen des Gegenspielers drängte jeden Bremer Spieler, der einen Pass in den Fuß gespielt bekam, in geschlossener Stellung zum gegnerischen Tor. Der Bremer Spieler konnte nicht aufdrehen, geschweige denn schon offen stehen, weil ihm sofort ein Heidenheimer auf den Füßen stand und Druck machte. Damit waren auch Dribblings, etwa vom ausweichenden Rashica oder Osako vom Flügel zur Mitte nicht möglich.

Gegengleiche Läufe, also ein kurz kommender Angreifer, der seinen Gegenspieler mitzieht und Platz schafft für einen aus dem Mittelfeld in die aufgerissene Lücke nachstoßenden Spieler, zeigte Werder so gut wie gar nicht. Deshalb fehlte es an Tiefe und der Möglichkeit, sich seines direkten Bewachers auch mal zu entziehen, um wenigstens einen Bruchteil einer Sekunde Zeit und Ruhe am Ball zu haben. Stattdessen bekamen die Bremer Spieler spätestens jenseits der Mittellinie Dauerfeuer von Heidenheim. Ohne die entsprechende Bewegungen in Spielrichtung fehlte automatisch jegliche Dynamik in den Aktionen, weshalb eben erst gestartete Angriffe, die über die erste Pressinglinie der Gäste hinaus kamen, wieder abgebrochen wurden. Die Folge waren neben vielen Pässen zwischen Vlejkovic und Moisander dann immer wieder Rückpässe. Und der Angriff musste von Neuem starten.

Und weil auch Plan B - lange Diagonalbälle oder vertikale Zuspiele in die Spitze auf Füllkrug, der dann ablegen sollte - gegen die robusten Heidenheimer keinerlei Wirkung zeigte, hatte Werder in der ersten Halbzeit noch nicht einmal den Ansatz einer Torchance. Die Gäste hatten mit ihrem simpel gestrickten Aufbau, der in der Regel schnell in einem langen Ball auf Kleindienst endete, zwar auch massive Probleme im Positionsspiel, waren aber bei ihren wenigen Umschaltaktionen zumindest zielstrebig und wenigstens ein bisschen torgefährlich. Werder dagegen kam erst gar nicht in eine dieser Kontersituationen, weil das Gegenpressing der Mannschaft in der ersten Halbzeit komplett versagte.

Umstellung und ganz schwache Standards

Nach der Pause stellte Kohfeldt um. Bargfrede rückte eins nach hinten, Werder agierte fortan mit einer Dreierkette. Das sollte offenbar besonders im Aufbau helfen, um im 3-gegen-2-Überzahl zum einen etwas andere Passwinkel in die Halbräume zu bekommen und zum anderen Moisander und Veljkovic die Gelegenheit zu verschaffen, auch mal mit dem Ball am Fuß ins Mittelfeld zu dribbeln und das Heidenheimer Zustellen damit etwas aufzubrechen. Eggestein und Klaassen spielten dafür enger zueinander im Zentrum. An der grundsätzlichen Herangehensweise der Gäste und am Spielcharakter änderte das aber kaum etwas.

Heidenheim blieb bei seiner Manndeckung im Mittelfeld, Werder fand dagegen kein Mittel, außer mehr und schneller hoch über das Heidenheimer Mittelfeld in die Spitze auf Füllkrug zu spielen, der sich aber im Kopfball nur selten behaupten konnte. Kohfeldt wechselte Mitte der zweiten Halbzeit gleich dreifach und brachte in jedem Mannschaftsteil einen frischen Spieler. Christian Groß ersetzte Bargfrede als Libero, Leo Bittencourt ging auf Klaassens Position auf der Doppel-Sechs und Fin Bartels (für Füllkrug) rückte auf Osakos Position. Der wiederum ging ganz vorne in die Spitze.

Potenziell brenzlig wurde es für Heidenheim aber nur, wenn Rashica oder Bartels etwas auf eigene Faust starteten und einen Freistoß herausholten. Nur in diesen Situationen hatte Werder Ruhe und konnte sich nah genug am gegnerischen Tor platzieren. Ansonsten blieb das Positionsspiel mangelhaft. Und weil die Standards der Bremer sogar noch schlechter waren als das fragwürdige Ballbesitzspiel, musste Heidenheims Torhüter Kevin Müller nicht ein einziges Mal eingreifen.

Schlagabtausch statt Kontrolle

Auch hier wurden die Gäste im Ansatz gefährlich, zumal mit Marc Schnatterer der Spezialist für ruhende Bälle nach rund 70 Minuten ins Spiel kam. Heidenheim blieb ansonsten in seinem Offensivspiel so simpel und risikolos wie möglich, spielte viele lange Bälle auf Kleindienst und rückte darauf nach. Auch deshalb entwickelte sich ein unterdurchschnittliches Spiel mit vielen Fehlern auf beiden Seiten und ohne Torchancen.

In den letzten zehn Minuten machte sich ein wenig die große Laufbereitschaft der Gäste bemerkbar. Das Spiel wurde in zwei, drei Umschaltsequenzen offener für Werder, die Mannschaft kam nun endlich mal mit Tempo an den Strafraum oder sogar bis zur Grundlinie. Moisanders dummes Foul killte diesen kurzen Moment der Bremer Überlegenheit aber wieder und mündete in einer erstaunlich fahrlässigen Schlussphase aus Bremer Sicht.

Statt im 4-3-2 sauber gestaffelt zu verteidigen und auf den etwas weiter nach vorne rückenden Gegner zu reagieren, ging Werder einen Schlagabtausch mit. Zwar ergab sich deshalb eher zufällig die beste Chance nach einem Fehler von Müller, auf der Gegenseite hatte Heidenheim aber noch eine Reihe von Eckbällen und kam durch Beermann nach einer dieser gefährlichen Hereingaben von Schnatterer fast noch zum Siegtreffer.

Das Ergebnis spielt Werder in die Karten

Am Ende muss Werder mit dem Ergebnis und der Tatsache, kein Gegentor kassiert zu haben, zufrieden sein. Die Leistung der Mannschaft war dem Anlass der Partie nicht angemessen. Werder war im eigenen Ballbesitz furchtbar schwach, entwickelte keine Lösungen für die älteste aller Verteidigungsstrategien des Gegners und war auch gegen den Ball einfallslos: Heidenheim spielte sein erwartbares Muster runter, ohne dass Werder mal eine (Pressing-)Falle gestellt hätte oder den Gegner beim Kampf um den zweiten Ball vor andere Aufgaben gestellt hätte.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie beide Trainer das Rückspiel am Montag angehen. Kohfeldt wird aber auf jeden Fall mehrere Alternativstrategien entwickeln müssen, um dann auch Antworten zu haben. Die Mannschaft wiederum benötigt eine andere Haltung, das erste Spiel war in allen Belangen nicht erstligatauglich. Immerhin spielt der zweifelhafte Modus mit der Auswärtstorregelung den Bremern nun in die Karten. Allerdings sind in Heidenheim auch schon ganz andere Mannschaften gestrauchelt.

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