Wie Werder mit dem extremen Druck umgeht

„Da haben wir doch alle von geträumt!“

Der Trainer führte Selbstgespräche, das Team wurde mit Vorgaben gefüttert, der Manager erinnert an seine Länderspiele: Werder hat Wege gefunden, mit der Extremsituation vor dem Spiel in Heidenheim umzugehen.
06.07.2020, 19:45
Lesedauer: 5 Min
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Von Jean-Julien Beer
„Da haben wir doch alle von geträumt!“

Der letzte Ausweg: "Es gibt dann keine Hintertür mehr", weiß Werders Cheftrainer Florian Kohfeldt.

gumzmedia/nordphoto

Florian Kohfeldt weiß sehr genau, was an diesem Montag im beschaulichen Heidenheim auf dem Spiel steht. Er kann Werder Bremen in der zweiten Liga versenken und seine noch junge Trainerkarriere damit erheblich beschädigen. Oder er kann den für Werder existenziell wichtigen Klassenerhalt schaffen „und damit der große Gewinner sein“, wie Weltmeister Rudi Völler dieser Tage sagte. Alles spitzt sich nun in diesem einen Spiel zu. „Es wird auch eine Frage der Nerven sein“, weiß Kohfeldt nach dem frustrierenden 0:0 im Hinspiel, „wir steuern nun auf das letzte Finale von vielen in diesem Jahr zu. Wir wissen alle: Es gibt kein danach mehr. Es gibt gar keine Hintertür mehr. Nach dem Spiel ist die Saison vorbei.“

Viel mehr Druck geht nicht. Deshalb haben sie bei Werder Wege gesucht und gefunden, das positiv zu sehen, statt zu verzweifeln. Kohfeldt zum Beispiel führte ein Gespräch mit sich selbst. Er habe sich ja sehr bewusst für diesen Beruf entschieden, erklärte er am Sonntag vor dem Abflug nach Heidenheim, und damit sei absehbar gewesen, in eine solche „absolute Extremsituation“ geraten zu können. „Auch wenn die gesamte Saison wirklich nicht gut war und auch für mich persönlich natürlich sehr belastend war, habe ich mir vorgestern noch einmal die Frage gestellt: Florian, wenn du einen anderen Lebensweg gehabt hättest, wenn du jetzt bei den alten Herren spielen und als Lehrer arbeiten würdest – und dich würde dann einer anrufen und fragen: Florian, möchtest du dieses Spiel von Werder in Heidenheim betreuen? Willst du dabei sein für deinen Verein? Willst du deinen Beitrag leisten?“ Man ahnt schon, wie dieses Selbstgespräch endete, und tatsächlich sagte Kohfeldt dann zu Kohfeldt: „Dann hätte ich mich wahrscheinlich nicht mal zu Hause verabschiedet, sondern wäre direkt unterwegs gewesen. Es ist trotz allem ein Privileg, bei solchen Spielen dabei sein zu dürfen. Das ist immer noch in mir drin. Ich weiß, was auf dem Spiel steht. Aber das sind auch die Tage, an denen Geschichten geschrieben werden. Da haben wir doch alle von geträumt, als wir klein waren. Also: Auf nach Heidenheim!“

Viele Gespräche und Sitzungen

Damit auch seine Spieler, die Werder diesen ganzen Druck durch ihre (Nicht-)Leistungen eingebrockt haben, einigermaßen positiv ins Rückspiel gehen, wurden sie in den vergangenen Tagen intensiv bearbeitet. Von Kohfeldt. Und von Sportchef Frank Baumann. Es gab Einzelgespräche und eine Runde mit dem Mannschaftsrat, es gab Video-Analysen und eine Sitzung mit der ganzen Mannschaft. Aber nicht, um die historische Bedeutung dieses Spiels in Heidenheim zu verdeutlichen. Diesen Joker hat Werder bereits verspielt, vor dem 5:1-Sieg in Paderborn war das. Vor den letzten 90 oder 120 Minuten soll es jetzt nicht mehr ums große Ganze des Bundesligastandorts Bremen gehen, sondern einfach nur um Fußball. „Der Dreh ist eigentlich, dass wir dieses eine Spiel in Heidenheim in den Vordergrund stellen“, erklärt Kohfeldt, „das ganze Drumherum jetzt noch mal zu zeigen, Bilder, Videos, Stimmen zu sammeln, das haben wir alles schon gemacht dieses Jahr. Ich habe den Jungs nun mitgegeben: Es ist und bleibt ein Spiel. Wir müssen es rational angehen.“

Werder müsse auch jetzt mehr Lust aufs Gewinnen haben als Angst vor dem Verlieren. Das versucht Kohfeldt der Mannschaft seit dem ersten Tag einzuimpfen, in dieser Saison reagierte sie darauf resistent. Deshalb versuchte er es nun mit dieser Botschaft: „Wir haben jetzt, auch im Kontext der gesamten Saison, eine Menge zu gewinnen. Wir waren schon tot, wir sind dem Abstieg mindestens dreimal von der Schippe gesprungen. Das ist aber für dieses eine Spiel aber gar nicht so wichtig, diesen Gesamtkontext will ich uns auch gar nicht aufladen. Ich rede nicht darüber, was der Klassenerhalt für die Stadt bedeuten würde. Ich weiß das alles. Was es für die Mitarbeiter hier und für diesen Verein bedeutet. Aber in diesem einen Spiel, in jedem Moment, müssen wir mehr Lust haben zu gewinnen, als Angst zu verlieren.“

Baumann nah am Team

Die erste Enttäuschung über die schwache Leistung beim 0:0 im Hinspiel sei verflogen, jedem sei nun bewusst, dass dieses Ergebnis – zumal ohne Gegentor – Werder gute Chancen eröffnet, den Klassenerhalt zu sichern. Ein Sieg würde genügen, dank der Auswärtstorregel auch jedes Unentschieden ab einem 1:1 aufwärts. Damit die Mannschaft das packt, mit einer klaren Spielidee zu agieren und auch während der 90 oder 120 Minuten an diesen Plan zu glauben, rückte auch Sportchef Frank Baumann nah ans Team. Bei der Spielanalyse war er ebenso involviert wie der der Ausarbeitung des Matchplanes für den alles entscheidenden Abend in Heidenheim. Das ist nicht ungewöhnlich für den hoch dekorierten Double-Kapitän und langjährigen Nationalspieler. Einzelgespräche mit ausgewählten Spielern sollen bis zum Anpfiff noch folgen. Denn Baumann bringt eine routiniertere Art ein, mit Belastungen umzugehen. „Natürlich spüre auch ich den Druck“, erklärt er, „allerdings ist das für mich keine neue Situation. Ich habe schon in verschiedenen Funktionen Druck gespürt, als Spieler, als Geschäftsführer, aber insbesondere auch durch die Nationalmannschaft. Ich glaube, dass es noch mal etwas Größeres ist, wenn bei einem Turnier die ganze Nation zuschaut. Deshalb kann ich mit Druck sehr gut umgehen. Wir wissen, dass wir eine sehr komplizierte Saison hinter uns haben und können nun am Montag unser Ziel erreichen, auch nächste Saison erstklassig zu spielen. Es ist eine gesunde Mischung aus Vorfreude und Anspannung.“

Man könnte auch sagen: Es ist nur Heidenheim. Das sieht auch Baumann so, der deshalb alle Nebengeräusche wie das kleine Stadion, den überschaubaren Ort und den eher namenlosen Gegner ignoriert: „Es steht so viel auf dem Spiel, dass die Rahmenbedingungen vor Ort keine große Rolle spielen. Daran wird es nicht scheitern.“ Auch den Matchplan für den finalen Akt kann man entsprechend auf ein Minimum reduzieren: Die Mannschaft muss einfach alles anders machen als im Hinspiel. Baumann sagt es so: „Wir brauchen alles: Kopf, Herz, Beine und Emotionen. Nur mit dem Kopf wird es auch nicht gelingen, aber wir müssen natürlich auch clever sein. Es ist ein besonderer Modus, das ist uns bewusst. Wir müssen den richtigen Zugang zu diesem Spiel finden und von der ersten bis zur letzten Minute sehr konsequent bleiben. Wir brauchen eine absolute Topleistung, um auch nächste Saison erstklassig zu spielen.“

Ob die Mannschaft, die in dieser Saison so oft enttäuschte, dazu bereit ist? „Ja!“, meint Kohfeldt ohne jedes Zögern, „ich spüre eine gute Mischung aus Bereitschaft und Freude auf dieses letzte Spiel. Um es ins Ziel zu bringen. Und ich spüre auch Anspannung, denn natürlich weiß jeder, um was es geht. Der größte Faktor ist für mich trotzdem, dass wir unter dieser Anspannung rational Fußball spielen und uns nicht von Emotionen erdrücken lassen.“ Ab 20.30 Uhr trifft dann Theorie auf Praxis. Dann haben alle genug gesprochen. Miteinander und mit sich selbst. Dann müssen Taten folgen. Und, ja: Es wird ein Tag für die Bremer Geschichtsbücher.

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