Gravierende Schwierigkeiten hinten wie vorne

Werders gefährliche Problemzonen

Davie Selke sollte zum Hoffnungsträger werden, ist aber längst Teil des Problems: Werder schießt kaum Stürmertore, lässt aber die Gegner nach Standards treffen. Kohfeldt fordert deshalb mehr Aufmerksamkeit.
06.06.2020, 09:24
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Werders gefährliche Problemzonen

Noch kein Bundesligator in dieser Rückrunde für Werder: Winter-Neuzugang Davie Selke, hier gegen drei Frankfurter.

dpa

Davie Selke ist ein großer Stürmer, 1,94 Meter von der Fußsohle bis zu den Haaren. Und er hat schon 138 Spiele in der Bundesliga absolviert, für Werder, RB Leipzig und Hertha BSC. In der Theorie machte ihn das zu einem Hoffnungsträger in Werders Abstiegskampf. In der Praxis aber funktioniert es bisher nicht mit dem Rückkehrer, der die Hansestadt im Sommer 2015 nach neun Bundesligatoren in Richtung zweite Liga verlassen hatte, um sich das Leipziger Trikot anzuziehen. Bis heute kam kein Bundesligatreffer für Werder hinzu. Seit der 1:2-Niederlage am 1. Februar in Augsburg spielt Selke wieder für Bremen, er hinterließ bisher aber nicht den Eindruck, als würde er die Abläufe in Florian Kohfeldts Offensive besonders gut verstehen.

Zwischenzeitlich kostete ihn das den Platz in der Startelf, er verlor ihn an einen Konkurrenten, der selten das Tor trifft und ebenfalls nicht durch strategische Glanztaten im Angriff auffällt: Josh Sargent. Der 19-jährige Amerikaner läuft immer viel, aber nicht immer richtig. In Werders bedrohlicher Lage braucht die Mannschaft aber weder einen ungefährlichen Riesen, noch einen harmlosen Dauerläufer. Sie braucht einen Knipser. Einen Claudio Pizarro der früheren Jahre, einen Niclas Füllkrug ohne Knieprobleme. Dass diese beiden verletzten Bremer Stürmer seit Donnerstag die Belastung im Training steigern konnten und nun als allergrößte Hoffnung für Tore im Saisonfinale gelten, sagt viel aus über den harmlosen Reststurm, in dem Johannes Eggestein und Benjamin Goller auch ohne Einsätze nicht seltener treffen als viele ihrer Konkurrenten. Es ist ja nicht nur Selke, der von einer Art Tor-Allergie geplagt wird. Auch Milot Rashica hat in der Rückrunde noch kein Tor geschossen, Yuya Osako auch nicht, Sargent immerhin den einen frühen Treffer beim 2:2 in Berlin, wo Selke nicht mitspielen konnte, weil die Hertha offenbar seine Tore fürchtete.

Werder musste Selke kennen

Stand heute eine unbegründete Angst. Viele Beobachter fragen sich, warum Werders sportliche Leitung mit ihrer Scoutingabteilung ausgerechnet bei einem Spieler zuschlug, dessen fußballerisches Potential man sehr gut hätte kennen müssen. Auch zuletzt beim 0:3 gegen Frankfurt sah man von Selke nur das, was in seinen vorherigen Spielen bereits aufgefallen war: fehlendes Gespür für gefährliche Situationen, schlampige Pässe bei Kontern, suboptimale Ballkontrolle, nicht immer den Blick für den freien Nebenmann. Wenn man als Mannschaft dringend auf Tore angewiesen ist, helfen einem läuferisches Engagement und verbale Präsenz als Ersatz dafür nicht weiter. „Ein oder zwei Entscheidungen von ihm hätten anders ausfallen können, aber ich würde ihm da jetzt keinen zu großen Vorwurf machen“, sagt Florian Kohfeldt, „er hat in der ersten Halbzeit sehr gut für die Mannschaft gearbeitet.“

Dass der Knoten bei ihm noch platzt, wäre gut für Selke und für Werder. Von alleine wird das aber nicht passieren. Offenbar muss sich Werders Spiel verändern, um von einem Zentrumsstürmer von Selkes Format profitieren zu können. „Natürlich ist Davie ein Box-Spieler“, sagt der Trainer, „er muss in der Box angespielt werden. Flanken sind ein Stilmittel, das wir dafür einsetzen wollen. Aber auch diese kleinen tiefen Läufe, in die er momentan nicht kommt, die müssen wir mehr nutzen, da ist er sehr gefährlich normalerweise.“

Es fehlen die Typen auf dem Platz

Doch normal war in der Bremer Offensive wenig gegen Frankfurt, in der zweiten Halbzeit sogar sehr wenig. Der Mannschaft fehlen offensichtlich die Typen, um das auf dem Feld selbst zu organisieren. Kohfeldt versuchte es von der Seitenlinie aus, immer wieder, als würde er die Partie an der Spielkonsole steuern. Aber auch das klappte nicht. Zuletzt genügten Werder zwei schöne Fernschüsse von Leo Bittencourt, um gegen Freiburg und Schalke jeweils mit 1:0 zu gewinnen. Die Lösung des Sturmproblems sind solche seltenen Treffer natürlich nicht.

Auch auf Kohfeldt wirkten die Angriffsversuche nach der Frankfurter Führung planlos. „Wir müssen als Mannschaft aber komplett im Plan bleiben, die ganze Zeit, damit wir uns Torchancen herausspielen“, mahnt er, „es über individuelle Sachen zu lösen, die wir so nicht geplant haben, das wird nicht funktionieren.“ Ehrlicherweise muss man einschränken: Auch in der ersten Hälfte, als Werders einige klarere Bälle nach vorne spielte, ergaben sich dadurch nicht viele klare Chancen. Und wenn doch, wurden diese Situationen vor allem auch von Selke falsch zu Ende gebracht.

Schlecht für die Tordifferenz

Doch der gegnerische Strafraum ist nicht Werders einzige Problemzone. Was vorne nicht klappt, geht hinten schief. Das 0:3 gegen Frankfurt war schlecht für die vielleicht noch entscheidende Tordifferenz, „auch deshalb ärgert mich das Ergebnis, denn die Eintracht war nicht drei Tore besser“, sagt Kohfeldt. Werder aber war mal wieder bei zwei Standard-Situationen schlechter, weshalb aus einem 0:1-Rückstand eine 0:3-Niederlage wurde. Und diese Gegentore fielen nicht vom Himmel, sondern waren schon in den Analysen vor dem Anpfiff ein Thema. Werders Trainerstab hatte herausgearbeitet, in welche Zonen die Eintracht die Bälle nach Standards schlägt, deshalb wurden dort sogar extra mehr Bremer Spieler als sonst postiert. Doch auch das war nur graue Theorie. In der Praxis hämmerte Frankfurt den Ball trotzdem zweimal per Kopf ins Netz. Einmal durch eine simple Kopfball-Verlängerung, beim 0:3 durch ein ebenso einfaches Wegblocken.

Wird Kohfeldt danach gefragt, wiederholen sich seine Antworten. „Da muss man extrem aufmerksam sein, das waren wir nicht“, sagt er nach den Standard-Gegentoren 19 und 20 dieser Saison, „das gehört zu den Punkten, die wir nach dem Spiel mit der Mannschaft klar angesprochen haben. Das müssen wir gegen Wolfsburg besser machen.“ Am Sonntag geht es daheim gegen den VfL, es ist der nächste Versuch, zum zweiten Mal in dieser Saison ein Heimspiel zu gewinnen.

Der Schlüssel zum Klassenerhalt

Dass sich der normale Fan nicht mehr erklären kann, warum Profis von Werder in höchster Abstiegsnot die Aufmerksamkeit fehlt, ist Kohfeldt bewusst. Mit Blick auf das nächste Abstiegsfinale gegen die ebenfalls kopfballstarken Wolfsburger sagt er deshalb: „Da müssen wir diese Aufmerksamkeit wieder auf den Platz bringen, die uns in der zweiten Halbzeit gegen Frankfurt sowohl offensiv, als auch defensiv in einigen Situationen gefehlt hat – denn das wird der Schlüssel zum Klassenerhalt sein.“ Da waren sie wieder, Werders heikle Problemzonen. Was in der Theorie einfach klingt, wird am Sonntag dem nächsten Praxistest unterzogen. Im Profifußball gilt: Ob hinten oder vorne, Aufmerksamkeit hat auch mit Klasse zu tun. Ob Werders die wirklich hat, werden die nächsten Abstiegsfinals zeigen.

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