So fördert Kohfeldt den Siegeswillen

Eine neue Werder-Mentalität

Trainer Florian Kohfeldt will eine Mannschaft formen, die sich durch Widerstände nicht aufhalten lässt. Das wird im Training nun in allen Varianten eingebunden, um auch das Unterbewusstsein zu erreichen.
02.09.2020, 11:33
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Eine neue Werder-Mentalität
Von Jean-Julien Beer

Wenn demnächst Ausschnitte des WM-Finales von 2014 über die große Videoleinwand im Besprechungsraum der Werder-Profis flimmern, sollten sich die Spieler darüber nicht wundern. Der deutsche 1:0-Triumph gegen Argentinien gilt in Trainerkreisen als eines der besten Beispiele für einen Sieg, der vor allem dank der passenden Mentalität errungen wurde. Die Spieler von Jogi Löw setzten sich fernab der Heimat auch deshalb durch, weil sie sich durch nichts aufhalten ließen. Dass noch nie eine europäische Mannschaft ein Endspiel in Südamerika gewonnen hatte? Egal. Dass sich Stammspieler Sami Khedira nur wenige Minuten vor dem Anpfiff verletzt abmelden musste? Egal. Dass sein Ersatzmann Christoph Kramer schon in der Anfangsphase dieses Endspiels bewusstlos gerempelt wurde und vom Platz geführt werden musste? Auch egal. Und dass die Argentinier mit allen Mann auf alles traten, was an deutschen Beinen und Füßen gerade in der Nähe war und Bastian Schweinsteiger mit einer blutenden Wunde im Gesicht zu Boden ging? Einfach egal. Der unbändige Siegeswille der deutschen Mannschaft wurde von all dem nicht gebremst.

So würde Florian Kohfeldt die Bremer Mannschaft auch gerne sehen. Als eine Truppe, die sich durch nichts davon abhalten lässt, ein Spiel gewinnen zu wollen. Deshalb hat Kohfeldt den Begriff „Mentalität“ besonders dick auf die Trainingspläne für diesen Sommer geschrieben. Werders ehrgeiziger Cheftrainer kann Ausreden in jeder Form nicht ausstehen. Selbst wenn er nach einem Spiel irgendwelche Umstände erklären soll, betont er vorweg immer wieder, „das soll jetzt keine Ausrede sein, sondern wirklich nur eine Erklärung“. Doch lieber wäre ihm, das merkt man ihm in solchen Momenten an, wenn er gar nichts sagen müsste, was wie eine Ausrede klingen könnte.

Keine Ausreden mehr

Die Spieler wissen inzwischen, dass sie ihrem Trainer nicht mehr mit entschuldigenden Erklärungen zu kommen brauchen, warum etwas im Bremer Spiel mal wieder nicht geklappt hat. Ob der Rasen zu stumpf war, der Video-Assistent ungerecht oder der Gegner unverschämterweise bei einem Eckball leicht gerempelt hat – alles egal. Werder soll und will wieder mehr für frechen und mutigen Fußball stehen und dazu gehört auch, den eigenen Plan unbedingt durchsetzen zu wollen.

In gewisser Weise steht Werders Co-Trainer Tim Borowski für diese Mentalität, auch deshalb feierte der langjährige Nationalspieler mit seiner arrogant wirkenden Körpersprache, seiner Abgeklärtheit und dem unbedingten Siegeswillen große Erfolge. Schon vergangene Saison sollte er damit auf die Mannschaft abfärben und diese Mentalität vorleben; jetzt, wo er seine parallel absolvierte Ausbildung zum Fußball-Lehrer erfolgreich beendet hat, kann er sich mehr einbringen.

Alles im Wettkampfmodus

Denn Mentalität muss man leben, man kann sie nur bedingt einüben. Kohfeldt entschied sich deshalb zu einem besonderen Kniff in diesen Wochen der Saisonvorbereitung: Er ließ den Siegeswillen in jeder Trainingseinheit einsickern. „Wir arbeiten an der Mentalität, indem wir versuchen, alles im Wettkampfmodus zu machen“, erklärt der Trainer, „wir haben Spielformen ausgesucht, die dazu passen, sogar Passübungen machen wir im Wettkampfmodus.“

Kohfeldt wäre nicht Kohfeldt, wenn er sich dabei nicht schützend vor seine Mannschaft stellen würde. In dieser Frage ist sich der junge Trainer treu geblieben. „Wir hatten auch im vergangenen Jahr eine gute Mentalität", betont er deshalb, "da sind sehr viele andere Dinge schwierig gewesen." Aber natürlich kann sich jeder noch gut daran erinnern, wie Kohfeldt Monat für Monat wie ein Wachrüttler rund um den Osterdeich lief und Forderungen formulierte wie diese: "Es gibt keinen Grund, auf irgendwas zu warten. Wir müssen jetzt dagegen angehen."

Deshalb sollte Bentaleb kommen

Das war eine Art betreutes Siegen, und das ging lange Zeit nicht gut. Erst als mit Kevin Vogt im Winter ein ausgewiesener Mentalitäts-Profi zum Kader stieß, wurde es – auf bescheidenem Niveau – deutlich besser. Auch wegen dieses Bremer Defizits an „Ist mir egal“-Mentalität war Schalkes Leader Nabil Bentaleb im vergangenen Sommer so spannend für Werder: Der algerische Nationalspieler ist immer nur dann ein umgänglicher Kollege, wenn er gespielt, gewonnen und im Idealfall noch selbst getroffen hat.

Doch weil Bentaleb nie kam und Vogt wieder weg ist, müssen es nun andere richten – und lernen. Niclas Füllkrug kommt dem Ideal eines solchen Profis bei Werder am nächsten, alleine wird er das Thema aber nicht schultern können. Deshalb geht es in jedem Training, sogar in jeder Übung bei Werder nun um den Siegeswillen, und wenn es nur unbewusst ist. „Alles soll immer diesen Wettkampfcharakter haben“, erklärt Kohfeldt, „damit es immer darum geht: gewinnen – oder verlieren.“

Der Konkurrenzkampf hilft

Weil kein Fußballspieler gerne verliert, soll sich der Wille so im Team festsetzen. Der Konkurrenzkampf auf vielen Positionen stachelt die Spieler zusätzlich an, im Training auch kleinste Siege einfahren zu wollen. Deshalb trage auch Manager Frank Baumann „einen großen Anteil“ an dem nun gelebten Mentalitätsgedanken, betont Kohfeldt, „weil wir dank ihm Konkurrenzkampf haben. Auch dadurch entsteht Mentalität“.

Als Trainer könne er dann noch „hier und da verbal ein Streichholz reinwerfen“, sagt Kohfeldt. Durch eine Stichelei, eine kleine Provokation oder einen Rüffel. Diese Art eint ihn mit Trainern wie Ralf Rangnick oder José Mourinho, die selbst ebenfalls nie auf höchstem Niveau gespielt haben. Sie haben aber eine unbändige Mentalität. Deshalb ließen sie sich auf dem Weg nach oben von nichts aufhalten. Sie wollten und wollen immer nur gewinnen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+