Der Trainer kündigt intensive Gespräche an

Kohfeldt: „Es wird kein 'Weiter so' geben!“

Der Freude über den Klassenerhalt folgte bei Florian Kohfeldt der sehr schnelle Blick nach vorne: Er will nun in Gesprächen mit der Vereinsführung die nahe Zukunft von Werder klären - und damit auch seine.
07.07.2020, 13:50
Lesedauer: 5 Min
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Von Jean-Julien Beer
Kohfeldt: „Es wird kein 'Weiter so' geben!“

Erleichtert, aber auch mit klaren Zielen: Florian Kohfeldt nach dem geschafften Klassenerhalt in Heidenheim.

gumzmedia/nordphoto

Für einen Moment musste man sich Sorgen machen um Florian Kohfeldt. Die Spieler sangen und tranken am sehr späten Abend bereits lustig in den Katakomben des kleinen Heidenheimer Stadions, als Florian Kohfeldt auf den nächsten freien Platz für ein Fernseh-Interview warten musste. Er ging deshalb ein paar Schritte in der menschenleeren Arena zur Seite – und sackte zusammen. Mit beiden Händen stützte er sich auf die Werbebande am Spielfeldrand, der Kopf senkte sich. Man sah, dass der Trainer tief Luft holte. Dann faltete er seine Hände wie zum Gebet und stützte den Kopf darauf ab. In dieser Pose kauerte er eine ganze Weile an der Bande, regungslos wie eine Wachsfigur. In diesem Moment, so erzählte Kohfeldt später, habe er gespürt, wie viel Druck nach dieser „brutalen Katastrophen-Saison“ von ihm abgefallen sei.

Doch was dann passierte, sagte sehr viel aus über den Menschen und Trainer Kohfeldt – und auch darüber, was seinem Verein in den nächsten Tagen bevorstehen könnte. Wie auf Knopfdruck beendete Kohfeldt sein Wachsfiguren-Dasein und schaltete im Licht der TV-Kamera um in den Kampfmodus, wie er das vermutlich nennen würde. Sofort war er für die Zuschauer an den Fernsehgeräten wieder der Kohfeldt, den sie kennen und mögen. Mit einem freundlichen Gesicht und klaren, sympathischen Aussagen – die immer auch eine Botschaft beinhalten.

Eine „Jaaa - aber...“-Stimmung

Dazu muss man wissen: Kohfeldt ist kein Bauchmensch, er geht nicht unvorbereitet in irgendeine Situation. Wie schnell er nach großen Siegen, schlimmen Niederlagen oder eben – wie in Heidenheim – existenziell wichtigen Unentschieden bei klarem Verstand ist und messerscharf urteilen kann, ist einerseits bewundernswert, gibt andererseits aber auch einen Hinweis darauf, wie professionell er sich im Vorfeld auf alle denkbaren Szenarien vorbereitet. Dass er an diesem späten Abend in Heidenheim auch im Gespräch mit den Bremer Journalisten eine „Jaaaa – aber…“-Stimmung anschlug, lässt erahnen, dass den Verantwortlichen bei Werder in den nächsten Tagen anstrengende Gespräche mit ihrem Trainer bevorstehen.

Allein schon auf die simple Frage, ob er denn jetzt bei Werder Bremen weitermachen werde, brachte Kohfeldt kein ebenso einfaches „Ja“ über die Lippen. „Wir werden uns die nächsten Tage zusammensetzen und besprechen, was das Beste für Werder ist. Wir haben die ganze Saison über immer Werder im Blick gehabt“, sagte er. Die Botschaft dahinter ist verständlich: Kohfeldt war in dieser fundamentalen Werder-Krise immer derjenige, der nach außen sein Gesicht hingehalten hat – und der sehr viele Dinge irgendwie erklären oder rechtfertigen musste, für die er entweder nichts konnte, oder die mit seinem professionellen Anspruch überhaupt nicht zu rechtfertigen sind. Dass Kohfeldt und sein prominenter Berater Marc Kosicke, der auch Welttrainer Jürgen Klopp betreut, diesen professionellen Anspruch haben, ist sicher. Was das für Werder bedeutet, ist unsicher. Aus der anfänglichen grün-weißen Liebe zwischen dem Trainer und seinem Lieblingsverein ist ein mindestens kompliziertes Konstrukt geworden. Und das vor allem, weil der Bremer Chefcoach bei seinem Blick über den Werder-Tellerrand erkannt hat, dass an anderen Standorten wesentlich bessere Arbeitsbedingungen für seinen Berufsstand selbstverständlich sind. Auch darüber wird bei Werder nun gesprochen werden.

Alles auf den Prüfstand

„Uns in dieser Katastrophensaison in der Liga zu halten, das war ein riesiger Kraftakt. Das werden wir nun besprechen, mit dem Aufsichtsrat und mit der Geschäftsführung“, kündigte Kohfeldt an und steckte den Rahmen dieser Gespräche klar ab: „Es kann kein ‚Weiter so‘ geben und es wird kein ‚Weiter so‘ geben! Das ist vollkommen klar.“

Ja, es müsse sich bei aller Freude und Erleichterung sehr viel ändern, um in der nächsten Saison eine solche Krise bei Werder Bremen zu vermeiden, räumte Kohfeldt noch in Heidenheim ein. Wie weit und grundsätzlich er die Gespräche dabei fassen will, wurde dabei offensichtlich: „Wir haben im Winter schon analysiert und werden das jetzt weiter machen und die Ergebnisse aus den einzelnen Abteilungen noch einmal zusammentragen, die am Profibereich beteiligt sind: Die Analyseabteilung, medizinischer Bereich, Trainerteam, Geschäftsführung, auch Öffentlichkeitsarbeit - das sind alles Themen, die wir besprechen müssen.“ Im Grunde also: alles.

Die ersten paar Stunden nach der sieglos überstandenen Relegation in Heidenheim aber „muss man uns zugestehen, etwas zu feiern“, sagte Kohfeldt – und bat ausdrücklich um Verständnis: „Jeder sollte bitte die Drucksituation beachten, die wir hatten, die Brutalität dessen, was da auf uns eingeströmt ist. Wir haben es am Ende bewältigt.“ Werder habe einer „sehr, sehr schlechte“ Saison gespielt, wiederholte der Trainer auch ungefragt, viele Monate habe er sich nicht mal wie auf einer Achterbahn gefühlt, sondern im freien Fall. „Wir waren sehr sehr häufig in dieser Saison abgeschrieben und tot“, betonte er, „und wir mussten wirklich über eine sehr sehr lange Zeit Kritik wegstecken – berechtigte Kritik, auch das möchte ich ausdrücklich betonen und nicht wegdiskutieren. Trotzdem mussten wir diese Kritik Woche für Woche für Woche einstecken, und das hat schon gezehrt. Ich merke, wie dieser Druck nun von den Schultern abfällt. Nicht nur bei mir, sondern auch bei den Spieler. Diese Erleichterung betrifft alle bei uns, auch das familiäre Umfeld. Das Vereinsumfeld. Alle, die mitgelitten haben. Wir sind froh, dass wir es geschafft haben, auch für die Mitarbeiter und für diesen tollen Verein.“

„Unglaublich wichtig für die Zukunft“

Das große Aber folgte auch hier, Kohfeldt scheint da streng auf Kurs. „Dann“, sagte der Trainer und hob die Stimme, „dann kommt der analytische Teil, und der wird kommen! Denn der ist unglaublich wichtig für die Zukunft von Werder Bremen.“ Er als Trainer, das wurde dabei deutlich, will eine solche Saison nicht noch einmal durchstehen müssen. Und sein Verein Werder Bremen sollte, wenn es nach Kohfeldt geht, offenbar alles dafür tun, dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Zum Beispiel bei der Betreuung der verletzten Spieler, einem zentralen Problem dieser Fast-Abstiegssaison. „Wir hatten viele Verletzte, sogar unglaublich viele Verletzte“, erinnerte Kohfeldt, „weit über Durchschnitt, und sogar ligaweit mit Abstand die meisten. Dementsprechend war das einer der Hauptgründe für diese Saison.“

Was dazu geführt hat und was künftig alles besser werden muss, darüber wird nun zu reden sein. Kohfeldt, der vom Interesse und der Wertschätzung anderer Vereine für ihn wissen dürfte, geht mit einem gewissen Selbstbewusstsein in diese Gespräche. Denn jetzt soll nicht mehr über ihn geredet werden, sondern mit ihm. An Urlaub, auch an die ersehnte Erholung am Strand, sei für ihn deshalb zunächst nicht zu denken, stellte er klar. „Wir werden unsere Gespräche durchführen, da werde ich natürlich dabei sein. Und dann werden wir zu gegebener Zeit verkünden, wie es weitergeht.“ Dieses ständig spürbare oder gar hörbare „Jaaaa – aber!“ in seinen Worten lässt den Schluss zu, dass diese Gespräche – je nach Bewertung der Erkenntnisse und der Bereitschaft zu Veränderungen – nach jetzigem Stand ein offenes Ende haben. Seinen vor der Saison unter großem Getöse bis 2023 verlängerten und weiterhin gültigen Vertrag in Bremen erwähnte Kohfeldt jedenfalls mit keinem einzigen Wort.

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