Was bei Werders Aussagen nicht passt

Das Orakel vom Osterdeich

Werder steht nicht nur auf einem Abstiegsplatz, sondern auch wegen irritierender Aussagen zur sportlichen Situation massiv in der Kritik. Und das völlig zurecht. Hier unsere kommentierende Analyse dazu.
22.05.2020, 16:36
Lesedauer: 8 Min
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Von Jean-Julien Beer
Das Orakel vom Osterdeich

Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht: Werders Trainer Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann.

nordphoto

Zu Werders ungebremstem Niedergang in diesem Frühjahr 2020 gehört nicht nur, dass sich die Mannschaft auf dem Feld mit einer fast schon beschämenden Gleichgültigkeit besiegen lässt. Die Stimmung in der grün-weißen „Alles-wird-bestimmt-noch-gut“-Blase zeichnet sich neuerdings auch dadurch aus, dass sie sich bei Werder Bremen nun selbst interviewen. Der Flo, der Bargi und der Frank (für manche auch: der Baumi) und wie sie alle heißen, sie reden dann über sich selbst und sagen unwidersprochen Dinge, die mit den tatsächlichen Leistungen auf dem Feld oder dem alarmierenden Abstiegsplatz nicht immer viel zu tun haben. Kritische Nachfragen, die auch in distanzierten Corona-Zeiten bei anderen Bundesliga-Vereinen in größeren Videokonferenzen möglich gemacht werden, sind in den so genannten „Pressegesprächen“ in Bremen derzeit schwer möglich; hier liest ein freundlicher Vereins-Mitarbeiter stattdessen die Fragen vor, die von echten Journalisten vorher eingereicht werden sollten – manchmal schon einen Tag vorher…

Die Antworten der Werder-Verantwortlichen wirken dabei nicht immer so, als habe man wirklich einen Tag lang oder wenigstens mal kurz über die sinnvollste Variante nachgedacht. Dadurch wird deutlich: Werders größtes Problem in der Außendarstellung und im Krisen-Management sind nicht etwa die vielen Fragen der besorgten Fans oder der Medien, sondern es sind die Antworten. Mit ihren eigenen Wahrheiten wollen sie sich bei Werder gerade durch eine fußballerische Krise manövrieren, deren historisches Ausmaß die Handelnden entweder auch jetzt noch nicht verstanden haben, oder deren Last sie vielleicht schlichtweg überfordert. Beides wäre schlecht. Für den Verein, und auch für alle, die leidenschaftlich an ihm hängen.

Vogt dürfte davon erzählen...

Es ist natürlich keine neue Erkenntnis in Bremen, aber: In der berühmt-berüchtigten Werder-Familie wirken Freundschaft und Harmonie auch in diesen tristen Tagen wichtiger als Leistung und Erfolg, auch nach sieben verlorenen Heimspielen in Folge oder hanebüchenen 18 Gegentoren nach ruhenden Bällen. Und man kann sich jetzt schon vorstellen, wie der im Winter nachverpflichtete Muskelprotz Kevin Vogt, gezeichnet von großflächigen Tattoos und einigen harten Kölner Abstiegskämpfen, nach einer erfolglosen Werder-Mission in Zukunft immer wieder kopfschüttelnd davon erzählen wird, wie surreal die paar Monate in Bremen für ihn waren. Nach Werders indiskutablem Auftritt beim 1:4 gegen Leverkusen zeigte Vogt in seinen Worten klare Kante und forderte: „Man muss die Dinge auch mal kritisch ansprechen und sich nicht streicheln und sagen: Ja, das wird schon. Da muss man den Finger in die Wunde legen, einzelne Personen auch mal ansprechen. Das müssen wir beheben. Da sind wir Spieler in der Verantwortung, aber auch das Trainerteam.“

Es gehört zum Charakter dieser auf Platz 17 feststeckenden Mannschaft, dass ihr Kapitän Niklas Moisander solche Worte niemals sagen würde. Ihr Stammtorhüter Jiri Pavlenka auch nicht. Ihr bester Torschütze Milot Rashica schon mal gar nicht. Überall im Kader gibt es seit dem Abgang von Kapitän Max Kruse diese auch von Vogt kritisierte Streichelzoo-Harmonie. Es fehlt nicht nur an Körperlichkeit auf dem Feld, es fehlt auch an Reibung untereinander. Kohfeldt hatte beides schon im Sommer kritisch beäugt. Die Mannschaft und die Atmosphäre in der Kabine, das sei ihm alles irgendwie zu nett, sagte der Trainer während der Saisonvorbereitung am Chiemsee. Durch die Neuzugänge Niclas Füllkrug und Ömer Toprak im Sommer sowie Vogt und Davie Selke im Winter sollte mindestens die fehlende Körperlichkeit ausgeglichen werden. Doch unterm Strich fehlt Werder immer noch beides.

Baumann als Brandbeschleuniger

Die Quittung lässt sich in der Tabelle und auf dem Spielfeld ablesen und in den öffentlichen Aussagen anhören. Hoffnung auf Besserung ist außerhalb der grün-weißen Blase inzwischen kaum noch existent. Das liegt nicht nur an den immer wieder merkwürdig blutleeren Auftritten der Spieler, wenn es um existenziell wichtige Punkte geht. Es liegt durchaus auch an den Äußerungen von Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann vor und nach solchen enttäuschenden Spielen. Selbst kleinste Zuckungen in der Offensive zu preisen wie die Entdeckung eines fünften Stadtmusikanten, funktioniert in Bremen eigentlich schon seit dem Frühherbst nicht mehr. Ohnehin haben 15 gute Minuten pro Spiel in der Geschichte der Bundesliga noch nie gereicht, um für ein weiteres Jahr zugelassen zu werden. Man kann dem engagierten Kohfeldt nur zugutehalten, dass er sich in solchen Momenten in einem für Trainer typischen Tunnel befindet.

Verschärft wird die mehr als angespannte Stimmung rund um Werder aber noch durch Auftritte wie den von Baumann am Tag nach der erneuten Niederlage. Dass der Manager in dieser bedrohlichen Situation und nach diesem zweitklassigen Werder-Auftritt immer wieder von „sehr guten“ Dingen im Bremer Spiel sprach, von nur „kleinen Abstimmungsproblemen“ und „einer klaren Handschrift“, wirkte wie ein Brandbeschleuniger auf die erhitzten Gemüter im Werder-Umfeld. Ein klassisches Eigentor, bei dem der Ball nur noch heftiger im Netz zappelte, als auch noch dieser zu befürchtende Satz fiel: „Die neun verbleibenden Spiele müssen ausreichen und werden auch ausreichen.“

Gut gemeint, nicht gut gemacht

Da war es wieder, das Orakel vom Osterdeich. Fairerweise werden auch Kohfeldt und Baumann eines Tages zugeben müssen, dass sie immer und immer wieder mehr versprochen haben als jeder Gebrauchtwagenhändler. Davon eingetreten ist wenig bis nichts. Das muss man gar nicht am ambitionierten Saisonziel Europa festmachen oder an den vielen bald gewonnenen Spielen, mit denen man bei Werder zwischen September und Dezember die Schlagdistanz ans obere Drittel nicht verlieren wollte. Man braucht auch nicht mehr vom beruhigten Klammern an die Rückrunde anfangen, die laut Baumann ja fast schon traditionell Werders Stärke hätte werden sollen. Und nur noch nebenbei sei erwähnt, mit Blick auf die angeblich so „guten Ansätze“ im Leverkusen-Spiel, dass es gemeinhin das schlimmstmögliche Ergebnis einer Presserunde ist, wenn die Zuhörer und die Fans irritiert bis verstört zurückbleiben.

Auch wenn beide das nicht gerne hören: Dass sie den Spielern solche schwachen Auftritte immer wieder durchgehen lassen und das Geschehen beschönigen, stärkt Baumann und Kohfeldt nicht in all ihren Bemühungen, Werder noch irgendwie zu retten. Ganz im Gegenteil. So zu wirken, als würde man den Ernst der Lage weiterhin verkennen und sich immer wieder eigene, neue Wahrheiten zu schaffen, bringt Werder Bremen nun schon seit langer Zeit überhaupt nichts. Im Gegenteil: Es kostet selbst im eigenen Anhang inzwischen viele Sympathien und nimmt dem Verein auch viel von der Würde, die ihn über viele Jahre geschmückt hat.

Beide, Kohfeldt und Baumann, haben ihre jüngsten Aussagen zweifellos in guter Absicht formuliert. Aber es ist die Summe all ihrer unerfüllten Prophezeiungen und der viel zu optimistischen Analysen, die aus der Sicht vieler Zuhörer inzwischen ihre Glaubwürdigkeit untergräbt. Früher wurde bei Werder auf Champions-League-Niveau gespielt und eher drittklassig darüber geredet. Irgendwann muss sich das umgedreht haben, aber das ist keine zukunftsfähige Vereins-DNA. Selbst Kohfeldt, der mit riesigem Abstand beste Kommunikator im gesamten Verein und nach einem Abstieg möglicherweise schneller wieder erstklassig als Werder, verfiel einem Zickzackkurs. In den Wintermonaten schien es, als ziehe er die Zügel verbal gegenüber den Spielern deutlich an. Zuletzt wirkte er wieder wie ein Fan seiner Mannschaft, der mit grün-weißem Schaal einfach fest an den Sieg seiner Spieler glaubt. Wie Kohfeldt vor dem Duell mit Leverkusen von einer „positiven Anspannung“ seiner Spieler berichtete, die man bestimmt auch auf dem Spielfeld sehen werde, war vielleicht gut gemeint. Wie sehr ihn seine Spieler danach auf dem Platz hängen ließen, wieder einmal, beschädigte den Trainer aber nur noch mehr vor einem bundesweiten TV-Publikum.

Vorstufe zum Mitleid

Selbst das sehr Werder-freundliche Fachmagazin kicker stellte in dieser Woche unverblümt fest: „Wenn Kommunikation das ist, was beim Adressaten ankommt, dann mussten die Werder-Verantwortlichen erkennen, dass vieles schieflief.“ Zuletzt hätten Baumann und Kohfeldt sogar unstrittige Fakten in aller Sachlichkeit ansprechen können, „ein Großteil des Publikums winkte genervt ab bzw. hörte gar nicht mehr richtig hin“. Zumal das „kategorisch vorgetragene positive Denken“ auf Außenstehende verzweifelt zuversichtlich wirken könne, mahnte der „kicker“.

Dieses „verzweifelt zuversichtlich“ ist im Profifußball nur einen Ballkontakt entfernt von bemitleidenswert. So bitter das auch klingen mag, denn Mitleid will bekanntlich keiner im Profifußball bekommen. Jedoch: Wer in bester Überzeugung von Galliern und Galligkeit redet, wie Baumann rund ums Leverkusen-Spiel, dann aber hilflos zusehen muss, wie sich die Spieler immer wieder übertölpeln und verkloppen lassen wie die Römer, der manövriert sich selbst in eine gefährliche Situation. Der immer wieder bemühte Hinweis, der starke Gegner Leverkusen sei nicht Werders Kragenweite, führt zudem in die Irre: Auch Paderborn, Union Berlin oder Mainz gewannen im Weserstadion, teils sogar noch deutlicher. Man kann sich inzwischen in Gedanken ausmalen, dass Baumann nach einem Bremer Abstieg genauso monoton erklären wird, man sei zuversichtlich, wieder aufzusteigen.

Es ist derzeit, objektiv betrachtet, nicht auszuschließen, dass der gesamte sportliche Sektor des Vereins inzwischen das Stadium eines Intensivpatienten erreicht hat. Die können sich auch nicht mehr selbst helfen, können aber trotzdem mit fremder und qualifizierter Hilfe gerettet werden. Motivationstrainer gehören auf Intensivstationen üblicherweise nicht zur personellen Ausstattung.

Bode schließt sich nicht an

Gut möglich, dass über allem bei Werder nur noch das Prinzip Hoffnung schwebt. Auf einen glücklichen Sieg in Freiburg zum Beispiel, es wäre der erste seit acht Spielen. Selbst der aber würde Werder nicht retten, die Mannschaft bräuchte schon eine Serie, und zwar zur Abwechslung mal eine positive. Vielleicht überwiegt intern auch die Hoffnung auf einen Saisonabbruch und die Rettung am grünen Tisch, auch wenn die noch nicht beschlossen wurde. Selbst dann aber müsste das Modell „Werder 2019/20“ als „kläglich gescheitert“ verbucht werden.

Andererseits gilt natürlich auch: Sollte sich Werder in den Geisterspielen sportlich noch retten, können Baumann und Kohfeldt völlig zurecht und höchst gelassen darauf verweisen, es doch immer gewusst und gesagt zu haben. Die für Werder Bremen wesentlich relevantere und vor allem realistischere Frage aber lautet: Was, wenn nicht? Dass sich dieser finanzschwache Verein schnell von einem Absturz in die Zweitklassigkeit erholen und wieder aufsteigen würde, ist keineswegs sicher. Gemeinsam ab- und wieder aufzusteigen, ist eine absolut zulässige Option. Sie funktioniert aber nur dann, wenn die Fans und Sponsoren hinter den Verantwortlichen stehen. Es klappt nicht, wenn die Fans und Sponsoren voller Unverständnis vor ihnen stehen.

Auffällig: Ausgerechnet derjenige, der das ganze Schauspiel durch eine mutige Entscheidung beenden könnte, passte sich dem Werder-Sprech dieses Frühjahrs zuletzt nicht mehr an und analysierte auch rund um das erneute Debakel beim 1:4 am Montag treffend den fehlenden Mut einer Bremer Mannschaft, die auf dem Feld mal wieder zu wenig investiert habe: Marco Bode. Von „sehr guten Ansätzen" war beim sportlich kompetenten Aufsichtsrats-Chef nichts zu hören. Daraus ergeben sich natürlich Fragen, auch solche nach der Reißleine bei diesem freien Fall eines bundesweit beliebten Traditionsvereins. Wen auch immer eine solche Reißleine bei Werder auf den harten Boden der Tatsachen befördern würde. Aber: Bode über diese grundsätzlichen Fragen reden zu lassen, gehörte zuletzt nicht zur Kommunikationsstrategie des Tabellenvorletzten. Immerhin habe sie ihren höchsten Chef in der grün-weißen Blase dazu nicht auch noch selbst in einem Livestream befragt.

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