Schalke-Manager Schneider lobt Bremer Fans

„Werder hat mich sehr beeindruckt“

Vor dem Spiel gegen Bremen spricht Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider im Interview mit dem WESER-KURIER über das Kellerduell, seine Sympathien für Werder und einen berühmten Spruch von Rudi Assauer.
26.09.2020, 09:38
Lesedauer: 6 Min
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„Werder hat mich sehr beeindruckt“
Von Jean-Julien Beer
„Werder hat mich sehr beeindruckt“

Der Zusammenhalt in Bremen war nach den fetten Jahren außergewöhnlich, meint Jochen Schneider.

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Herzlichen Glückwunsch, Herr Schneider: Sie arbeiten im falschen Verein!

Jochen Schneider: Wie kommen Sie denn darauf?

Sie sind so ein ruhiger und sachlicher Mensch, Sie würden perfekt zu einem friedlichen Umfeld wie bei Werder Bremen passen, aber man kann sich kaum vorstellen, dass Sie bei einem Verein wie Schalke jeden Tag glücklich zur Arbeit gehen.

Doch, ich gehe definitiv glücklich zur Arbeit. Übrigens habe ich vergangene Saison auch ein paar Mal gehört, wie gut ich Schalke 04 mit meiner Ruhe und Ausgeglichenheit tun würde. Von daher glaube ich durchaus, dass meine Art auch gut zu Schalke passt. Am Ende geht es doch nur um die eine Frage: Was hilft unserem Verein? Ich bin überzeugt, dass Besonnenheit und Erfahrung mehr helfen als Hektik und Aufgeregtheit.

Gegen Werder würde Ihnen vermutlich ein Sieg am meisten helfen. Vor dem Spiel herrscht in beiden Vereinen Unzufriedenheit, weil beide zum Auftakt schon wieder hoch verloren haben. Die Trainer stehen unter Druck, David Wagner und Florian Kohfeldt. Aber kann es an einem zweiten Spieltag schon ein Trainerendspiel geben?

Sie als Journalist wissen es doch auch: Wichtig ist, dieses eine Erfolgserlebnis wieder zu bekommen. Das gibt dir Zutrauen in die Arbeit, und dieses Zutrauen ist elementar im Fußball. Gerade wenn man eine so lange Durststrecke hinter sich hat wie wir mit der schwachen Rückrunde, ist ein Erfolgserlebnis immens wichtig. Das wollen wir uns gegen Werder unbedingt holen. Das 0:8 in München war für uns natürlich ein denkbar ungünstiger Start, auch wenn wir gegen die beste Mannschaft Europas antreten mussten. So ein Spiel, bei dem die ganze Welt zuschaut, das wirkt nach. Und das führt in unserem Sport dazu, dass überall alles in Frage gestellt wird.

Im Fußball heißt es oft: Lieber einmal deutlich verlieren, als viele Spiele verlieren. Sie können es ja nun beurteilen – was ist schlimmer: 17 Bundesligaspiele ohne Sieg oder eine 0:8-Klatsche gegen Bayern?

Es kommt immer auf die Reaktion und das Ergebnis danach an. Wenn es uns gelingt, gegen Werder eine gute Leistung auf den Platz zu bringen und ein gutes Ergebnis zu erzielen, dann ist diese eine hohe Niederlage sicher besser zu verkraften als viele knappe Niederlagen. Aber auf dieses 0:8 hätte ich trotzdem gerne verzichtet.

Wie bei Schalke 04 hat auch Werder im Sommer am Manager und am Trainer festgehalten nach einer schwachen Saison. Sie dürften große Sympathien haben für den Bremer Weg…

Ich habe generell große Sympathien für den Verein Werder Bremen. Es hat mich vor gut zehn Jahren sehr beeindruckt, wie die Fans nach den vielen Jahren der regelmäßigen Champions-League-Teilnahme sofort realisiert haben, wie es um Werder steht und wie geschlossen sie trotzdem zu ihrem Verein standen und die neue Situation annahmen. Und ich habe große Sympathien für die handelnden Personen beim SV Werder, Frank Baumann, Klaus Filbry, Marco Bode und Florian Kohfeldt.

Man könnte aber sagen: Schalke hat im Vergleich die bessere Mannschaft. Viel mehr Nationalspieler, viel höhere Marktwerte. Wird man das in den 90 Minuten auf dem Rasen sehen?

Ich möchte beide Teams nicht miteinander vergleichen. Dies steht mir nicht zu. Aber Fakt ist: Wir haben einen guten Kader und durch die Neuzugänge und die Rückkehr von verliehenen Spielern viel Qualität hinzugewonnen. Wir sind zufrieden mit unserem Kader.

Werder wollte einen Schalker vergangenen Sommer unbedingt als Führungsspieler holen: Nabil Bentaleb. Auch der Spieler wollte das. Warum haben Sie ihn nicht nach Bremen gelassen?

Wir hatten Kontakt in dieser Sache, das stimmt. Aber der Spieler musste sich dann kurz vor Ende der Transferperiode einer Operation unterziehen, was dazu führte, dass sich Werder dann anderweitig Gedanken gemacht hat.

Eine Ihrer Vorgänger auf Schalke, ein Ex-Bremer, war der große Rudi Assauer…

...auf den ich während dieses telefonischen Interviews übrigens gerade schaue: Er hängt in meinem Büro an der Wand, das Bild zeigt ihn mit dem Uefa-Cup über der Schulter und der Zigarre im Mund.

Haben Sie sein früheres Büro bezogen?

Ja. Und ich habe drei Bilder aufgehängt: Eines von Rudi Assauer, ein weiteres von meinem ehemaligen Mentor Rolf Rüssmann und hinter mir den Helden meiner Kindheit: Klaus Fischer.

Dann steckt viel Schalke im Schwaben Schneider. Von Assauer stammt der berühmte Spruch: Entweder ich schaffe Schalke, oder Schalke schafft mich. Können Sie nach 18 Monaten im Amt nachvollziehen, was er damit meinte?

Ja, ich kann sehr gut nachvollziehen, wie er das meinte. Beides ist übrigens noch nicht eingetroffen.

Also gilt der Spruch auch für Sie?

Ja, durchaus, ohne dass ich mir anmaßen möchte, mich mit Rudi Assauer zu vergleichen.

Hat er Schalke geschafft, und werden Sie das auch schaffen?

Er hat Schalke geschafft. Wenn man sieht, was hier errichtet wurde mit der wunderschönen Veltins-Arena und der gesamten Infrastruktur, was für Mannschaften er aufbaute und welche Titel gewonnen wurden, dass eigentlich auch die Meisterschaft 2001 hierher hätte kommen müssen – dann muss man sagen: Assauer hat Schalke definitiv geschafft. Ohne Wenn und Aber. Da kann man nur den Hut vor ziehen.

Assauer führte Schalke ganz anders als Sie, er polterte, wenn es „kacke lief“, wie er das nannte, und ließ dann Dampf ab. Die Leute liebten ihn dafür. Ist das die gesündere und vielleicht hilfreichere Art für einen Schalke-Manager?

Das ist eine gute Frage. Generell sollte man authentisch bleiben und nicht versuchen, eine Rolle zu spielen oder jemanden zu kopieren. Sicherlich ist es häufig gesünder, das ein oder andere rauszulassen. Aber da ist jeder Mensch anders.

Sie sind gelernter Bankkaufmann, was auf Schalke nicht schaden kann. Man könnte aber denken, Sie wären Jurist, so lange verteidigen Sie schon Ihren Trainer David Wagner gegen jede Kritik. Wie lange kann man das durchhalten?

Es ist ja kein blindes Verteidigen, es gibt gute Gründe dafür. Wir haben uns damals bewusst für diesen Trainer entschieden und im Vorfeld seiner Verpflichtung viele Informationen eingeholt, wie er gearbeitet hat, insbesondere in Huddersfield. Wie er hat Fußball spielen lassen, wie er kommuniziert und geführt hat, welchen umfassenden Blick er als „Manager“ in England auch für die Belange eines Vereins hat, die über den Fußballplatz hinausgehen. Und wir haben mit ihm sieben Monate schlichtweg großartig gespielt. Das sind alles Gründe, die es rechtfertigen, für diesen Trainer einzustehen. Deshalb bin ich nicht beim ersten, zweiten oder dritten Gegenwind umgekippt.

Früher war Schalke der Verein, bei dem Spieler von Werder Bremen den nächsten Schritt machten: Reck, Rost, Krstajic, Ailton, Ernst. Warum ist das nicht mehr so? Weil Schalke die internationale Bühne nicht mehr bieten kann?

Fakt ist, dass Schalke zuletzt dreimal in vier Jahren das internationale Geschäft verpasste. Diese Einnahnem fehlen, aber auch die Attraktivität eines Vereins für einen Spieler leidet darunter sicherlich etwas: Die Jungs wollen gerne international spielen. Diesbezüglich hat ein Klub, der das nahezu garantieren kann, natürlich bessere Argumente.

Für Traditionsvereine wie Schalke und Werder wird es in der heutigen Bundesliga ohnehin immer schwieriger, sich gegen alimentierte Klubs wie Wolfsburg, Leipzig, Leverkusen oder Hoffenheim zu behaupten. Beschleunigt Corona diese Entwicklung noch zusätzlich?

Ja, auch wenn es Gegenbeispiele gibt. Fakt ist, da kann ich aber nur für uns sprechen: Corona hat es insofern beschleunigt, weil Einnahmen weggebrochen sind, die bislang als fixe Einnahmen in unseren Planungen waren wie Zuschauer-Einnahmen und TV-Gelder. Das macht es für uns als Verein, der auch mit gewissen wirtschaftlichen Vorerkrankungen in die Saison 2019/20 gegangen ist, natürlich deutlich schwieriger.

Dafür steckt in Traditionsvereinen wie Schalke oder Werder mehr Leben und Leidenschaft. Lassen Sie die Kritik vieler Fans zu, dass man solche Vereine nicht wie einen x-beliebigen Klub führen sollte?

Natürlich ist Schalke 04 anders zu führen. Der Verein ist sehr emotional und sehr wuchtig in beide Richtungen. Es ist dieses besondere Zusammengehörigkeitsgefühl, das Schalke 04 auszeichnet. Schalke 04 ist für sehr viele Menschen mehr als nur ein Fußballklub, sehr viel mehr. Dessen sind wir uns bewusst. Nichtsdestotrotz gelten für so einen Verein die ganz normalen Gesetzmäßigkeiten: Auch für einen Traditionsverein ist die Basis für sportlichen Erfolg eine gut funktionierende Scoutingabteilung, eine gute Kaderplanung, ein gutes Trainer-Team und eine effizient arbeitende Nachwuchsabteilung. Man muss mittel- und langfristig gut arbeiten – dann hat auch oder gerade ein Traditionsverein eine aussichtsreiche Perspektive. Borussia Mönchengladbach oder Eintracht Frankfurt haben dies in den vergangenen Jahren eindrucksvoll vorgemacht.

Wir leben offenbar in merkwürdigen Zeiten: Ein bekannter Youtuber und Schalke-Fan hat eine wohltätige Spende von 1000 Euro geboten, wenn Werder auf Schalke gewinnt und Ihr Trainer deshalb entlassen wird. Haben Sie so etwas schon mal erlebt – und wie gehen Sie mit solchen Auswüchsen um?

Das sollte wohl Sarkasmus sein, wie ich hörte. Ganz ehrlich: Das ist nicht meine Welt.

Das Gespräch führte Jean-Julien Beer.

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