Kohfeldt setzt mehrere Sturm-Varianten ein

Viele neue Möglichkeiten für Werder

Werders Trainer Florian Kohfeldt will die neue Bandbreite im Sturm taktisch nutzen und dank der fünf Wechsel auch während der Spiele variieren. Nur an einer Sache will er noch gezielt arbeiten...
08.09.2020, 17:37
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Viele neue Möglichkeiten für Werder
Von Jean-Julien Beer
Viele neue Möglichkeiten für Werder

Drei Typen, ein Ziel: Tore für Werder. Tahith Chong, Davie Selke und Johannes Eggestein kämpfen um Spielzeit in der Offensive.

nordphoto

Manchmal erinnern die Mannschaftssitzungen bei Werder an Schulunterricht. In der vergangenen Woche zum Beispiel gab es einen solchen Moment, in dem Florian Kohfeldt wie ein Lehrer vor seinen Spielern stand und sie über eine neue Besonderheit unterrichtete. Auf einer großen Videowand liefen Szenen aus dem Testspiel gegen den Zweitligisten FC St. Pauli, das Werder durch ein Fernschusstor von Milot Rashica mit 1:0 gewonnen hatte. Zu sehen war der gegnerische Strafraum, in dem gerade mehrere Werder-Stürmer lauerten. Zu sehen war aber auch, wie der Neu-Bremer Felix Agu mit dem Ball am Fuß auf der Außenbahn abdrehte und lieber nach hinten abspielte, statt eine Flanke zu schlagen. Kohfeldt stoppte das Video und erklärte dem 20 Jahre jungen Agu: „Wenn wir drei Strafraumstürmer haben, dann spielen wir in dieser Zone in Gleichzahl. Dann bring den Ball rein, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir dann ein Tor machen können.“

Der Trainer nutzte diese Spielanalyse auch, um auf die neue Flexibilität im Bremer Angriff hinzuweisen. „Es ist ein Unterschied“, erklärte er seinen Profis, „ob wir mit Johannes Eggestein und Tahith Chong spielen, oder ob wir beispielsweise mit Josh Sargent, Niclas Füllkrug und Davie Selkke vorne drin spielen. Das ist auch ein Unterschied für die Flügelspieler.“ Schnelle Angreifer wie Eggestein oder Chong können mit einem Ball in die Tiefe geschickt werden und versuchen dann selbst, über die offensiven Flügel gefährlich zu werden oder Torchancen einzuleiten. Wuchtige Mittelstürmer wie Selke, Sargent oder Füllkrug hingegen wollen und sollen im Strafraum gefüttert werden, im Zweifel auch mit Flanken aus dem Halbfeld. Ist der gegnerische Strafraum durch eigene Stürmer besetzt, soll die Mannschaft nicht mehr dribbeln und kombinieren, sie soll also nicht mehr versuchen, „den Ball ins Tor zu tragen“, wie Kohfeldt das nennt.

Werder ist schwerer auszurechnen

Dass bei einer Mannschaft wie Werder Bremen nun über solche Varianten in der Offensive gesprochen wird, nachdem in der abgelaufenen Saison oft gar keine Stürmertore gelangen, liegt an den neuen Möglichkeiten. Mit Füllkrug und Selke stehen in dieser Sommervorbereitung zwei fitte Mittelstürmer im Kader, auf den offensiven Außenpositionen sorgt nicht mehr nur Milot Rashica für Druck und Tempo, auch Neuzugang Chong und der deutlich verbesserte Johannes Eggestein setzen hier nun Akzente. Sargent ist eine Mischung aus beidem, was übrigens ein Grund dafür ist, dass Kohfeldt ihn derzeit in der Pole-Position sieht: „Ich kann mir im Moment keine Startelf ohne ihn vorstellen.“

Anders als im Vorjahr hat Werder nun also „eine relativ große Bandbreite in der Offensive“, freut sich der Trainer, „und alle Offensivspieler, die in der vordersten Reihe spielen können, haben in den Testspielen getroffen“. Genau das, findet Kohfeldt, „macht und uns ein Stück weit unausrechenbar, und das ist gut“. Denn aktuell sei es für keinen Gegner einfach, sich auf Werders Offensive einzustellen. Beginnt Bremen mit zwei Zentrumsstürmern oder zwei offensiven Flügeln? Vielleicht auch mal im 4-4-2 mit angreifenden Außen und zwei Mann im Zentrum? Oder gibt es mal nur eine Spitze? All das ist nun möglich, und weil auch in der neuen Saison wieder fünf statt der üblichen drei Auswechslungen erlaubt sein werden, „können wir das sogar im Spiel komplett ändern“, sagt der Trainer.

Kohfeldt ist sehr zufrieden

Man merkt Kohfeldt an, dass ihm dieser Gedanke Spaß macht, er trägt eine gewisse Vorfreude auf die Möglichkeiten dieser Offensive in sich. In seinen Wunschvorstellungen soll Werder immer für Angriffsspektakel stehen, für attraktive 90 Minuten. Das heißt natürlich nicht, dass seine Bremer fortan jedes Spiel hoch gewinnen, das betont auch Kohfeldt ausdrücklich: „Was am Ende als Ergebnis dasteht, ist eine andere Frage, das werden wir dann sehen. Aber wir können in der Offensive nun zentrumslastig spielen, wir können aber auch flügellastig agieren. Das sind Dinge, die mir als Trainer natürlich gut gefallen.“

Auch Sportchef Frank Baumann, der diesen Kader so zusammengestellt hat, wirkt zufrieden mit den Eindrücken aus den torreichen Tests, auch wenn meist gegen eher schwächere Kontrahenten gespielt wurde. „Gerade im Sturm ist es immer gut, wenn man verschiedene Möglichkeiten hat und verschiedene Spielertypen bringen kann“, sagt Baumann, „und wir können nun auch im Spiel noch einmal nachlegen kann. Ich glaube, dass wir da sehr gut aufgestellt sind.“

Torgefahr aus der zweiten Reihe fehlt

Dass es überhaupt so etwas wie einen ersten Sturm bei Werder geben wird, ist nicht abzusehen. „Ich glaube nicht, dass wir in der vordersten Front zwei oder drei Spieler haben werden, die immer jedes Spiel machen“, meint Kohfeldt, „einen vielleicht, der immer so ein Fixpunkt ist, vielleicht auch zwei, wenn man die Achter- oder Zehnerposition im offensiven Mittelfeld dazunimmt. Es ist aber nicht so, dass die Elf vom ersten Spieltag dann auch die Saison durchspielt, wenn sich keiner verletzt. Das würde der Breite im Kader und den Möglichkeiten nicht gerecht.“

Während die Stürmer nach den jüngsten Eindrücken also wieder zuverlässig treffen – eine Qualität, die Werder in der abgelaufenen Fast-Abstiegssaison brutal abging –, kann der Trainer nun daran arbeiten, ein anderes Manko in der Offensive zu beheben: Es fehlt so ziemlich jede Torgefahr aus der zweiten Reihe. Bis auf den Fernschuss von Rashica gegen St. Pauli hatte Werder hier in den Testspielen wenig zu bieten. Ein Problem, das sich schon in der vergangenen Saison andeutete. Wenn die Mittelfeldspieler wie Davy Klaassen, Yuya Osako oder Leonardo Bittencourt Tore für Werder erzielten, dann meist nach Kombinationen innerhalb des Strafraums, fast nie aus der Distanz. Kohfeldt kündigte bereits an, dieses Thema forcieren zu wollen, nachdem die Defensive recht sicher steht und die Stürmer wieder treffen: „Für uns wäre ein Mix wichtig aus dieser vordersten Reihe, die Tore schießt, und einer hohen Torgefahr aus der zweiten Reihe.“ Das wäre genau der Mix, für den Werder in guten Zeiten immer stand.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+