Werder verliert 1:4 gegen Leverkusen

Auch ohne Zuschauer kein Heimsieg

Auch im Geisterspiel wurde Werder seinen Gruselfaktor nicht los: Gegen Leverkusen kassierten die Bremer die siebte Heimniederlage in Folge und sorgten vor allem in der Defensive für ratlose Gesichter.
18.05.2020, 22:22
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer und Malte Bürger

Vereinfacht könnte man sagen: Wer es nicht sehen konnte, hat nichts verpasst - kann sich aber denken, was Werder Bremen mal wieder alles passiert ist. Die Mannschaft von Florian Kohfeldt kassierte auch im Geisterspiel gegen Bayer Leverkusen am Montagabend eine für diese Saison typische Niederlage. Mit viel zu einfachen Gegentoren, teils auch wieder nach Standardsituationen. Mit einer viel zu schwachen Defensive. Und mit viel zu wenig Druck nach vorne. Auch wenn Werder noch ein Spiel weniger hat, spitzt sich die dramatische Lage im Tabellenkeller weiter zu. Nach der siebten Heimniederlage in Folge deutet nichts auf eine baldige Wende hin. Weil die drei direkten Konkurrenten im Tabellenkeller (Paderborn, Düsseldorf und Mainz) an diesem Spieltag alle jeweils einen Punkt holten, hat sich Werders Situation sogar weiter verschlechtert.

Schon in der Anfangsphase des Spiels zeigte sich eindrucksvoll, warum Bayer seine beste Rückrunde seit 20 Jahren spielt: Mit schnellen Pässen und viel Ballbesitz setzten die Gäste Werder enorm unter Druck. Schon da wurde klar, dass Florian Kohfeldts Hoffnung trügerisch war. Werders Trainer hatte auf der Busfahrt zum Stadion zwar die elektrisierenden Fanmassen am Osterdeich vermisst, aber dennoch „eine sehr hohe innere Anspannung“ bei seinen Spielern ausgemacht und war deshalb zuversichtlich, „dass wir das auch auf den Platz bringen werden“.

Das erste Nebelhorn seit November

Stattdessen geschah jedoch das, was ohnehin eher realistisch schien: Marco Friedl ließ sich auch in diesem Duell mit Leverkusen früh überlaufen, so konnte Diaby in der 28. Minute eine traumhafte Flanke von rechts schlagen, die Kai Havertz zur Leverkusener Führung ins Tor köpfte. Nur zwei Minuten danach aber passierte etwas, was es im Weserstadion seit November in keinem Bundesligaspiel mehr gab: Das Nebelhorn ertönte und feierte ein Bremer Tor. Nach einer Ecke von Leonardo Bittencourt hatte Theo Gebre Selassie den Ball energisch ins Tor gestochert. 1:1 – ein unverdienter Ausgleich, aber immerhin ein starkes Bremer Lebenszeichen so kurz nach dem Gegentreffer.

Doch weil Werders grundsätzliche Defizite in der Defensive auch in der Coronapause nicht abgestellt werden konnten, fiel nur kurze Zeit später das zweite Tor für Leverkusen. Und wieder sehr vorhersehbar: Friedl konnte sich auf der Außenbahn nur mit einem Foul helfen, den fälligen Freistoß zirkelte Demirbay schön in den Strafraum, wo erneut Havertz unbedrängt einköpfen konnte (33.). Mal wieder kassierte Werder also ein Gegentor nach einer Standardsituation, es war bereits das 18. in dieser Saison. Nach vorne ging auch danach nur wenig: Die beste Chance vergab Bittencourt, als er nach einem sensationellen Pass von Veljkovic frei vor dem Tor auftauchte und sehr weit über das eigentliche Ziel schoss. Philipp Bargfrede köpfte den Ball kurz darauf ebenfalls drüber; Werders Mittelfeldkämpfer absolvierte übrigens sein 200. Bundesligaspiel – alle im Trikot von Werder.

Defensiv kein Bundesliga-Niveau

Zur Halbzeitpause äußerte sich Werders Aufsichtsratschef Marco Bode unzufrieden. Leverkusen habe „mehr investiert“, analysierte der Ex-Nationalspieler beim Sender „DAZN“, Werder müsse „mehr Engagement zeigen und mit mehr Mut und Kreativität im Spiel nach vorne“ agieren. Doch das war gegen diesen starken Gegner für Werder einfach nicht möglich.

Bayer beendete die wenigen zaghaften Bremer Versuche im zweiten Durchgang mit dem Treffer zum 3:1. Wieder ein Kopfballtor, erneut völlig unbedrängt, wieder nach einer Flanke von Diaby: Diesmal war Weiser der Torschütze und zeigte mit diesem Treffer, dass Werders Abwehrleistung für normales Bundesliganiveau nicht ausreicht. Demirbay erhöhte mit seinem ersten Saisontor sogar noch auf 4:1 (78.).

Mit einer solchen Leistung dürfte es für Werder schwer bis unmöglich werden, die notwendigen Zähler für eine Aufholjagd zu holen. Ein Punkt aus den letzten sieben Bundesligaspielen: Das ist die Ausbeute eines nicht konkurrenzfähigen Abstiegskandidaten. Egal, wie gut oder schlecht die Unterbrechung der Liga in Bremen genutzt werden konnte: An Werders Auftreten im Spiel hat sich nichts geändert.

Bode kündigt andere Philosophie an

Bereits vor dem Anpfiff des Geisterspiels hatte sich Bode in einem Interview mit dem Magazin „Spiegel“ zur Situation seines Vereins geäußert. „Zuletzt haben wir in der Kaderzusammenstellung Pech gehabt und hatten mit Verletzungen sehr viele Probleme“, erklärte Bode die schwache Saison, „ganz allgemein galt Werder immer als Beispiel dafür, wie man mit relativ wenigen Mitteln sehr erfolgreich sein kann. Durch den Verlust der Champions League ab 2010 ist der Klub in eine wirtschaftliche Schieflage geraten. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr gekämpft, um uns zu konsolidieren. Trotz der guten Ergebnisse führt eine solche Krise natürlich zu einem echten Stresstest.“

Vielleicht komme man bei Werder durch diese Coronakrise „zu dem Schluss, dass wir unsere Philosophie anpassen müssen“, sagte Bode und konkretisierte: „Womöglich müssen wir einen noch stärkeren Fokus auf die Ausbildung von Spielern legen und die Mannschaft verjüngen. Wir werden nicht einfach so weitermachen können wie vorher. Die Frage, wie sich unser Sport in Zukunft besser aufstellen kann und ob er sich verändern muss, gilt aber nicht nur für Werder, sondern für den globalen Fußball.“

So weitermachen wie bisher - das scheint jedoch auch losgelöst von der Coronakrise keine gute Option für Werder zu sein. Denn dieser Weg führt geradewegs in die zweite Bundesliga. Und zwar völlig verdient. Auch das zeigte das Bremer Geisterspiel. Immerhin: Mit nun 28 erzielten Toren stellt Werder jetzt nur noch den zweitschlechtesten Angriff der Bundesliga. Düsseldorf erzielte nur 27 Tore – holte damit aber, mit einem Spiel mehr und dank einer besseren Abwehr, fünf Punkte mehr als Bremen.

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