Seinen Eltern möchte er ein Haus kaufen

Mina startet das Werder-Abenteuer

Er wäre sofort für die Bundesliga spielberechtigt, muss aber körperlich noch aufholen: Ab kommender Woche startet für Johan Mina das Abenteuer Bremen. Der 18-Jährige aus Ecuador ist ein spannender Transfer.
01.08.2020, 16:57
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Mina startet das Werder-Abenteuer
Von Jean-Julien Beer
Mina startet das Werder-Abenteuer

Strammer Linksschuss: Johan Mina bei der Weltmeisterschaft der U17-Junioren.

imago images

Früher, in den sehr guten Zeiten, stand Werder Bremen immer wieder für kreative Transfers. Für Spieler, die in Deutschland kaum jemand kannte, die dann aber gut einschlugen und zu Stars wurden. Wynton Rufer, Claudio Pizarro oder Ailton gehörten dazu, natürlich auch Johan Micoud und viele andere. Ein Stück weit zuletzt Milot Rashica. In der kommenden Woche beginnt am Osterdeich für einen Spieler das Abenteuer Deutschland, der gerne eine ähnliche Entwicklung nehmen würde: Johan Mina, 18 Jahre junger Offensivspieler aus Ecuador. Seine Abreise nach Bremen ist inzwischen vorbereitet, wegen der verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie in seiner Heimat war es gar nicht so einfach, passende Flüge zu bekommen. Werder konnte helfen – und der Spieler freut sich „auf einen Verein, bei dem sich schon viele junge Spieler gut entwickeln konnten“.

Wenn er in Bremen alle Tests des Hygienekonzepts der Bundesliga durchlaufen hat, wartet auf den jungen Mann ein strammes Programm. Denn auch Werder hegt die Hoffnung, dass Mina einer dieser Neuzugänge sein könnte, in denen eine gewisse Fantasie steckt. Baumann ließ den Junioren-Nationalspieler aus Ecuador bei zwei großen Turnieren beobachten: Bei der Südamerikameisterschaft der U17 wurde Mina mit sechs Treffern Torschützenkönig, bei der Weltmeisterschaft der U17 konnte er ebenfalls überzeugen und schoss in vier Spielen zwei Tore. Dass ihm sein Trainer dabei auch die Verantwortung für wichtige Elfmeter übertrug, zeugt von seiner besonderen Rolle. Baumann sieht in Mina einen spielfreudigen Offensivmann, „der selbst torgefährlich ist, der aber auch seine Mitspieler mit Pässen und Flanken in Szene setzen kann".

Härtere Gegenspieler

Das Problem ist die Fitness, und das geht man bei Werder nun an. Wegen Streitigkeiten zwischen seinem Verein CS Emelec und seinem Berater hat Mina seit mehr als einem Jahr kein Spiel mehr auf Vereinsebene bestritten, nur im Juniorennationalteam kam er zum Einsatz. „Wir wollen ihn nun erst einmal grundsätzlich athletisch und körperlich an den Herrenfußball und das Niveau in Europa heranführen“, erklärt Baumann, „und zwar auch als Spielertyp“. Denn klar ist: Auf Bundesliga-Niveau bekommt es ein feiner Offensivspieler wie Mina mit anderen Kalibern als Gegenspieler zu tun als bei den Junioren-Turnieren im Nationaltrikot Ecuadors.

Mina hätte zwar sofort eine Spielgenehmigung für die Bundesliga, wie Baumann betont, er müsste aber nach Monaten individuellen Trainings schon in einem überraschend guten Zustand sein, um es direkt in den Bundesliga-Kader zu schaffen. Von der Idee her, das hat Werders Manager immer betont, ist Mina zunächst nicht als Verstärkung für die neue Saison eingeplant, sondern als „spannender Spieler für die Zukunft“.

Neben dem Stadion aufgewachsen

Andererseits lebt Mina den Fußball. Schon sein Vater war Profi in Ecuador und ist der engste Vertraute des jungen Johan, „er hat mich auch während der großen Turniere immer angerufen und gesagt, dass ich die Ruhe bewahren und mir keine Gedanken über Angebote machen soll“. Denn die würden automatisch kommen. Mina hörte auf seinen Vater – und auch auf seinen Nationaltrainer. „Der sorgte dafür, dass wir Spieler während der Turniere nicht auf unser Handy geguckt haben“, erzählt der 18-Jährige, „weil wir sonst von den Klubs, die an uns interessiert sind, abgelenkt werden könnten. Wir wollten uns nur auf die Spiele fokussieren.“

Auch wenn er irgendwann gerne in der englischen Premier League spielen möchte („Das ist mein Ziel“), könnte es bei Werder sehr gut mit ihm passen, selbst wenn er zunächst vielleicht nur neben dem Stadion trainieren darf. Denn für Pflichtspiel-Einsätze in der U23 oder der U19, in denen er wichtige Spielpraxis sammeln könnte, bekommt er keine Spielgenehmigung, weil es kein entsprechendes Arbeitsabkommen zwischen Deutschland und Ecuador gibt. Er könnte dort nur trainieren oder in Freundschaftsspielen sein Können zeigen, aber dafür ist er nicht gekommen: Er will es in der Bundesliga packen. Schon als Kind hat er neben einem Stadion gespielt, es war die 40.000-Zuschauer-Arena „Capwell“ in seiner Heimatstadt Guayaquil. Das Stadion zog ihn magisch an und war sein Antrieb. „Ich bin in der Nähe dieses Stadions aufgewachsen“, erzählt er, „so fing ich an, den Fußball zu mögen. Ich habe natürlich dann auch auf der Straße Fußball gespielt und wollte es immer zu CS Emelec packen, in diesem Stadion spielen und Meister werden.“

„Am liebsten hinter einem Stürmer“

Das gelang ihm. Und nun soll sich der Durchbruch im fernen Europa eben am Weserstadion wiederholen. „Wir wollen ihn für die Bundesliga aufbauen“, sagt Baumann und stellt in Aussicht, dass Mina im Optimalfall schon gleich für die Hinrunde in den Kader aufgenommen werden könnte. „Jetzt lassen wir ihn aber erst einmal ankommen und schauen, wie sich alles entwickelt.“ Mina selbst sieht seine ideale Position „zentral offensiv“, wie er sagt, „am liebsten spiele ich hinter einem Mittelstürmer“.

Sein Durchbruch bei Werder wird nun auch davon abhängen, ob die U20-WM im kommenden Winter stattfindet. Noch ist unklar, ob Gastgeber Indonesien dieses Turnier in Corona-Zeiten umsetzen kann und ob die Mannschaften aus Afrika oder eben Südamerika überhaupt ausreichend trainieren konnten. Wenn die WM stattfindet, ist Mina dabei. Das würde ihn zwar viele Wochen Training in Bremen kosten, wäre aber dennoch in Werders Interesse. Die Weltmeisterschaft der U20-Junioren ist traditionell die Bühne potenzieller Weltstars, gerade aus Südamerika. Das galt schon für Diego Maradona, aber auch für Riquelme, Saviola, Messi, Agüero, Bebeto und Adriano. Werder ist auf dieser Bühne gerne präsent.

Mina selbst startet den nächsten großen Schritt in Deutschland mit bescheidenen Zielen. „Ich will es in Werders Bundesligamannschaft schaffen und dem Team helfen“, sagt er, „und irgendwann möchte ich meinen Eltern ein Haus kaufen. Sie und mein Bruder begleiten mich zum Fußball, seit ich ein kleiner Junge bin. Ich denke vor und nach jedem Spiel an sie.“ Nun ist die Familie stolz, dass es der Sohn bis ins ferne Bremen geschafft hat.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+