Werders Gegner Gladbach in der Taktik-Analyse

Die Verwandlungskünstler

Was kommt da im Abendspiel auf Werder zu? Unser Taktik-Experte Stefan Rommel hat sich den Bremer Gegner etwas genauer angesehen. Klar ist: Schwächen gibt es bei Mönchengladbach nur wenige.
26.05.2020, 12:43
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel
Die Verwandlungskünstler

Trainer Marco Rose leistet in Mönchengladbach bisher hervorragende Arbeit; das zeigt sich am Auftreten seiner Mannschaft.

dpa

Borussia Mönchengladbach hat sich unter Marco Rose zum variabelsten Team der Liga entwickelt, das sehr gut pressen und sehr direkt und schnell angreifen kann. Schwächen zeigt die Borussia nur wenige.

Das sind Gladbachs Stärken:

Ein paar Zahlenspielereien, mit der Betonung auf Spielereien, zum Anfang: 4-3-3, 4-4-2, 4-2-3-1, 3-5-2, 3-4-3. Das sind in nicht chronologischer Reihe jene Grundordnungen, die Marco Rose und sein Trainerteam bisher genutzt haben. Wobei es sich dabei noch mehr um lose Grundgerüste handelt als bei anderen Teams. Entscheidender sind in der jeweiligen Formation eher die Abläufe und Staffelungen, die innerhalb dieser groben Idee angestrebt werden.

Trotzdem ist Borussia Mönchengladbach jene Mannschaft, die in dieser Saison ihre Grundordnungen öfter ändert als alle anderen - was wiederum ein konkreter Hinweis darauf ist, wie variabel und flexibel Gladbach jedes einzelne Spiel angeht und in diesen Partien selbst teilweise extrem von außen darauf Einfluss nimmt. Cheftrainer Rose selbst geht dabei den Entwicklungsweg seiner Mannschaft quasi mit.

Aus seiner Zeit in Salzburg mit einer dominanten Mannschaft und großer individueller Qualität hat Rose das 4-Raute-2 beziehungsweise später ein sehr offensives 4-3-3 mit nach Gladbach gebracht und passt diese Vorkenntnisse nun in einer anderen Liga mit stärkeren Mannschaften an die Stärken und Schwächen seiner Spieler an. Das passt zwar nicht immer (perfekt), gibt der Borussia aber in jedem Spiel die Gewissheit, auf Augenhöhe agieren zu können. Selbst mit den Branchengrößen aus München, Dortmund oder Leipzig.

Die permanente Transformation und Entwicklung macht Gladbach im Scouting unglaublich unbequem. Der Gegner kann sich nur schwer auf eine bestimmte Ausrichtung einstellen und muss sich an den Prinzipien orientieren - die wiederum von der Borussia immer wieder auch anders interpretiert werden. Nur wenige andere Mannschaften - sicherlich die Bayern, vielleicht auch Leipzig und Leverkusen - sind so aktiv, mutig und aggressiv im Pressing und Gegenpressing wie Gladbach. Die Anlaufhöhe wird dabei gerne bis an den gegnerischen Strafraum verlegt, verbunden mit einem sehr riskanten Nachschieben der absichernden Reihen. In diesen Phasen verlegt sich die Mannschaft gerne auf direkte Mannorientierungen und verteidigt teilweise extrem nach vorne.

Dank einer sehr hohen Zentrumspräsenz soll der Gegner früh auf die Flügel gelenkt und dann dort attackiert werden. Im (eigenen) Angriffsdrittel erfolgt das noch recht direkt, in einem etwas tieferen Mittelfeldpressing soll der Gegner eher in Zonen gelenkt und dann dort gestellt werden. Das Nachschieben und Gegenpressen sind klare Red-Bull-Elemente, die Rose in Gladbach in vergleichsweise kurzer Zeit schon sauber implementiert hat. Auch hier gilt wie bei den meisten Angriffskationen im letzten Drittel: Geschwindigkeit ist Trumpf.

Ein Merkmal erfolgreicher Mannschaften ist nicht nur die absolute Qualität im Kader, sondern der Einsatz und die Gewichtung unterschiedlicher Kompetenzen. Im besten Fall schafft es ein Trainer, seine Spieler in Rollen und Aufgaben zu bringen, die ihre Stärken betonen und die Schwächen so gut es geht kaschieren. Das erfordert manchmal große, in der Regel aber viele kleinere Anpassungen und auch ein bisschen Probieren, in Gladbach konnte man davon bisher aber schon jede Menge sehen.

Im eigenen Ballbesitz setzt Gladbach auf solide, klassische Elemente. Mit hohen Außen- oder Flügelverteidigern soll der Gegner tief gehaltenen werden, im Aufbau unterstützen dann ein Sechser und kurz kommende Achter. Der Gegner soll ins Pressing aufrücken, um ein wenig gelockt zu werden. Oft genug wird dann auch entgegen der „eigentlichen“ Grundordnung so verschoben, dass im Mittelfeld eine Raute entsteht. Aus diesem Konstrukt kann die Mannschaft den Ball auch lange zirkulieren lassen und dank der vielen Dreiecksformationen in günstigen Winkeln zueinander passen. Außerdem ergibt sich dadurch ein guter Zugriff im Gegenpressing, sollte der Ball verloren gehen.

Die Variation des Spieltempos ist dabei ein entscheidender Aspekt. Ruhigere Aufbauphasen wechseln sich ab mit langen Bällen direkt in die Spitze oder in den Zehnerraum, die abgelegt werden sollen für die nachrückenden Mittelfeldspieler. Gerade für im 4-4-2-verteidigende Mannschaften wie Werder können dadurch Probleme entstehen, weil die Abwehr und Mittelfeldkette auf einen langen Ball vorbereitet sein müssen und tiefer stehen müssen. Diagonalbälle aus der Abwehr sind ebenfalls ein Rezept wie jene aus dem Übergangsdrittel in die Spitze. Dafür lauern Angreifer im Rücken der Gegenspieler und an der Abseitsgrenze, um sich für eines dieser hohen Zuspiele zu positionieren.

Das Positionsspiel hat sich schon sauber entwickelt, wobei Rose da die Flexibilität seiner Spielertypen auch voll in die Karten spielt. In Mittelfeld und Angriff ist kein Spieler auf eine bestimmte Position festgelegt. Die Übergänge zwischen diesen beiden Mannschaftsteilen sind fließend, Marcus Thuram oder Alassane Plea sind ebenso gut auf dem Flügel oder als Ballverteiler aufgehoben wie im Angriffszentrum, Lars Stindl ist der Allrounder im offensiven Mittelfeld, der immer wieder auch im Angriff auftaucht.

Überhaupt ist nicht nur Gladbachs Mittelfeld ungeheuer torgefährlich, sondern verteilen sich die bisher schon 13 verschiedenen Torschützen recht homogen auf alle Mannschaftsteile: Bis auf Tony Jantschke haben selbst alle bisher eingesetzten Abwehrspieler schon mindestens ein Tor erzielt. Gladbach brilliert dabei auch mit seinen Standards, schon elf Tore nach einem ruhenden Ball können sich absolut sehen lassen.

Das sind Gladbachs Schwächen:

Eine Stärke der Mannschaft kann sich unter Umständen auch als kleines Problem herausstellen. Das Anlocken des Gegners und die darauf folgenden Vertikalpässe am eigenen Mittelfeld „vorbei“ direkt in die Spitze sind durchaus riskant und anfällig für vergleichsweise leichte Ballverluste. Hier fehlt der Mannschaft immer mal wieder noch Geduld und letztlich auch Präzision, um noch schneller gefährlich in die gefährliche Zone zu kommen. Stattdessen ist der Ball fürs Erste verloren.

Auch nach gut drei Vierteln der Saison bleibt deshalb eine gewisse Abhängigkeit davon, wie schnell die Mannschaft ihre Vertikalität mit dem Ball entwickelt. Dann ist die Borussia brandgefährlich, aus einem eher geordneten und breiter angelegten Spiel allerdings fehlt es noch an Durchschlagskraft im letzten Drittel.

Wie auch bei Werder klebt das Verletzungspech in dieser Saison an der Borussia. In der Hinserie waren 18 Spieler kurz- oder langfristig verletzt oder krank, derzeit sind es - wie bei Werder - noch vier; darunter allerdings mit Denis Zakaria und Breel Embolo zwei ganz zentrale Spieler. Der eine ist einer der besten Verbindungsspieler der Liga, der andere die Entdeckung auf der Zehnerposition.

Das ist der Schlüsselspieler:

In Abwesenheit der Schlüsselfiguren Zakaria und Embolo kommt Lars Stindl als Anführer der Mannschaft eine noch größere Bedeutung zu. Nicht nur auf dem Papier ist aber Torhüter Yann Sommer die große Konstante in Roses Team. Der Vize-Kapitän ist Gladbachs Rückhalt, spielt seine wahrscheinlich beste Saison in der Bundesliga und hat der Mannschaft mit seinen Paraden - den meisten aller Bundesliga-Torhüter - schon den einen oder anderen Punkt festgehalten. Und Sommer nimmt als mitspielender Torhüter nicht nur im tiefen Aufbau eine wichtige Rolle ein, sondern überzeugt auch mit punktgenauen langen Bällen direkt in die Spitze.

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