Wie sich Werder für die Geisterspiele rüstet

Viele Vorschriften beim Maskenball

Nichts scheint im Fußball komplizierter zu sein als ein Geisterspiel. Auch auf Werder kommen nun ganz neue Herausforderungen zu. Der Verein bereitet sich vor - und blickt mit Sorgen in Richtung zweite Liga...
12.05.2020, 09:12
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Viele Vorschriften beim Maskenball

Nichts ist mehr so, wie es mal war: Hier kommen Werders Profis zum Dienst.

nordphoto

Es gibt viele Unterschiede zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV. Nicht nur die Liga. In dieser Woche gibt es auch einen messbaren Unterschied. Er beträgt 556 Kilometer. Denn während sich der HSV für sein Quarantäne-Trainingslager auf eine Flugreise bis ins fränkische Herzogenaurach begibt, betrug Werders Fahrt mit dem Bus nur wenige Minuten. Als die Mannschaft von Florian Kohfeldt am Montag ihr Quarantäne-Hotel im Bremer Bürgerpark bezog, zeigte sich also doch noch ein Vorteil durch den Coronaspielplan: Werder darf mit einem Heimspiel gegen Leverkusen beginnen, während etwa der HSV im bayerischen Fürth startet und deshalb gleich dorthin reiste.

So kann sich Kohfeldt mit seiner Mannschaft wenigstens etwas Normalität erlauben. Das historische Parkhotel, nur vier Kilometer vom Weserstadion entfernt, ist auch in gewöhnlichen Zeiten Werders Quartier vor Heimspielen. Die Anlage ist groß genug, um die Profis und den engsten Mitarbeiterstab in diesen außergewöhnlichen Tagen von der Außenwelt abzuschotten. Bis nach dem Spiel gegen Leverkusen (Anstoß am Montag um 20.30 Uhr, Übertragung bei DAZN) darf keiner von ihnen Kontakt zur Familie oder zur Außenwelt haben, so sieht es das medizinische Hygiene-Konzept der Bundesliga als Grundlage für Spiele ohne Zuschauer vor.

86 Seiten voller Vorschriften

Bei alledem geht es den Machern in den Vereinen exakt so wie Millionen Eltern, die gerade ihre schulpflichtigen Kinder daheim durch Mathematik oder Gedichtinterpretationen manövrieren müssen: Lesen und Verstehen sind nun immer wieder gefordert. Schon das Hygiene-Konzept, das die Vereine Ende April erhielten, war auf 50 Seiten eng bedruckt und nicht gerade alltagstauglich formuliert; nun folgten noch einmal 36 Seiten unter dem sperrigen Titel „Organisationsrundschreiben Sonderspielbetrieb“. All diese Vorgaben regeln bis ins kleinste Detail die erforderlichen Maßnahmen, um die Geisterspiele ohne weiteren Schrecken abwickeln zu können.

Das reicht von den Bestimmungen für die notwendigen Rachen-Abstriche der regelmäßigen Corona-Tests bis zum rechtzeitigen Bestellen von Plexiglaswänden, sollten derartige Umbauten im Stadion erforderlich sein, um die Ersatzspieler auf der Bank so voneinander zu trennen, dass sie sich dort nicht anstecken können.

Kein Plexiglas an der Bank

Wenigstens diese Investition bleibt Werder erspart. Der Glaser muss nicht anrücken. Im ohnehin menschenleeren Weserstadion sollen die ersten Sitzreihen der Tribüne genutzt werden, direkt hinter der Auswechselbank, um die Ersatzspieler und die Betreuer alle voneinander zu trennen – mit einem Abstand von mindestens 1,50 Metern. Für alle hier gilt vor, während und nach dem Spiel die Maskenpflicht, auch für die Trainer. Für Kohfeldt gibt es bei diesem Maskenball nur eine Ausnahme, die lautet: „Der Trainer darf den Nasen-Mundschutz zum Rufen von Anweisungen abnehmen, sofern er den Mindestabstand zu allen anderen Personen einhält.“

Die Spieler müssen auf der Busfahrt und auch in der Kabine Masken tragen, beim Aufwärmen vor dem Spiel nicht mehr. Während der 90 Minuten gilt, so ist es auf Seite 18 des Rundschreibens an die Klubs geregelt: „Ausgenommen von der Nasen-Mundschutz-Pflicht sind die Spieler auf dem Platz und in der Aufwärmzone.“ Genügend Masken und auch Desinfektionsmittel hat Werder besorgt, logistisch ergeben sich nun andere Herausforderungen.

Was „Zone“ jetzt bedeutet

Sie sind versteckt hinter vertrauten Begriffen, die im Geisterspielfußball des Frühsommers 2020 aber neue Bedeutungen haben. Zum Beispiel: Zonen. Hier geht es nicht mehr um Halbräume oder das letzte Angriffsdrittel, sondern um drei Zonen im Weserstadion, in denen sich nicht mehr als insgesamt 322 Menschen aufhalten dürfen. 98 davon im Stadioninnenraum, 115 im Tribünenbereich, 109 im Stadionaußengelände. Auch bei Werder spielen sie gerade alle Möglichkeiten durch, wie die zugelassenen Klubvertreter, TV-Mitarbeiter, Ordner, Polizisten oder Journalisten nicht nur mit Masken versorgt, sondern auch räumlich mit Mindestabständen voneinander getrennt werden können, ohne das Kontingent der jeweiligen Zonen zu sprengen. Zudem müssen einzelne Mitarbeiter auf zusätzliche Aufgaben vorbereitet werden, um mit dem kleinstmöglichen personellen Aufwand trotzdem die Stadiontechnik am Laufen zu halten.

Um Fußball geht es übrigens auch noch. Bereits am Samstag rollte im leeren Weserstadion erstmals seit vielen Wochen wieder der Ball, Kohfeldt ließ seinen Kader elf gegen elf spielen und griff mehrmals lautstark ein. „Wir haben normalerweise im Fußball nie die Möglichkeit, die Wettkampfsituation perfekt zu simulieren. Jetzt schon“, erklärt Kohfeldt. Denn so leer und still wie nun wird es auch gegen Leverkusen auf den Rängen sein.

Das Nebelhorn soll ran

Während das DFL-Präsidium in einem internen Papier appellierte, während der Spiele keine künstliche Stadionatmosphäre durch die Lautsprecher dröhnen zu lassen, wird Werder das berühmte Nebelhorn noch einmal durchchecken, das in der Bundesliga schon seit November nicht mehr ertönen durfte. Sollte der Mannschaft in den Geisterspielen wieder ein Tor gelingen, soll das Nebelhorn ran, auch die gewohnte Tormusik soll nach jetzigem Stand eingespielt werden. Mehr aber auch nicht, so die strengen Vorgaben: „Bei Torerzielung sind gemeinsames Jubeln, Abklatschen und Umarmung zu unterlassen. Kurzer Ellenbogen- oder Fußkontakt ist erlaubt.“ Für Werder wäre das nur ein Luxusproblem.

Schwieriger dürfte für die Bremer Heißsporne sein, dass jede Rudelbildung nun auch aus hygienischen Gründen verboten ist. Mit Interesse werden manche Fernsehzuschauer auch verfolgen, dass das Ausspucken auf dem Rasen zumindest „vermieden werden soll“, so die Vorgaben. Um sich an all das früh zu gewöhnen, ist jede Übungsminute im Weserstadion wertvoll. Denn wenn gegen Leverkusen der Anpfiff ertönt, müssen sich die Spieler vor allem auf die taktischen Aufgaben konzentrieren, statt über die neuen Vorschriften zu grübeln.

Was passiert bei Relegation?

Ein paar Gedanken gehen bei Werder dieser Tage dennoch in Richtung HSV, oder besser: in Richtung zweite Liga. Weil die Mannschaft von Dynamo Dresden nach positiven Tests für zwei Wochen in häusliche Quarantäne muss, ist völlig unklar, ob die Saison im Unterhaus bis Ende Juni beendet ist. Sollte Werder dann tatsächlich den Relegationsrang belegen, könnte der Gegner fehlen. Gut möglich, dass Werder dann ohne weitere Spielpraxis noch zwei Wochen alleine trainieren müsste, bis es eine Relegation geben könnte. Es wäre die letzte Pointe einer jetzt schon unlustigen Saison.

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