Werder-Torjäger Niclas Füllkrug im Interview

„Anfangs wollte man mich glatt machen“

Als Typ und als Torjäger wurde Niclas Füllkrug bei Werder im Abstiegskampf schmerzlich vermisst. Im Interview mit dem WESER-KURIER spricht er über seine Rolle im Team und Grenzerfahrungen in der langen Reha.
03.08.2020, 09:52
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„Anfangs wollte man mich glatt machen“
Von Jean-Julien Beer
„Anfangs wollte man mich glatt machen“

Wichtiger Führungsspieler bei Werder: Niclas Füllkrug äußert klar seine Meinung.

gumzmedia/nordphoto

Herr Füllkrug, Sie waren schon ein paar Tage früher auf dem Trainingsplatz aktiv als der Rest des Teams. Welche Idee steckt dahinter?

Niclas Füllkrug: Nach dem Saisonende habe ich fast gar keine Pause gemacht, nur eine Woche. Danach war ich schon wieder täglich im Kraftraum. Ich möchte einfach bestmöglich vorbereitet sein und hoffe, dass ich dadurch relativ schnell in der Saisonvorbereitung alles mitmachen kann.

Wie war es, in dem sehr kurzen Urlaub zu wissen: Hey, wir sind mit Werder weiter in der Bundesliga dabei, Bayern und Dortmund statt Aue und Sandhausen?

Ehrlich gesagt sehe ich das gar nicht so. Ich spiele auch gerne gegen Aue und Sandhausen, es hat mir dort immer Spaß gemacht. Ich mag die zweite Liga, es ist auch dort eine besondere Atmosphäre. Aber es ist natürlich schöner, sich in der ersten Liga mit Topmannschaften messen zu können und, wer weiß das schon, am Ende dort vielleicht auch mal überraschen zu können.

Ihr Name fiel oft bei Werders Saisonanalyse. Das Ergebnis ist, dass Sie der Mannschaft als Torjäger und als Typ sehr gefehlt haben durch Ihre Verletzungspause. Glauben Sie auch, dass Werder mit einem gesunden Füllkrug nicht so viele Probleme bekommen hätte?

Ich denke nicht, dass ich so krass gefehlt habe, weil ich so ein toller Typ bin. Es fehlte in der Mannschaft jemand, der etwas dominanter und vielleicht auch ein bisschen arroganter auftritt. Wenn ich dabei war, konnte ich diese Rolle total frei ausleben und glaube, dass das der Mannschaft auch gut tat. Ich glaube schon, dass ich der Mannschaft übers komplette Jahr dadurch mehr hätte helfen können, aber das ist natürlich Theorie. In jedem Fall haben uns ein paar Tore gefehlt, da hätte ich vielleicht mehr machen können.

Wir haben Sie zuletzt „Werders Unterschiedspieler“ genannt: Mit Ihnen holte das Team im Schnitt 1,5 Punkte pro Spiel, ohne Sie nur 0,7. Das klingt nach einer Stammplatzgarantie…

Das wäre schön, ja, aber da müssten wir erst noch einen Deal mit dem Trainer und mit meinem Körper machen. Im Grunde will ich aber gar nicht, dass mir jemand einen Stammplatz verspricht, ich halte Konkurrenzdruck für wichtig. Wenn sich meine Rolle in Richtung Stammplatz entwickelt, dann spüre ich das, dann braucht mir das keiner zu sagen. Am Ende geht es darum, die beste Leistung zu bringen. Was ich in meinen wenigen Spielen in der abgelaufenen Saison gebracht habe, das war gut für die Verhältnisse, in denen ich gesteckt habe. Aber das kann sich im Fußball schnell ändern. Deshalb setze ich mir keine Ziele.

Wie sehen Sie diese Werte, dass Werder mit Ihnen so viel erfolgreicher ist? Wie viel liegt da wirklich an Ihnen?

Ich versuche natürlich als Stürmer schon dazu beizutragen, dass wir eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, zu gewinnen. Ich glaube auch, dass es für die Mannschaft gut ist, vorne einen robusten Mittelstürmer zu haben, der torgefährlich ist und auch defensiv mitarbeitet. Der auch mal ein Zeichen setzt. Ich bin halt ein laustarker Spieler. Aber am Ende ist es immer ein ganzes Team, das auf dem Platz steht. Anscheinend nimmt die Mannschaft es ganz gut auf, wenn ich spiele. Aber man hat zum Beispiel gegen Köln gesehen, dass ein Yuya Osako oder Milot Rashica ganz anders funktioniert haben, wenn vorne ein wuchtiger Mittelstürmer spielt. Sie konnten dann ganz andere Räume anlaufen. Wenn Osako auf der Zehn war, hat er kaum ein schlechtes Spiel gemacht. Dazu brauch er vor sich einen Stürmer, der die Innenverteidiger wegnimmt. Für mich ist Osako auch ein Unterschiedsspieler.

Auch deshalb kam im Winter der wuchtige Davy Selke dazu. Können Sie beide als wuchtige Mittelstürmer auch zusammen spielen?

Wir sind natürlich beide eher Strafraumstürmer, er noch etwas mehr als ich, weil ich mir die Bälle vielleicht noch etwas mehr vom Mittelfeld abhole. Der Trainer muss sagen, ob er da eine Idee hat. Auf jeden Fall bräuchten wir dann ein gutes Flankenspiel.

Als Ihnen nach dem guten Saisonstart im September das Kreuzband riss, stand der Verein unter Schock. Wussten Sie damals sofort, wie schlimm es ist, oder hatten Sie anfangs noch Hoffnung?

Es war ganz merkwürdig. Ich hatte noch nie eine Verletzung an den Sehnen oder Bändern im Knie. Ich habe ein Geräusch gehört, und die ersten 20 Sekunden einen brutalen Schmerz gehabt. Und dann waren die Schmerzen weg. Ich stand später noch einbeinig in der Kabine, um zu testen, ob es schlimm ist. Aber mir wurde es dann klar, als das Knie unfassbar dick und steif wurde, denn so ein gerissenes Kreuzband blutet dann ein. Auch wenn ich es zunächst nicht glauben wollte.

Nach drei Knorpelschäden war es Ihre vierte lange Reha. Hilft die Erfahrung, oder ist es jedes Mal gleich nervig, sich durch diese Monate zu kämpfen?

Die Erfahrung hilft schon ein bisschen, weil du einfach weißt, dass auch sehr schwierige Tage auf dich zukommen. Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung, die ich bei Werder bekommen habe. Man muss sich das mal geben: Ich habe fast zehn Monate nur in Bremen im Kraftraum trainiert. Da muss man aufpassen, dass man nicht kirre wird. Bitte nicht falsch verstehen: Unser Kraftraum ist überragend. Aber jeden Tag stundenlang in denselben vier Wänden, das ist hart. Ich habe trainiert wie nie zuvor in meinem Leben, hatte auch fast immer einen eigenen Trainer. Am Anfang haben wir sogar ein Navy-Seal-Fitnessprogramm gemacht, da bin ich wirklich an meine Grenzen gekommen. Das habe ich aber auch gebraucht, um mich zu entladen. Ich bin eh jemand, der immer Vollgas trainiert und der es liebt, in jeder freien Sekunde im Kraftraum zu arbeiten. Aber: Es gehören bei solchen Verletzungen auch schwierige Tage dazu, wo du in den Kraftraum gehst, jeden Muskel spürst und denkst: Alter, schon wieder? Deshalb bin ich jetzt total glücklich, dass ich wieder Bundesliga spielen und Tore schießen konnte. Natürlich war es noch nicht das, was ich vorher gespielt habe. Aber ich konnte der Mannschaft helfen. Es war ein sehr langer Weg dahin, das muss man ganz ehrlich mal sagen.

Und es beeinflusst sicher auch die Stimmung, wenn die Mannschaft dann auch noch schlecht spielt…

Man hatte zumindest jeden Tag etwas zu diskutieren im Kabinentrakt. Ich habe mitgefiebert und versucht, Lösungen zu finden. Aber es war schwer, da einzuwirken, wenn die Mannschaft erst mal in so einem Strudel steckt. Man hat es ja am Ende gemerkt: Es war einfach nur eine Rettung. Wie, das war völlig egal.

Sie sind jetzt 27 Jahre und haben Erfahrungen gemacht, für die andere zwei Karrieren bräuchten. Haben Sie das Gefühl, die besten Jahre kommen jetzt erst?

Ich glaube tatsächlich, dass ich gerade in meiner besten Zeit drin war, bevor das Kreuzband riss. Es waren zuletzt viele Verletzungen auf einen Schlag, die ich bekommen habe, der letzte Knorpelschaden war ja auch erst im Dezember 2018. Danach hatte ich erst ein paar Spiele gemacht bis zum Kreuzbandriss – und ich denke, das war eine meiner besten Phasen, sonst wäre ich nicht sofort so gut in die Saison gestartet. Klar muss ich jetzt noch etwas aufholen, aber ich möchte diese gute Phase gerne fortsetzen. Und ich möchte gerne noch etwas länger Fußball spielen, weil mir durch die schweren Verletzungen viel Zeit genommen wurde. Deshalb hoffe ich jetzt auf eine verletzungsfreie Zeit. Das möchte ich auch gerne in diesem Interview betonen: Es gibt bei mir keine Zielsetzung an Toren oder Startelfeinsätzen. Ich will trainieren und spielen, dabei schmerzfrei sein und Spaß haben. Wenn das klappt, können mir alle glauben, dass meine Leistung dann von ganz alleine kommt. Davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt, weil ich immer hart arbeite.

Bei Ihren ersten Einsätzen nach dem Kreuzbandriss gab es Szenen, wo man erschrak und dachte: Muss er sich denn jetzt so in diesen Zweikampf hauen? Sind wir Beobachter da ängstlicher als Sie selbst?

Das ist in der Tat interessant. Vor meinen ersten Trainingseinheiten nach der Reha kamen viele Leute zu mir und meinten: Mach heute mal ruhiger. Denk dran, das ist nur zum Hereinkommen, du sollst hier heute nicht der Beste sein. Solche Sätze halt. Ich habe mir das dann auch immer wirklich vorgenommen. Und dann standen wir nach ein paar Minuten bei einem Kreisspiel und ich fange an, dort wie wild zu grätschen. Da habe ich mir auch kurz gedacht: Junge, was machst du denn hier? Aber ich kann das nicht unterdrücken. Sobald ich auf dem Rasen stehe, geht es mir darum, gut zu sein und gewinnen zu wollen. Eigentlich ist es ja ein gutes Zeichen, dass ich die Verletzungen in diesem Moment vergesse. Andersrum wäre es bestimmt viel gefährlicher.

Tore sind Ihre eine Spezialität. Die kann man zählen, und die kann man auch trainieren. Aber wie wird man so ein Typ, von dem bei Werder nun alle reden, wenn es um Niclas Füllkrug geht?

Ich würde es mal so sagen: Ich habe einfach eine besondere Eigenschaft. Ich habe schon immer auf meinen Trainer gehört und auf die Leute, die mich besser machen wollen. Ich nehme jeden Ratschlag an und bin sehr selbstkritisch. Aber: Mir ist es bis zu einem gewissen Punkt völlig egal, was die Leute über mich denken. Da gibt es für mich kein Schamgefühl. Das funktioniert aber nur, weil ich mit den Jahren diese Reife bekommen habe, zu wissen, was genau man alles ignorieren kann. Natürlich kann ich es nicht ignorieren, wenn mein Trainer klare Anweisungen gibt. Da kann ich nicht denken: Nee, nee, mein Spiel ist viel besser, wenn ich genau das Gegenteil mache. Sowas geht natürlich nicht. Aber ich brauche kein Schamgefühl zu haben, wenn ich laut bin oder unangenehme Dinge anspreche – wenn ich davon überzeugt bin, es ist richtig und gut für die Mannschaft, nicht nur gut für mich. Manchmal gehören da ein paar Emotionen mehr dazu. Unser Trainer ist übrigens ein ähnlicher Typ, vielleicht sogar noch etwas mehr als ich.

Noch mehr als Sie?

Ja. Und trotzdem trifft er in diesen emotionalen Momenten oft die richtigen Entscheidungen. Wenn man mal überlegt, wie oft uns Florian Kohfeldt in der vergangenen Saison den Rücken gestärkt hat! Er hat dabei immer die richtigen Worte gefunden, trotz aller Emotionen. Und er hat die Ruhe bewahrt. Ich bin vom Typ her ähnlich: Ich gehe gerne voran und nehme die Dinge lieber selbst in die Hand, statt sie anderen zu überlassen. Wenn du es selbst in die Hand nimmst, liegt die Verantwortung bei dir, und dem musst du dann gerecht werden. Entweder du kannst das, oder du kannst es nicht. Am Ende gibt es dann keine Entschuldigung.

Sie fallen damit in Werders Kader auf, es gibt dort viele brave Spieler. Plötzlich scheinen Typen wieder gefragt zu sein…

Das hat sich im Fußball ein bisschen geändert, das muss man schon sagen. Als ich Profi wurde, war es so, dass man mich quasi so glatt wie möglich machen wollte. Da wollte keiner von mir sehen, dass ich meine Meinung sage oder auffällig bin. Bei all meinen Vereinen hieß es immer: Rede mal ein Wort weniger, spiele das, was du kannst, spiele einfach. Und jetzt, auf einmal, wird das so extrem gefordert. Auf einmal sucht man einen bulligen und wuchtigen Mittelstürmer, den vor fünf Jahren keiner sehen wollte, wo du aber fünf gehabt hättest. Da hat sich wieder sehr viel im Fußball gedreht, dass man wieder diese Charaktere und Typen sucht und nicht nur die Qualität. Es freut mich, wenn meine Charakterzüge gefragt sind und damit das Menschliche, nicht nur das Fußballerische.

Für viele überraschend hat Kohfeldt neben Ihnen auch Kevin Möhwald solch ein Typen-Etikett verpasst. Sie kennen ihren Mitspieler besser: Ist er ein Typ wie Sie?

Durchaus, ja. Es ist doch so: Es gibt Teamkameraden auf dem Platz, die sind vielleicht sogar meine Freunde – aber wenn ich auf diesen Platz gehe, dann will ich gewinnen. Und wenn mir dabei einer im Weg steht, ob es ein Gegner ist oder ein Mitspieler, der vielleicht nicht richtig mitmacht, dann stört der mich bei meinem Ziel, zu gewinnen. Dann muss ich diese Störung beheben. Und so denkt Kevin Möhwald auch. Das merkt man extrem, wenn er auf dem Platz steht. Wir verstehen uns sehr gut und er ist mit mein bester Kumpel in der Mannschaft, aber wenn es letzten Sommer im Training mal Reibung auf dem Platz gab, und sei es nur im Training, dann war es zwischen Kevin und mir. Da kommt dann auch mal Körperlichkeit oder ein Wortgefecht dazu. Ich glaube, dass gab es danach während der Saison zu wenig bei Werder, als wir beide verletzt fehlten. Das heißt nicht, dass man so etwas braucht. Aber es zeigt, dass zwei Spieler auf dem Platz sind, die sich nichts gefallen lassen. Kevin hat auch immer den Mut, sich anspielen zu lassen, das kommt bei ihm noch dazu. Das ist eine Qualität, immer den Ball haben zu wollen, auch in brenzligen Situationen. Ich freue mich, wenn ich wieder mit ihm auf dem Platz stehen kann.

Wie viele solche Typen verträgt eine Mannschaft?

Es bringt natürlich auch nichts, wenn alle auf dem Trainingsplatz aneinander geraten. Man geht ja nicht auf den Trainingsplatz und denkt sich: So, dieser oder jener kriegt jetzt mal eine richtige Sense von mir. Es kommt auf die Mischung an. Solche Typen polarisieren natürlich immer, es ist also nicht gut, wenn man zu viele hat. Max Kruse war auch so ein Typ – und er tat der Mannschaft sehr gut, damals.

Stichwort Kruse, Werders großes Sommerthema. Viele wollen ihn zurück, andere nicht. Nervt einen als Profi so ein Dauer-Thema – und wollen Sie Kruse zurück?

Es nervt insofern nicht, weil es ungelegte Eier sind. Andererseits würden sich viele Mittelstürmer in der Bundesliga freuen, so einen Spieler hinter sich zu haben. Weil er einfach enorme Qualität mitbringt. Aber was soll man darüber reden, er ist ja nicht mal offiziell aus dem Vertrag in Istanbul raus. In jedem Fall würde er viele Bundesligaklubs besser machen.

Bei Ihrer Verpflichtung schwang auch bei Kohfeldt die visionäre Hoffnung mit, dass Werder Sie nach vielen Toren teuer verkaufen kann. Das klingt dann immer ein wenig nach Durchreise. Täuscht der Eindruck, dass Sie eher in Bremen angekommen sind und hier länger Tore schießen wollen?

Ich komme überall hin mit der Idee, diesen Vertrag zu erfüllen. Was dann passiert, hat oft auch mit Verletzungen zu tun oder mit der Situation des Klubs. Ich bin hier bei Werder sehr zufrieden und habe eine gute medizinische Betreuung und gute Fitnesstrainer, was für mich sehr wichtig ist. Wenn irgendwann ein Angebot kommen sollte, wird Werder sich darüber Gedanken machen. Ich tue das jetzt nicht, sonst hätte ich nicht frühzeitig gesagt, dass ich auch bei einem Abstieg geblieben wäre. Und da brauchen wir ja nicht groß drüber reden: Ich wäre dann billig gewesen und es hätte sicherlich einige Klubs in der ersten Liga gegeben, die Interesse an mir gehabt hätten – auch trotz der Verletzungen. Aber das kam mir nicht in den Sinn.

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