Werders Stürmer braucht Geduld

Füllkrugs schwieriger Kampf

Niclas Füllkrug gehört zu Werders besten Spielern, aber nicht immer zur ersten Elf. Dieses Dilemma zehrt an ihm. Erst langsam schafft er den Spagat zwischen Körper und Geist.
10.10.2020, 09:26
Lesedauer: 4 Min
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Füllkrugs schwieriger Kampf
Von Jean-Julien Beer
Füllkrugs schwieriger Kampf

Zweimal in der Startelf, einmal eingewechselt, noch kein 90-Minuten-Einsatz: Das ist Niclas Füllkrugs Bilanz der ersten drei Bundesliga-Spieltage.

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Es gibt eine Frage, die kann Niclas Füllkrug nicht mehr hören. Er mag sie nicht. Man kann mit ihm über viele Dinge reden, er ist wortgewandter als viele andere Stürmer. Aber im Gegensatz zu den Lewandowskis und Haarlands der Bundesliga bekommt er immer diese eine Frage zu hören: Spielst Du am Wochenende?

Man weiß es bei ihm halt nicht, und das liegt nicht an seinen Leistungen oder der Torquote. Schon vergangene Saison, als er wegen eines Kreuzbandrisses nur zehn Bundesligaspiele machen konnte, holte Werder mit ihm in der Startelf im Schnitt sensationelle 2,4 Punkte pro Spiel. Diese Saison waren es sogar 3,0 Punkte, also alle. Seine drei Tore nach drei Spieltagen sind ein guter Start, er schoss sie alle bei seinem Startelf-Comeback gegen Schalke am zweiten Spieltag. Viel besser könnten seine Werte nicht aussehen.

Reibung und Emotion

Die Frage, ob er im nächsten Spiel dabei ist, wird eher aus Sorge gestellt. Ein Fußballprofi wie er, der in kurzer Zeit die schlimmsten Verletzungen erleben musste – drei Knorpelschäden und einen Kreuzbandriss in zwei Knien – steht automatisch im Verdacht, dass man seinen Körper schonend behandeln muss. Füllkrug hat sich nun eine prima Antwort für die Frage zurechtgelegt, eine, die das Problem weg von seinem Körper und hin zu Florian Kohfeldt verlagert: „Fragt den Trainer, ob ich wieder in der Startelf stehe. Er stellt die Mannschaft auf, was soll ich dazu sagen?“

Das klingt nach Reibung und Emotion, und vielleicht braucht der Mensch Füllkrug genau das auch, um während einer langen Trainingswoche nicht verrückt zu werden. Er will Fußball spielen, unbedingt. Die schweren Verletzungen und die Jahre, die er inzwischen in der Reha geschuftet hat, haben ihm wertvolle Zeit in seiner Karriere gestohlen. So sieht er das. Mit gerade mal 27 Jahren könnte er seine besten Jahre nun vor sich haben. Deshalb will er jetzt nicht in Laufschuhen oder gar in Zivil am Rand stehen, wenn der Rest des Kaders trainiert oder ein Testspiel absolviert, wie zuletzt gegen den FC St. Pauli. Wenn Füllkrug unter der Woche mal wieder fehlt, erklärt Werder das in der Regel mit der individuellen Belastungssteuerung.

Verständnis statt Ärger

Ein Wortungetüm, mit dem Füllkrug nicht viel anfängt. Man kann das ja verstehen: Er hat zu Beginn des Jahres nicht so viele Monate in der Reha verbracht, um jetzt, im Herbst, immer noch nicht voll dabei zu sein. Nach den Relegationsspielen hatte er extra auf Urlaub verzichtet, um seinen Körper aufzubauen, und dann habe er „die ganze Vorbereitung komplett trainiert“.

Und dann lässt ihn der Trainer gleich in den ersten beiden Pflichtspielen der Saison draußen sitzen? Das klingt fies, jedoch: für beide. Inzwischen, nachdem drei Bundesligatreffer seine Torjägerseele gestreichelt haben, sieht Füllkrug das auch so: „Ich kann es total nachvollziehen, dass man mich behutsam aufbauen möchte. Denn vor der vergangenen Saison kam ich auch aus einer Verletzung zu Werder, und dann hat es Peng gemacht. Ich glaube, das ist immer noch so ein wenig in den Hinterköpfen.“ Vielleicht waren seine persönlichen Erwartungen an den Saisonstart zu hoch. „Ich habe in der Vorbereitung nur ein Spiel über 90 Minuten gemacht, sonst habe ich einfach noch nicht so viel gespielt nach meiner Verletzung“, bilanziert er, „deshalb ist es einfach noch ungewohnt, in der Bundesliga über einen langen Zeitraum zu spielen. Aber grundsätzlich fühle ich mich fit, meine Werte sind super.“

Ehrlich und direkt

Gegen Schalke stand er 68 Minuten auf dem Feld, gegen Bielefeld waren es schon 74. Nimmt man die 27 Minuten nach seiner Einwechslung im ersten Spiel gegen Hertha dazu, kommt er auf 169 Bundesligaminuten an den ersten drei Spielen – viel mehr, als Kohfeldt erwartet hatte und Grund genug, den Spieler nun in der Länderspielpause wieder regenerieren zu lassen. Individuell, wie es bei Werder heißt. „Ich glaube, bei diesem Thema geht es auch noch um die vergangene Saison“, meint Füllkrug, „der Trainer bekommt ja auch täglich Feedback aus der medizinischen Abteilung. Ich glaube also, dass mir da keiner etwas Böses möchte, ich kann es auch nur noch mal ganz deutlich sagen: Der Trainer wird jedes Wochenende, an jedem Spieltag, die elf Spieler aufstellen, die seiner Meinung nach die größte Wahrscheinlichkeit bringen, das Spiel zu gewinnen.“ Und auf keinen Fall wird der Trainer, das ist eine Konsequenz aus der vergangenen Saison, seinen Top-Stürmer Niclas Füllkrug zu stark belasten. „Es ist unser großes Ziel, ihn jetzt konstant durch die Saison zu bringen“, betont Kohfeldt.

Bei jedem Profi mit einer so heiklen Verletzungshistorie ist das schwierig. Bei einem Anführer wie Füllkrug aber, dessen Ego seinen Torriecher an normalen Tagen noch übersteigt, ist es besonders schwierig. Anblaffen und Meckern gehört zwischen den beiden dazu, jedes Wortgefecht fällt nicht nur deshalb auf, weil die Fernsehkameras draufhalten – sondern auch, weil es sonst keine Scharmützel in diesem braven Kader gibt. „Ich bin halt ein sehr ehrlicher und direkter Mensch“, weiß Füllkrug, „deshalb sage ich vielleicht auch Sachen, die nicht perfekt angebracht sind. Manchmal bekomme ich dafür einen kleinen Rüffel, manchmal schluckt der Trainer es runter, weil er mich kennt und damit umzugehen weiß. Aber am Ende wissen wir beide, dass der Trainer der Chef ist, da gibt es nichts zu diskutieren. Es steht nichts zwischen uns.“

Zeit für eine neue Frage

Füllkrug möchte nicht den Eindruck erwecken, ein Miesepeter zu sein. Denn das ist er nicht. Er möchte aber auch nicht so tun, als sei für ihn alles okay, wenn er nicht gespielt hat. Denn auch das ist nicht so. Deshalb war er frustriert, als er im Pokalspiel in Jena und beim Ligastart gegen Hertha nicht in der Startelf stand. „Der Trainer würde mich aber ja nicht draußen lassen, um mich zu ärgern“, sagt Füllkrug, „er muss ja dann überzeugt ­davon sein, dass ein anderer besser ist für dieses Spiel oder aktuell die bessere Form hat. Dementsprechend heißt es dann, dass ich wieder so viel arbeiten muss, bis ich in der Startelf stehe. Das habe ich versucht.“ Und das hat geklappt.

Unterbewusst kämpft Niclas Füllkrug auch mit sich selbst. Er will alle 34 Spiele in der Bundesliga machen, das ist für ihn selbstverständlich, weil er Werder und seine Mitspielern besser machen will. Und doch ahnt er, dass es besser ist, zunächst einmal weniger Spiele zu machen. Abfinden kann er sich damit nicht, arrangieren aber schon: „Jeder ist enttäuscht, wenn er nicht spielt oder nicht im Kader ist“, sagt Füllkrug. „Damit muss man umgehen. Das bringt diese Konkurrenzsituation mit sich.“

Wenn alle Pläne aufgehen, seine und die des Trainers, soll und will Füllkrug gegen Ende der Saison mal eine neue Frage hören. Eine, die für andere Stammkräfte völlig normal ist. Für ihn aber nicht. Sie würde lauten: Warum hast du am Wochenende nicht gespielt? Das wäre mal eine schöne Abwechslung.

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