Klare Worte von Werders Vereinsführung

Ein deutlicher Warnschuss

Die Bremer 1:4-Niederlage zum Bundesliga-Auftakt gegen Hertha BSC wirkt nach: Auf dem Feld zeigten die Spieler so wenig, dass Manager Frank Baumann deutliche Worte formulierte. Der Präsident schloss sich an.
20.09.2020, 16:28
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Ein deutlicher Warnschuss
Von Jean-Julien Beer
Ein deutlicher Warnschuss

Klare Kritik nach der schwachen Leistung: Manager Frank Baumann fordert sehr schnelle Verbesserungen.

nordphoto

Weil die 8500 Zuschauer ziemlich enttäuscht nach Hause gingen, einige schon vor dem Abpfiff, versuchte es Stadionsprecher Christian Stoll mit tröstenden Worten: „Kopf hoch, es wird besser! Das ist ja versprochen worden.“ Er meinte das ganz ehrlich und ohne Ironie. Doch als Manager Frank Baumann nach der 1:4-Niederlage gegen Hertha BSC die „fehlende Überzeugung“ der Spieler bemängelte, hätte man diesen Satz auch auf den Gemütszustand vieler Werder-Fans beziehen können: Was war nicht alles von Werder versprochen worden für diese neue Saison, ein neues grün-weißes Kapitel sollte es werden, und dann war auf dem Feld nichts davon zu sehen. Woher sollen die Fans noch die Überzeugung nehmen, die warmen Werder-Worte zu glauben?

Baumann ist lange genug in Bremen und bei Werder, um diese sensible Stimmung zu bemerken. Für seine Verhältnisse wählte der Sportchef sehr deutliche Worte nach der Auftaktniederlage, er ist offensichtlich nicht gewillt, die Dinge wieder so aus dem Ruder laufen zu lassen wie im vergangenen Jahr. Erst kam der Satz mit der Überzeugung – und dann noch viel mehr: „Wir brauchen insgesamt eine andere Überzeugung und müssen sehr, sehr schnell eine deutlich bessere Leistung zeigen und eine andere Aggressivität auf den Platz bringen. Wir sollten dieses Jahr nicht so lange damit warten, sondern das sehr, sehr schnell abstellen, verändern und verbessern.“

Ein anderes Mindset

Vielleicht sei es das einzig Positive an diesem Fehlstart-Ergebnis, meinte Baumann, „dass jeder gemerkt hat, dass es eben nicht von alleine so weitergeht, wie es in der Vorbereitung gelaufen ist. Sondern dass wir uns das in jedem Spiel und in jeder Aktion wieder neu erarbeiten müssen.“ Man müsse das Ergebnis und die Leistung „als Warnschuss begreifen“, forderte Baumann, „das war ein richtig schlechter Start.“ Die Mannschaft müsse dringend „ein anderes Mindset auf den Platz bringen“.

Mindset? Das kann man in diesem Kontext mit Denkweise oder mit Einstellung übersetzen, in beiden Fällen stellt sich jedoch die Frage: Wann wäre ein besserer Zeitpunkt für das passende Mindset gewesen, wenn nicht zum Auftakt dieser neuen Saison, mit der sehnsüchtig erwarteten Unterstützung von immerhin mehreren tausend Werder-Fans auf den Rängen? Baumann lässt diesen Einwand gelten und ist bemüht, die Contenance zu wahren. „Unabhängig davon, ob gar keine Zuschauer da sind, 8500 oder 42 000: Wir müssen das immer abrufen“, erklärte er nach der mangelhaften Darbietung, "es wäre insofern der richtige Zeitpunkt gewesen, weil es der erste Spieltag war und wir vom ersten bis zum letzten Spieltag mit voller Leidenschaft, mit voller Überzeugung in die Spiele gehen wollten. Wir haben jetzt schon wieder einen Rückschlag bekommen und müssen diese Galligkeit, die wir in der Endphase der vergangenen Saison hatten, ganz schnell wieder zurückbekommen.“

Es müssen Veränderungen her

So spricht ein Fußball-Manager im Krisenmodus, und Baumann sendete damit gleich nach dem ersten Spiel eine klare Botschaft: Was die Bremer Mannschaft gegen Hertha ablieferte, ist für die Vereinsführung nicht akzeptabel. Es müssen Veränderungen her, bei der Einstellung, sicherlich auch bei der Aufstellung. Die wenigen verletzungsbedingten Ausfälle geben genügend Möglichkeiten her, das Gesicht der Mannschaft und ihr viel zu statisches Spiel zu verändern, schon kommenden Sonnabend im Kellerduell bei Tabellenschlusslicht Schalke. Das deutet auch Baumann an, wenn er sagt: „Letzte Saison war es eher ein schleichender Prozess, in dem wir unten reingerutscht sind. Ich glaube schon, dass es jetzt eine andere Ausgangslage ist, weil wir nicht so viele Verletzungen haben und einen ausgeglicheneren Kader.“

Trainer Florian Kohfeldt war verwundert über die „fehlende Griffigkeit und Galligkeit, die wir aber brauchen, um ein Bundesligaspiel zu gewinnen“. Ein größeres Armutszeugnis kann er seinen Spielern kaum ausstellen, auch wenn er Recht hat mit seinem Hinweis, dass sich der neureiche Gegner Hertha BSC vom Kader her in anderen Sphären bewegt und man die Niederlage entsprechend einordnen muss. Dennoch empfand auch Kohfeldt das Spiel seiner Mannschaft als „zu seicht, zu dahinplätschernd. Es war nicht gut genug, um ein Bundesligaspiel zu gewinnen“. Der Trainer wirkte ernüchtert und enttäuscht.

Eine lange Mängelliste

Baumanns Mängelliste war ebenfalls lang, sie enthielt „das A und O“ des Fußballs, wie er sagte: Zweikämpfe annehmen, dem Mitspieler helfen, miteinander reden, aggressiv und willig sein. All das zeigte Werder nicht. Stattdessen blieb die Mannschaft sehr passiv. Dieser „abwartende Fußball“ aber, das machte Baumann deutlich, „ist nichts, was wir zeigen wollen. Wir wollen aktiv sein. Es war schon bis zu den Gegentoren nicht gut. Und danach war es leider das, was wir auch in der vergangenen Saison häufiger erleben mussten: Wir haben uns nach dem Gegentor nicht gefangen. Es war insgesamt einfach zu wenig.“

Werders Präsident Hubertus Hess-Grunewald formulierte beim TV-Sender „Sky“ eine dazu passende, sehr ernst zu nehmende Warnung: „Es herrschte eine ungeheure Vorfreude auf die Saison, auf dieses Spiel. Wir haben nach der letzten Saison nicht viel Kredit. Und wir müssen aufpassen, dass wir ihn nicht gleich in den ersten Spielen verspielen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+