Kreative Transferlösungen haben auch Folgen

Werders riskante Entscheidungen

Bei seinem Bemühen, auch ohne viel Geld namhafte Spieler mit nachgewiesener Klasse für Werder zu gewinnen, verschiebt Manager Frank Baumann das Risiko in die Zukunft. Das erhöht den Druck auf alle Beteiligten.
28.07.2020, 09:10
Lesedauer: 5 Min
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Werders riskante Entscheidungen
Von Jean-Julien Beer
Werders riskante Entscheidungen

Der erste gemeinsame Auftritt: Anfang Februar in Augsburg standen Kevin Vogt, Davie Selke und Leo Bittencourt erstmals gemeinsam im Bremer Kader. Nur Vogt ist inzwischen wieder weg.

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Sehr gerne würde Frank Baumann auch mal so einkaufen wie die Hobby-Manager, die in Online-Spielen hier 18 Millionen für einen Mittelfeldspieler bezahlen und dort 22 Milllionen für einen Angreifer. Und das quasi per Mausklick. Bei Baumann scheitert das schon an der Ausstattung. Nicht etwa am Internet, das funktioniert inzwischen auch am Weserstadion zumindest relativ stabil. Sondern am Geld. Werders Sport-Geschäftsführer stehen solche Summen einfach nicht zur Verfügung. Wenn man es genau nimmt, hat er sogar überhaupt kein Geld und muss trotzdem einkaufen. Im vergangenen Sommer war das schon so. Und in diesem wird das nicht wirklich besser.

Es waren nicht einmal zehn Millionen Euro, die Werder im vergangenen Sommer für den Transfermarkt zur Verfügung hatte, und schon das war mit einem „gewissen Risiko“ verbunden, wie Baumann und Aufsichtsratschef Marco Bode betonten. Denn: Weil Werder keinen Stammspieler verkaufte, war nicht einmal dieser Betrag durch Einnahmen gedeckt. Zum Vergleich: Für solche zehn Millionen sicherte sich der FC Bayern damals in etwa das linke Bein von Lucas Hernandez, komplett kostete der französische Weltmeister von Atletico Madrid 80 Millionen – und spielte dennoch, teils auch verletzungsbedingt, beim Double-Gewinn der Münchner keine besondere Rolle.

„Keine normale Saison“

Baumann investierte sein schmales Budget in Niclas Füllkrug (6,3 Millionen an Hannover) und Marco Friedl (knapp drei Millionen an Bayern). Beide bedeuteten zunächst keine Verbesserung: Füllkrug verletzte sich früh am Knie, wodurch nicht nur Werders Offensive ins Wanken geriet, sondern auch der kühne Traum, mit einem teuren Verkauf dieses exzellenten Torjägers eines Tages richtig Kasse machen zu können. Der junge Friedl zeigte viele Monate, was man erwarten konnte: dass er noch kein fertiger Bundesligaspieler ist. Erst gegen Saisonende und nach vielen Lehrstunden wurde er stabil.

Der Plan hinter dieser Transferstrategie entstand aus der gar nicht so schlechten Bilanz dieser Werder-Geschäftsführung bis zum vergangenen Sommer. Die strategischen Ziele waren erreicht, darunter der Aufbau von etwas Eigenkapital und ein einstelliger Tabellenplatz. Nur zwei Pünktchen fehlten in der Tabelle für die wirtschaftlich bedeutende Rückkehr in den Europapokal. Nur durch internationale Spiele und daraus resultierende Einnahmen kann er Werder wieder groß machen, das weiß Baumann, und deshalb sollte damals kein Stammspieler verkauft werden. Europa schien greifbar nah, den ablösefreien Verlust des alternden Topscorers Max Kruse werteten die Bremer als Chance. Dass beides so nicht aufging, lag auch daran, „dass extremst viel zusammengekommen ist“, wie Baumann sagt, „es war keine normale Saison“.

Plötzlich mussten drei Spieler her

Doch die wirklich riskanten Manöver gab es erst, als die Schieflage begann. Auch wenn Baumann früh im Juli 2019 öffentlich appellierte, angesichts der leeren Kasse keine unrealistischen Transfererwartungen zu haben, musste er bis zum Saisonstart noch drei Transfers realisieren, weil immer mehr Werder-Spieler verletzt ausfielen. Es kamen: Ömer Toprak, Michael Lang und Leonardo Bittencourt – alle auf Leihbasis, weil Werder kein Geld für einen Kauf hatte. Bei Toprak und Bittencourt wurde eine Kaufverpflichtung vereinbart, sollte Werder die Klasse halten. Die finanzielle Belastung wurde also in die Zukunft verschoben. So wurden nun vier Millionen für den 31 Jahre alten Toprak an den BVB fällig, Hoffenheim kassiert sieben Millionen für Bittencourt (26 Jahre). Lang (29) half nicht groß weiter, musste nicht gekauft werden und ist zurück in Gladbach.

Dass Werder damals – zum Beispiel statt Lang - nicht auf Perspektivspieler setzte, die ihren Wert steigern können, erklärt Baumann mit der prekären Lage: „Man muss immer sehen, unter welchen Umständen wir die Transfers getätigt haben, und welches Budget wir zur Verfügung hatten.“ Weil das Lazarett immer größer wurde, holte man bewusst gestandene Bundesligaspieler, die sofort helfen sollten. Geplant war das nicht. Lang zum Beispiel sollte Theo Gebre Selassie nur ersetzen, so lange der Werder-Routinier in der Innenverteidigung aushelfen musste. Bei Toprak und Bittencourt verschob man die fälligen Ablösesummen bewusst in den folgenden Sommer, weil man dann wieder Einnahmen aus gleich mehreren Transfers erzielen wollte. Doch in Coronazeiten gestaltet sich das, abgesehen von Milot Rashica, nun sehr schwierig. Und selbst Rashica bringt keine XXL-Summe mehr ein.

Gutes Geschäft im Winter? Jein!

In der Winterpause, inzwischen in höchster Abstiegsnot, musste Werder erneut aus wenig Geld viel machen. Gesucht wurden erfahrene, große, echte Typen. Und wieder auf Leihbasis. Für Kevin Vogt (Hoffenheim) und Davie Selke (Hertha) summierten sich die Leihgebühr und das Gehalt auf einen knapp siebenstelligen Betrag. Auf den ersten Blick war das ein extrem gutes Geschäft für Werder. Auf den zweiten jedoch nicht: Der wesentlich wichtigere Vogt ist nun wieder weg, einen solchen Spieler kann sich Werder nicht leisten. Bei Selke hingegen, der kein einziges Bundesligator schoss, läuft der Leihvertrag noch die komplette nächste Saison, bei Klassenerhalt muss Werder den Stürmer dann sogar kaufen – für mehr als zehn Millionen Euro. Es ist eine Summe aus Vor-Corona-Zeiten. Damit hat Werder aber schon jetzt einen erheblichen Klotz am Bein für die Budgetplanungen des kommenden Sommers. Kurzfristig ist das kein Problem, das Risiko wurde auch hier in die Zukunft verschoben. Konkurrent Köln lieh sich im Winter übrigens Schalkes Stürmer Mark Uth, der eine starke Rolle spielte. Bei Werder beteuern sie, der kölsche Jung Uth sei für Bremen nicht auf dem Markt und obendrein zu teuer gewesen. Und: Im Winter keinen Stürmer zu holen, wäre das wohl noch größere Risiko gewesen.

Nur sehr viele Tore von Selke könnten nun dazu führen, dass sein Transfer für Werder noch lukrativ wird. Diese Hoffnung hat Baumann nicht aufgegeben. Er verweist darauf, dass sich der Ende Januar gekommene Selke nie mit dem Team einspielen konnte, schon gar nicht beim Individualtraining in der Coronapause. Für einen Stürmer seien die Abläufe in der Offensive aber „nicht unwichtig“, betont der Manager. Im wichtigen Saisonendspurt spielte Selke jedoch fast gar keine Rolle, wie überraschend auch Bittencourt, trotz wichtiger vier Tore zuvor. In beiden Fällen sind die Spieler und auch Trainer Florian Kohfeldt nun gefordert, auf dem Platz und im Alltag wieder eine Chemie herzustellen, von der Werder profitiert.

Wieder ist Kreativität gefragt

Denn in der Theorie ist, bei aller Kritik an Baumanns Transferentscheidungen, auch diese Variante in der neuen Saison noch möglich: Eine Werder-Mannschaft mit den Stammspielern Toprak, Füllkrug, Friedl, Selke und Bittencourt. Im Managerspiel würde das Baumann ins nächste Level bringen, in der Realität bleibt es abzuwarten. „Über die Kaderzusammenstellung haben wir lange diskutiert“, sagt Baumann, und natürlich könne man immer unterschiedliche Meinungen haben. Aber insgesamt gelte: „Einzelne Spieler sind einfach sehr weit hinter den Erwartungen und Möglichkeiten zurückgeblieben, auch das ist definitiv ein Grund dafür, dass wir unsere Leistung nicht gezeigt haben.“

In der neuen Saison soll das besser werden. Aber: Es gibt auch jetzt wieder ein drängendes Problem zu lösen. Werder hat auch Ende Juli 2020 noch keinen konkurrenzfähigen defensiven Mittelfeldspieler im Kader, der Vogt ersetzen könnte. Und Werder hat wieder kein Geld. Kommt welches rein, etwa durch Rashicas Verkauf, müssen erst die Rechnungen aus den letzten riskanten Transferentscheidungen bezahlt werden. Entweder schlägt Baumann also ablösefrei zu, wie beim Nürnberger Patrick Erras. Oder es muss wieder ein Spieler geliehen werden – mit oder ohne größeres Risiko für Werder.

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