Mehr Ballbesitz als erwartet

Werders Niederlage gegen die Bayern in der Analyse

Bremen kam gegen die Bayern noch glimpflich davon. Das ist vor allem einer stabilen Defensive und einem überraschend guten Ballbesitzspiel zu verdanken, analysiert Tobias Escher.
14.03.2021, 12:06
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Escher
Werders Niederlage gegen die Bayern in der Analyse

Münchens Stürmer Robert Lewandowski und Bremens Abwehrspieler Niklas Moisander in Aktion.

Martin Meissner/dpa

Werder Bremen verliert gegen Bayern München. So weit, so wenig überraschend. In der ersten halben Stunde gelang es Werder noch, die Offensive der Bayern in Schach zu halten. Doch Schwächen bei Standards sowie ein entfesselter Müller sorgen für einen verdienten Bayern-Sieg, meint unser Taktikanalyst Tobias Escher.

Sebastian Prödls Leistungen beim SV Werder Bremen verblasst immer mehr. Ein Zitat aus seiner Bremer Zeit wird die Zeit überdauern. Spiele gegen Bayern München, so erklärte er, seien „wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann ziemlich wehtun. Kann aber auch glimpflich ausgehen." Betrachtet man das 1:3-Endergebnis vom Samstagnachmittag, lässt sich konstatieren: Es ging glimpflich aus für Werder. Das verdanken die Bremer einer stabilen Defensive – und einem überraschend guten Ballbesitzspiel.

Stabilität dank 5-4-1

Werder zog sich im 5-4-1 in die eigene Hälfte zurück.

Werder zog sich im 5-4-1 in die eigene Hälfte zurück.

Foto: Deichstube

Trainer Florian Kohfeldt musste sein Team im Vergleich zu den vergangenen Partien nicht allzu sehr umstellen. Bereits gegen den 1. FC Köln und gegen Arminia Bielefeld legten die Bremer den Fokus auf eine stabile Defensive. Auch gegen den Rekordmeister verteidigten sie eher passiv: Werder zog sich im 5-4-1 in die eigene Hälfte zurück. Anstatt Druck auf Münchens Verteidiger auszuüben, schlossen sie die Passwege ins Mittelfeldzentrum. Sie wollten die Bayern dazu zwingen, das Spiel über die Außen zu eröffnen.

Erwartungsgemäß übernahmen die Bayern die Kontrolle über das Spiel. Sie agierten aus einem nominellen 4-2-3-1-System. Zu Spielbeginn griffen die Bayern vor allem über die linke Seite an. Linksverteidiger Alphonso Davies rückte weit mit nach vorne, während sich Rechtsverteidiger Benjamin Pavard zurückhielt.

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Die Bayern versuchten so, eine Überzahl auf der linken Seite zu kreieren. Davies sollte immer wieder ins Zentrum rücken, während Serge Gnabry sich an der Seitenlinie anbot. Davies sollte damit den Gegner ins Zentrum locken, um dadurch wiederum die Außen zu öffnen. Auch Thomas Müller half auf dieser Seite aus. Werder verteidigte jedoch diszipliniert. Romano Schmid leistete viel Defensivarbeit, um als rechter Außenstürmer den Flügel zu schließen.

Die Bayern mussten viel Geduld mitbringen, um die massive Bremer Defensivmauer zu durchbrechen. Zwischenzeitlich versuchten sie, mit Verlagerungen auf die rechte Seite Tempo ins Spiel zu bringen. Ihnen gelang es zwar, Kingsley Coman in aussichtsreiche Eins-gegen-Eins-Duelle mit Ludwig Augustinsson zu schicken. Der Franzose konnte sich gegen Werders Linksverteidiger jedoch nicht durchsetzen. Werders Mauer hielt.

Zarte Ansätze eines Ballbesitzspiels

Werders tiefe Verteidigungslinie war zu erwarten gewesen; dass Werder kompakt verteidigen kann, haben sie in dieser Saison zur Genüge bewiesen. Überraschend war hingegen die Tatsache, dass Kohfeldts Team auch fußballerische Akzente setzte. Die Bayern, normalerweise Ballbesitz-König der Liga, hatte nach 45 Minuten gerade einmal 55% Ballbesitz vorzuweisen.

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Das lag in erster Linie an Werders Versuch, den Ball länger in den eigenen Reihen zu halten. Der erste Impuls nach Ballgewinnen lautete zwar, direkt den Weg in die Spitze zu suchen. Sargent bekam den Ball und legte ihn auf einen nachrückenden Spieler ab. Aufgrund Werders tiefer Verteidigungslinie bekam Sargent den Ball aber häufig in der eigenen Hälfte. Ein direkter Konter zum gegnerischen Tor war selten möglich.

Anstatt den Ball planlos nach vorne zu spielen, hielt Werder die Kugel in den eigenen Reihen. Obwohl die Bayern gewohnt aggressiv pressten, gelang es Werder, längere Ballstafetten zu spielen. Immer wieder versuchten sie dabei, das Spiel zu verlagern. Das war auf dem Papier keine schlechte Strategie: Die Bayern ziehen sich im Pressing weit zusammen, dabei lassen sie die gegenüberliegende Seite häufig frei. Der in der Theorie clevere Ansatz scheiterte aber an der Praxis: Mal versprang Augustinsson der Ball, mal übersah Rashica den mitgelaufenen Mitspieler, mal rückten Kevin Möhwald und Maximilian Eggestein nicht nach.

Standards und ein entfesselter Mülle

Zumindest gelang es Werder, gegen die übermächtigen Bayern eine chancenarme erste Halbzeit entstehen zu lassen. Mit ihren Ballbesitzpassagen verschafften sie sich immer wieder Luft gegen die Passmaschinerie der Bayern.

Dass es nach 67 Minuten dennoch 0:3 stand, lag an zwei Faktoren. Faktor eins: Standardsituationen. Werder verteidigte tief und lenkte den Gegner auf den Flügel. Ein logisches Nebenprodukt dieser Strategie sind Eckbälle für den Gegner. Bereits gegen Köln und Bielefeld ließ Werder vermehrt Chancen nach ruhenden Bällen zu. Die Bayern haben explizit eine Schwachstelle attackiert: Sowohl beim 1:0 als auch beim 3:0 stand am zweiten Pfosten ein Stürmer bereit, der einen verlängerten Ball verwerten sollte. In beiden Fällen besetzte Werder den Rückraum schlecht.

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Der zweite Faktor: Thomas Müller. Ständig wuselte er um den Strafraum herum, startete in die Tiefe, öffnete Räume für seine Mitspieler. Das funktionierte in der zweiten Halbzeit noch besser als in der ersten. Gnabry und Coman hatten die Seiten getauscht, beide agierten nun etwas weiter innen als vor der Pause. Die Bayern hatten weniger Unwucht in ihrem Spiel, zugleich fanden sie häufiger Müller. Er bereitete nicht nur das 2:0 vor, sondern war auch an weiteren großen Chancen beteiligt. Torhüter Jiri Pavlenka und das Aluminium bewahrten Werder vor einer höheren Niederlage.

Streichergebnis

Trotz des klaren 0:3-Rückstands sah Kohfeldt keinen Anlass, seine Strategie im Verlaufe der Partie groß anzupassen. Seine Einwechslungen veränderten das Spiel nur personell, bis zum Schlusspfiff blieben die Bremer dem 5-4-1 treu. Am Ende belohnten sie sich für eine couragierte Defensivleistung mit einem Konter zum 1:3 (85.). Hier gelang es Werder einmal, die enge Staffelung der Bayern mit diagonalen Pässen auszuhebeln. Das war der versöhnliche Schlusspunkt des nicht ganz so schmerzhaften Zahnarztbesuchs.

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