Werders neuer Keeper Pavlenka Chance und Risiko

Mit Jiri Pavlenka startet Werder ein neues Experiment, statt auf einen erfahrenen Torwart zu setzen. Das sagen der frühere Bremer Tim Wiese und Tschechiens Ex-Nationalcoach Petr Rada über den Zugang.
19.07.2017, 07:00
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Chance und Risiko
Von Christoph Sonnenberg

Zum Einstieg eine Fachfrage: Wie viele Torhüter standen seit 2012 im Bremer Tor? Ein kleiner Tipp: Die Anzahl Spieler ist höher als die der Jahre. Und für einen Klub, dessen Geschichte reich ist an namhaften Torleuten, sind es eindeutig zu viele.

Sechs haben sich versucht, die Erbfolge von Tim Wiese anzutreten, als dieser 2012 zu Hoffenheim wechselte. Seitdem ähnelt das Bremer Tor einem schlecht sortierten Experimentierkasten: Sebastian Mielitz, Raphael Wolf, Richard Strebinger, Koen Casteels, Felix Wiedwald und Jaroslav Drobny wechselten sich ab. Durchgesetzt hat sich keiner, konstant ist nur der Wechsel. Und die Anzahl der Gegentore im gleichen Zeitraum. Die ist konstant erschreckend hoch.

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Auf der Suche nach Konstanz fiel in der Diskussion auch der Name Ron-Robert Zieler (28). Zieler wäre eine große Lösung gewesen, ein fertiger Torwart. „Aber es war relativ schnell klar, dass wir das nicht machen werden“, sagt Werders Sportchef Frank Baumann. Vermutlich auch, weil Zieler, als Nummer drei 2014 in Brasilien immerhin Weltmeister geworden, durch ein üppiges Gehalt ein sehr teurer Spieler gewesen wäre. Mittlerweile hat Zieler in Stuttgart unterschrieben.

Wiese: „Dieser Transfer muss sitzen“

Werder startet ein neues Experiment, statt auf einen erfahrenen Torwart zu setzen. Jiri Pavlenka (25), für drei Millionen von Slavia Prag aus Tschechien gekommen, ist die siebte Nummer eins der sechsten Saison nach Wiese. Und der verliert langsam die Geduld mit der Auswahl seiner Nachfolger. „Dieser Transfer muss sitzen“, sagt Wiese. „Seit meinem Abschied hat Werder auf der Torhüterposition Probleme, jetzt muss dort endlich Konstanz herrschen.“ Pavlenka muss erst noch beweisen, dass er zur Nummer eins taugt. Die Vorbereitungszeit mit bisher zwei Testspielen, dem Telekom-Cup und insgesamt fünf Gegentoren taugt noch nicht als Grundlage für ein seriöses Urteil. Wiese geht es da nicht anders als vielen Werder-Fans: „Ich kannte ihn vor dem Transfer nicht.“ Pavlenka benötigt Zeit, sich einzufinden. Und er wird diese Zeit bekommen, verspricht Werder-Coach Alexander Nouri: „Wir vertrauen ihm und haben Geduld.“

Ohne Geduld wird es nicht gehen. „Die Bundesliga ist eine andere Welt im Vergleich zur tschechischen Liga“, sagt Petr Rada (58). Rada muss es wissen, der Tscheche spielte einst für Düsseldorf und Rot-Weiß Essen in Deutschland. Er war danach mal tschechischer Nationaltrainer und saß bis Ende vergangener Saison auf der Bank von Sparta Prag, als Gegner von Pavlenkas Klub Slavia. Er mahnt zur Geduld mit der neuen Nummer eins: „Pavlenka braucht das Vertrauen von Alexander Nouri. Er darf nicht gleich bei den ersten Fehlern infrage gestellt werden.“

Rada: „In Tschechien hat der Transfer viele überrascht"

Für Rada, bis heute ein exzellenter Kenner der Bundesliga, kam der Wechsel Pavlenkas zu Werder überraschend. „In Tschechien hat der Transfer viele überrascht. Auf mich hat Wiedwald in der vergangenen Rückserie einen sehr starken Eindruck gemacht. Er hat großen Anteil an der erfolgreichen Serie. Erstaunlich, dass Werder ihn hat gehen lassen.“

Nötig war der Abschied nicht. Wiedwalds Forderungen in den Verhandlungen mit Werder waren moderat. Einen Zweijahresvertrag inklusive Option auf ein weiteres wollte das Eigengewächs. Wichtiger aber war ihm das Versprechen, in der Vorbereitung eine faire Chance zu bekommen, die Nummer eins zu bleiben. Doch das konnte oder wollte ihm der Klub nicht zusichern. In einem Abschiedsbrief bedankte sich Wiedwald bei den Fans, dem Klub und sowie den Co- und dem Torwart-Trainer. Alexander Nouri erwähnte er an keiner Stelle. Man darf das als dezenten Hinweis unter anderem darauf verstehen, wen Wiedwald als Entscheider der Torwartfrage sieht.

Werder geht jetzt mit Michael Zetterer (22) und Jaroslav Drobny (37) in die Saison. Zetterer ist wie Zugang Pavlenka noch ohne Einsatz in der Bundesliga. Der ewige Drobny hat sein letztes Pflichtspiel am 21. Januar bestritten. Werder geht mit einem Torwart-Team in die Saison, das nicht ohne Risiko ist. Die Sportliche Leitung hofft, dass Pavlenka endlich die Sehnsucht nach einer klaren Nummer eins im Tor stillen kann. Weshalb das so ist, kann Rada flüssig aufzählen. „Jiri ist groß, körperlich stark, reaktionsschnell, gut auf der Linie und menschlich ein sehr guter Typ.“ Dass Pavlenka im Vergleich zu Wiedwald auf einem deutlich höheren Niveau spielt, sieht er nicht: „Man muss abwarten. Pavlenka ist körperlich stärker, Wiedwald hat mehr Erfahrung.“

Kaum internationale Erfahrung

Die Umstellung auf die Bundesliga sieht Rada als größte Herausforderung. Internationale Erfahrung hat der Nationaltorwart kaum, zu den zwei Länderspielen kommen vier Partien in der Qualifikation zur Europa League. Eine Prüfung auf allerhöchstem Niveau hat Pavlenka noch nicht bestanden. „Die Bundesliga ist sehr ausgeglichen, alle Mannschaften sind gefährlich. In Tschechien gibt es drei starke Klubs, danach ist das Leistungsgefälle extrem. Entsprechend weniger Bälle hat Pavlenka auf sein Tor bekommen“, sagt Rada. „In der Bundesliga muss er 90 Minuten konzentriert sein, da darf er nie nachlassen.“

Der Trainer Rada sieht eine weitere Gefahr. Viele wichtige Spieler sind in der kommenden Saison nicht mehr dabei. Fritz, Pizarro, Gnabry, Wiedwald und auch Garcia waren wichtig für die Statik der Mannschaft, auf und neben dem Platz. „Werder steht vor einem Umbruch, das macht es für einen neuen Torwart nicht leichter.“ Rada gibt seinem Landsmann deshalb einen Rat: „Jiri muss mental stark sein, im Kopf robust, das ist wichtig. Ein Fehler darf ihn nicht umhauen, er muss Patzer verkraften.“ Denn es geht gleich heftig los für Pavlenka, der Spielplan hält ein hartes Programm für Werder parat. „Der Auftakt ist gefährlich, mit Hoffenheim und Bayern geht es gleich gegen zwei offensivstarke Teams“, sagt Wiese. Aber, sagt Wiese, darin liegt auch eine Chance für Pavlenka: „Da kann der Junge gleich mal zeigen, was er drauf hat.“

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