Bundesliga-Kolumne von Christian Stoll

Die Mannschaft lebt und steigt nicht ab

Der Klassenerhalt ist das große Thema bei Werder - auch unser Kolumnist und Stadionsprecher Christian Stoll beschäftigt sich mit der bedrohlichen Lage im Abstiegskampf. Und er vertraut dem Team.
07.05.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Christian Stoll
Die Mannschaft lebt und steigt nicht ab

In dieser Woche schildert Christian Stoll seine Sicht der Dinge.

WESER-KURIER

Was folgt, ist ein kurzer Blick zurück. Allerdings im Zorn. Natürlich sind wir verpfiffen worden. Zum wiederholten Mal jetzt im Pokal und zuletzt auch in der Liga. Und langsam fange ich auch an, nicht mehr an Zufälle zu glauben. Oder sagen wir es so: Weder in der Frankfurter Schneise noch im Kölner Keller findet das grüne Fußballstädtchen da oben links im Land eine besondere Beachtung. Mir fällt dazu nur noch ein, was auf dem britischen Hosenbandorden zu lesen steht: „Honi soit qui mal y pense – ein Schelm wer böses dabei denkt.“ Ich möchte wirklich nicht wissen, was los wäre, wenn der Stern des Südens so behandelt werden würde.

Fazit: Werder hat, spätesten seit dem Wortbruch um den WM-Standort 2006 – und dem Zoff darum und danach – bei den deutschen Fußball-Entscheidern keine nennenswerte Lobby. Das ist mal Fakt, und nebenbei bemerkt angesichts der unfassbaren Vorgänge und obskuren Gestalten, die dort den ehrenwerten Old School Soccer kaputtmachen, kann ich mit dieser Distanz sehr gut leben.

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Und Fakt ist eben auch: Unsere derzeit höchst heikle Liga-Lage ist selbst gemacht und erinnert mich fatal an den VfB Stuttgart in der Vor-Abstiegssaison. Da schienen die Schwaben auch längst auf der sicheren Seite und rauschten dann doch noch in den ganz tiefen Keller. Übrigens ausgerechnet bei uns nach einem berauschenden 6:2 an einem Montagabend unter Flutlicht im Weserstadion. Vom Spielplan her haben wir, verglichen mit den anderen hoch gefährdeten Teams wie Mainz, Hertha, Augsburg, Bielefeld und Köln, sicher das anspruchsvollste Programm, sieht man einmal von den Berliner Herausforderungen ab.

Der SVW spielt daheim gegen zwei Mannschaften, die unbedingt ins europäische Geschäft wollen/müssen, und in Augsburg, wo Bremen-Siege bisher fast immer ausverkauft waren und mit Weinzierl ein Erfolgscoach in Bayerisch-Schwaben zurück ist. Meine Rechnung im Vergleich mit den anderen: Ein Sieg und ein Remis reichen für den sicheren Klassenerhalt, drei Unentschieden oder ein Sieg für die Relegation, der Rest ist Schweigen.

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Was spricht für Werder? Sicher nicht die längste Niederlagenserie ever. Auch nicht die Verletztenliste, auf der seit Donnerstag leider auch wieder Ömer Toprak notiert ist. Und ich kann, beim besten Willen, in der momentanen Quantität und Qualität des Kaders auch keinen Vorteil entdecken.

Ja, Kohfeldt und Co. waren sich nach dem Sieg auf der Alm vor zwei Monaten schon zu sicher und haben einfach nicht mehr alles investiert und zudem nicht viel Glück erlebt in Stuttgart und daheim gegen Wolfsburg und Mainz. Aber dies sind die Fakten, die dafür sorgen werden, dass der SV Werder Bremen von 1899 e.V. auch in der nächsten Saison nicht in der freilich attraktivsten 2. Liga aller Zeiten mitmachen muss: Die Mannschaft ist eine Mannschaft. Die Mannschaft lebt. Die Mannschaft kämpft. Alles gegen die Rasenballer zu besichtigen.

Das Team hat Abstiegskampf-Erfahrung. Der Trainer hat Comebacker-Qualitäten, weil zuletzt Offensiv-Mut zu bestaunen war. Und wir alle, deren heißes Herz unter der Werder-Raute schlägt, sollten den Glauben haben, dass der Fußball-Gott, den nur Stan Libuda umdribbeln konnte, ein gerechter ist, der von Menschen in Frankfurt oder Köln gemachte Ungerechtigkeiten immer wieder ausgleicht. Mahlzeit!!!

Info

Zur Person

Christian Stoll (60)

ist seit 1996 Stadionsprecher von Werder Bremen im Weserstadion. Im wöchentlichen Wechsel mit Jörg Wontorra, Lou Richter und Daniel Boschmann schreibt Christian Stoll in unserer Zeitung, was ihm im Bundes­liga-Geschehen aufgefallen ist.

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