Die Bundesliga-Kolumne von Christian Stoll

„Die Fans haben endgültig genug von dieser Nebenwelt“

In seiner neuesten Bundesliga-Kolumne geht Werder-Stadionsprecher Christian Stoll hart mit dem Produkt Profifußball ins Gericht. Anders als Karl-Heinz Rummenigge glaubt er nicht an einen erneuten Boom.
09.04.2021, 05:00
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Von Christian Stoll
„Die Fans haben endgültig genug von dieser Nebenwelt“

Dieses Mal schildert Kolumnist Christian Stoll seine Sicht auf die Lage der Liga.

WESER-KURIER

Da können andere gern anders denken, aber ich fand, das war, bis auf die wenigen letzten Minuten, ein sehr gelungener Vortrag des SVW beim Jahn in Regensburg. Damit hat Florian Kohfeldt mit seinem Team seit Dienstantritt nun zum wiederholten Male das DFB-Pokalhalbfinale erreicht, das ist, bei allem Respekt, mit dem gegenwärtigen SVW eine überaus respektable Leistung.

Denn für mich stellt sich, beileibe nicht erst seit heute, die Frage aller Fragen, zumindest in Sachen Sport. Wo geht die Reise hin, für Werder sowieso, aber überhaupt für die Bundesliga und den deutschen Fußball schlechthin. Gratulation zur x-ten Ostermeisterschaft für die Bayern, der Titel Nummer y wird ohne Zweifel demnächst feststehen, wohl verdient, denn, um nicht missverstanden zu werden bei aller Konkurrenz über die vielen Jahre, der FCB hat nicht nur die beste Mannschaft, auch das Team hinter dem Team ist durchsetzt ebenso von Könnern wie von Schlitzohren und die Bundesliga damit in Sachen Meisterschaft ein Langweiler geworden.

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Und wenn der Ober-Bayer Karl-Heinz Rummenigge unlängst darüber spekuliert, dass die Liga nach Corona einen neuen Boom erleben wird, kann ich ihm da überhaupt nicht folgen. Im Gegenteil glaube ich, dass die Blase Profi-Fußball mit und durch Corona endgültig geplatzt ist. Die DFL sollte sich um ihr Premium-Produkt ernsthafte Sorgen machen. Ich denke, die Fans, egal welcher Couleur, haben endgültig genug von dieser Nebenwelt, deren meiste Akteure sich immer noch so aufspielen, als drehe sich alles nur um sie und ihr, vor allem finanzielles, Fortkommen und Wohlergehen.

Wenn aber, wie in England, die normalen Leute sich Fußball nicht mehr leisten können oder wollen, dann heißt es, wir sind ja an der Küste zu Hause, im Seglerjargon „Wahrschau!“ Und ich habe das schlechte Gefühl, wir sind jetzt so weit.

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Wenn sogar irgendein Spiel der 4. Liga irgendwo auf irgendeinem Kanal 90 Minuten live gecovert wird, eine schwachsinnige Fußball-Talkshow die nächste teasert, Kommentatoren oder Moderatoren sich zunehmend wichtiger als das Produkt nehmen und gleichzeitig der Amateurfußball in der Bedeutungslosigkeit versinkt, dann, genau jetzt, ist höchste Vorsicht geboten.

Die Nationalelf hat übrigens mit ihrem despektierlichen Auftreten seit dem Titel 2014 ein gerüttelt Maß dazu beigetragen, dass der überlebensnotwendige Draht zwischen Profis und Fans sich mehr und mehr abspult.
Und über das Verhalten von Fifa, Uefa oder DFB brauche ich an dieser Stelle wohl kein Wort mehr zu verlieren. Es geht dem Fußball wie der Politik derzeit: Wir haben eine massive Vertrauenskrise.

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Was bedeutet all das nun für unseren SV Werder Bremen? Erst einmal bleibt festzuhalten, dass sich Werder bei allem Wechsel und Wandel doch insgesamt treu geblieben ist. Das ist für die einen freilich längst nicht genug, die rufen nach den alten Erfolgen und vergessen dabei „tempora mutantur“, die Zeiten ändern sich. Unter den nun mal gegebenen Verhältnissen, wird es aber, und ich bin der Letzte, der das nicht auch bedauert, eine Rückkehr zu Glanz und Gloria kaum mehr geben können. Das gibt, um es einmal klipp und klar zu formulieren, die Ökonomie unseres Klubs einfach nicht her. Und einen Investor-Verein will doch wohl ernsthaft niemand. Die Bosse in Aufsichtsrat und Geschäftsführung haben es schwer genug in diesen Zeiten. Und mehr wird kaum gehen. Das muss man einfach mal realistisch so feststellen. Im letzten Jahr haben wir sportlich so eben überlebt, jetzt wird es eben wirtschaftlich eng.

Deshalb ist jetzt zweimal Leipzig so unendlich wichtig. Mit einem Punkt am Sonnabend steigt die Chance, die Liga abermals zu halten. Noch wichtiger aber ist das Match am Walpurgisabend. Ist Werder danach weiter im Wettbewerb, ist, keine Frage, alles möglich an Himmelfahrt: „Ich hab noch einen Koffer in Berlin…und da ist verdammt viel Kohle drin…“. Mahlzeit!!!

Info

Zur Person

Christian Stoll ist seit 1996 Stadionsprecher von Werder Bremen im Weserstadion. Im wöchentlichen Wechsel mit Jörg Wontorra, Lou Richter und Daniel Boschmann schreibt Christian Stoll in unserer Zeitung, was ihm im Bundes­liga-Geschehen aufgefallen ist.

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