Pizarros Helferlein darf bei Werder nicht ran

„Man verschenkt hier viel Potenzial“

Seit zwölf Jahren hat Claudio Pizarro vor den Toren Bremens einen Osteopathen seines Vertrauens. Inzwischen sind die Werder-Legende und Sven Milz eng befreundet, eine Kooperation mit dem Klub gab es aber nie.
15.07.2020, 17:29
Lesedauer: 4 Min
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„Man verschenkt hier viel Potenzial“
Von Elena Matera
„Man verschenkt hier viel Potenzial“
Christian Kosak

Wie jeden Donnerstag klingelt Profifußballer Claudio Pizarro auch an diesem Abend an der Tür von Sven Milz. Hier in Leuchtenburg, zwischen Weiden, Bäumen und Häusern, ist der Werder-Spieler jede Woche in der Praxis für Naturheilkunde von Milz behandelt worden – und das bereits seit zwölf Jahren.

Damals litt Pizarro unter einer Verletzung am Kopf. Sein Zahnarzt empfahl ihm, zum Osteopathen und Heilpraktiker Sven Milz zu gehen. Doch es blieb nicht bei diesem einen Besuch. Pizarro kam immer wieder, manchmal mehrmals die Woche. „Er konnte mich immer anrufen, auch im Urlaub. Ich war immer für Claudio da“, sagt Sven Milz. Er und Pizarro sitzen am großen Holztisch im Wohnzimmer der Familie Milz. Vor zwölf Jahren gab es die Praxis mit den vier Behandlungszimmern im ersten Stock des Hauses noch nicht. Pizarro wurde damals noch auf einer Klappliege im Wohnzimmer von Milz behandelt.

An diesem Abend ist es eine der letzten Behandlungen Pizarros. Der Grund: Der Fußballer verlässt mit 41 Jahren Werder Bremen. Der Peruaner gilt in Bremen als Legende. Er ist der älteste Torschütze der Bundesliga-Historie. Auch sonst ist seine Liste an Titeln lang: sechs Mal Deutscher Meister, sechs Mal DFB-Pokal-Sieger, Champions-League-Sieger, Weltpokal-Sieger und Klub-Weltmeister.

Vom Helfer zum Freund

Doch für Milz war Pizarro von Anfang an mehr als der Fußballer mit der steilen Karriere. „Er ist ein Freund geworden“, erzählt der Osteopath. „Meine Frau und ich interessieren uns auch gar nicht für Fußball. Wir waren in der gesamten Zeit nur bei zwei Spielen. Vielleicht war das auch gar nicht so schlecht für eine Freundschaft.“

Milz und Pizarro verbindet eine Eigenschaft: die zurückhaltende Art. „Das ist unsere Stärke“, sagt Milz und lacht. „Wir harmonieren sehr gut.“ Die beiden Männer kennen die jeweils andere Familie, sie haben bereits mehrfach zusammen gegessen und gefeiert. Selbst Pizarros Familie aus Peru war schon bei Milz zu Besuch und teilweise sogar selbst auf der Behandlungsliege, so etwa der damals fünf Monate alte Sohn von Pizarros peruanischer Schwägerin. „Sven ist einfach sehr gut in dem, was er tut“, sagt Pizarro. „Er hat mir geholfen, meine Leistung zu verbessern.“

Daher empfahl er Milz in den vergangenen Jahren auch anderen Fußballern weiter. „Am Ende hatten wir 110 Bundesliga-Spieler regelmäßig bei uns in der Praxis“, sagt Milz. Die Spieler kommen aus ganz Deutschland extra in die Praxis nach Leuchtenburg angereist: aus Hamburg, Wolfsburg, Hannover, Frankfurt oder Berlin. Milz hat unter anderem schon Spieler wie den ehemaligen Werder-Profi Mikael Silvestre oder den früheren Bundesligaspieler Naldo behandelt. Pizarro hätte das Ganze erst ins Rollen gebracht.

Kooperation mit Werder gescheitert

Die Behandlungen bei Sven Milz bezahlen nicht die Vereine, sondern die Spieler aus eigener Kasse. „Das zeigt, dass die normale Behandlung im Verein nicht ausreicht“, sagt Milz. „Ich betrachte immer den ganzen Körper. Wenn Spieler Blockaden haben, kann es unter anderem an der Ernährung oder am Stress liegen.“ Auch bei Pizarro sei die Ursache vieler Muskelfaserrisse eine Nahrungsmittelunverträglichkeit gewesen. Pizarro stellte daraufhin vor einigen Jahren seine Ernährung komplett um. Bis heute isst er kein Weizen mehr.

Ob der Fußballer die Ergebnisse der Behandlung spüren würde? „Meine Leistung ist besser geworden, und man sieht es ja an den vielen Toren“, sagt Pizarro und zwinkert. Mit 109 Bundesliga-Treffern ist der Angreifer Rekordtorschütze von Werder. Milz hätte oft versucht, mit den Fußballvereinen wie Werder-Bremen zu kooperieren. Doch diese zeigten kein Interesse. „Ich finde das sehr schade. Man verschenkt hier viel Potenzial auch schon im Bereich des Nachwuchses“, sagt der Osteopath. „Da gibt es schon das Fußballinternat in Bremen, aber man nutzt es nicht. Maximal wird einer von zehn Spielern Profi. Mit meinen Behandlungen habe ich bereits vielen Spielern geholfen.“ Im Schnitt lassen sich die Spieler drei bis vier Jahre von Milz behandeln – bis auf Pizarro. Er blieb länger.

Trainerkarriere ausgeschlossen

„Sven ist ein wichtiger Ansprechpartner und Berater für mich geworden. Er kennt mich und meinen Körper. Ich vertraue ihm“, sagt Pizarro. Milz sei außerdem immer für ihn da gewesen. „Ich konnte ihn immer anrufen und ihn um Hilfe bitten. Danke dafür“, sagt der Torschütze zu Milz. Die aktuelle Situation sei für Pizarro nicht leicht. Er beendet seine Karriere mitten in der Corona-Pandemie und vor leeren Zuschauerrängen. „Natürlich ist das schwierig. Aber ich blicke nach vorne“, sagt der Peruaner. Wie seine Zukunftspläne aussehen, wolle er nicht verraten. Eines sei sicher: Trainer wolle er nicht werden. „Ich wäre bestimmt gut darin, aber ich brauche wieder mehr Zeit für mich und für meine Familie in München. Dort haben wir auch unser Haus.“ Sein jüngster Sohn geht noch in München zur Schule und möchte Torwart werden. Seine älteren Kinder wohnen in London.

„Das Ende meiner Karriere ist jetzt, und das ist auch gut so. Ich habe so viel erlebt und erreicht und bin dankbar für alles“, sagt der Fußballer. „Es hat eben alles seine Zeit“, sagt Milz zustimmend. Auch für ihn stellt sich das Leben um. Er wolle keine Profifußballer mehr behandeln. „Pizarro und die anderen Spieler kamen meistens nach Feierabend zu mir, wenn die anderen Patienten die Praxis schon verlassen hatten. Oft waren sie auch am Wochenende hier“, sagt Milz. Wie Pizarro brauche auch er mehr Zeit für sich, für seine Hobbys und für seine Familie. Einen Profisportler aus dem Leichtathletikbereich und einen Tennisspieler werde er auch weiter behandeln, hinzu kommen die Behandlungen all der anderen Patienten.

Die Nachfrage ist nach wie vor groß, sagt Milz. Seine Behandlungen reichen von chinesischer Medizin, Osteopathie, Physiotherapie, Neuraltherapie bis zu orthomolekularer Medizin und Labormedizin. „Wir sind breit aufgestellt und können eigentlich fast jedes Problem behandeln – von Blockaden und Muskelfaserrissen bis hin zu Lernschwächen. Selbst Hebammen empfehlen mich bei Schwangeren weiter, wenn die Kinder im Bauch falsch liegen.“

Wiedersehen beim Abschiedsspiel

Pizarro sei sein intensivster Patient gewesen. „Mit Pizarro begann die Behandlung der Profifußballer und sie endet damit auch“, sagt Milz. Ob Pizarro Bremen vermissen wird? „Auf jeden Fall. Ich liebe die Stadt und die Menschen. Hier konnte ich mich eigentlich immer frei bewegen, essen gehen. Es war sehr entspannt“, sagt der Fußballprofi. Er habe viele Freunde hier und werde auch weiterhin oft in Bremen sein. Außerdem: „Ein Teil meines Herzens schlägt für Bayern, der andere Teil für Bremen.“

Bei seinem Abschiedsspiel im kommenden Jahr soll Sven Milz dabei sein, als sein persönlicher Arzt und Assistent. „Du wirst auf jeden Fall einmal auf das Feld zu mir kommen. Mir fällt da schon etwas ein“, sagt Pizarro zu Milz und lacht. „Ich freue mich jetzt schon auf mein Abschiedsspiel – mit Zuschauern und mit Sven.“

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