Sauer über veränderte Profi-Anforderungen

„Cola und Zigaretten“

Früher war alles besser? Zumindest anders, sagt Werders Ex-Profi Gunnar Sauer. In den 80er-Jahren gab es Pommes vor dem Spiel und Cola und Zigaretten danach. Ausgesorgt hatten nach der Karriere nur wenige.
15.10.2019, 10:34
Lesedauer: 7 Min
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„Cola und Zigaretten“
Von Christoph Sonnenberg
„Cola und Zigaretten“
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Herr Sauer, die Gehaltsspirale im Fußball dreht sich immer weiter, die Summen werden immer höher. Bedauern Sie es, in den 80er- und 90er-Jahren Profi gewesen zu sein und nicht heute?

Überhaupt nicht, es war eine tolle Zeit. Rudi Völler hat damals als einziger Spieler bei uns siebenstellig verdient. Ich wurde von einem Journalisten gefragt, ob dadurch Neid entsteht. Warum sollte das so sein, habe ich zurückgefragt, ich bin doch für mich selbst zuständig. Meine Verträge hab ich damals selbst ausgehandelt, mit anderen Vereinen habe ich alleine verhandelt. Ich war von niemandem abhängig. Diese Selbstständigkeit geht den Spielern heute häufiger ab.

War es ungewöhnlich, dass Sie keinen Berater hatten?

Das war Normalität, nur wenige Spieler hatten Berater. Wir haben uns damals vor Verhandlungen in der Kabine untereinander abgesprochen. Da hieß es zum Beispiel: „Bei Willi (Lemke; Anm. d. Red.) darfst du nicht unterschreiben. Du musst mindestens beim Präsidium sitzen, erst da kannst du unterschreiben.“ Aus heutiger Sicht mögen die damaligen Summen ein Witz sein, als junger Kerl war das damals viel Geld.

Berater sind auch Ansprechpartner für andere Klubs, die den Spieler verpflichten möchten. Wurden Sie damals direkt vom Manager oder Präsidenten angerufen?

Vom Interesse Borussia Dortmunds habe ich über Bekannte erfahren, die bei Heimspielen im Weserstadion waren. Die kannten wiederum jemanden beim BVB, der hatte sie angesprochen. Dann gab es einen Kontakt und ich bin nach Dortmund gefahren, um zu verhandeln. Heute heißt das Netzwerk, damals kannte einer einen anderen.

Sie haben mit Werder Titel gewonnen, waren Nationalspieler. Hatten Sie nach dem Ende Ihrer Karriere finanziell ausgesorgt?

Nein, mit Sicherheit nicht. Der Großteil der Bundesligaspieler hat, grob geschätzt, zwischen 300.000 und 500.000 Mark pro Saison verdient. Dazu kam mein eigener Anspruch, im Leben nach dem Fußball etwas Sinnvolles zu machen. Selbst wenn ich am Ende drei Millionen auf dem Konto gehabt hätte – und dann? Viel Geld musste man seinerzeit als Profi nicht ausgeben, man wurde ständig eingeladen. Nach der Meisterschaft 1988 hat der Besitzer des Restaurants „Altstadt“ zu uns gesagt: „Ihr könnt ein Jahr umsonst bei mir essen.“ Der eine hat es häufiger gemacht, der andere seltener.

Dicke Uhren, große Autos, teure Kleidung – Fußballer stehen häufig für einen extrovertierten Lebensstil. Wie war das bei Ihnen?

Ein Mercedes SL war der einzige Spleen, den ich mir geleistet habe. Auf den war ich wirklich so heiß, dass ich ihn mir gekauft habe. Als Thorsten Legat aus Bochum zu Werder kam, ist er im Porsche vorgefahren. Da hat Otto Rehhagel gleich am ersten Tag in der Kabine gesagt: „Thorsten, hier fährt nur einer Porsche. Und das bin ich.“ Am nächsten Tag kam er mit dem Peugeot 205 seiner Frau zum Training.

Das wäre heute eine große Geschichte …

Medial wurde es damals nicht großartig beleuchtet, was wir Spieler privat gemacht haben. Wir konnten uns relativ frei bewegen. Was in jungen Jahren durchaus vorteilhaft war.

War der Stellenwert eines Fußballers damals ein anderer, als er es heute ist?

Der Stellenwert war schon damals hoch, als Profi in Bremen war man ein Star. Die Bodenhaftung nicht zu verlieren und nicht zu denken, ich bin der Größte und Schönste, war nicht immer leicht. Rehhagel hat uns dann immer wieder eingefangen. Uli Borowka hat er mal in der Kabine eine Standpauke gehalten: „Uli, seien Sie vorsichtig, Sie bewegen sich auf Glatteis.“ Uli lief hochrot an, aber das saß. Otto hatte die Mannschaft im Griff.

Friedhelm Funkel hat sich gerade über die vielen komplizierten Muskelverletzungen gewundert. Sie würden „ein wenig dramatisiert“. Früher hätte man diese „ganz einfach Zerrung oder Muskelverhärtung“ genannt. Wird einiges im Fußball bewusst verkompliziert?

Es ist immer noch ein Spiel elf gegen elf. Es hat Entwicklungen gegeben, die es bei uns damals nicht gab. Vor allem taktischer Art. Als Aad de Mos plötzlich festlegte, dass auf dem Flügel nicht mehr überlaufen werden sollte, haben wir gedacht, der hat sie nicht mehr alle.

Wie lief eine Vorbereitung auf das nächste Spiel und den Gegner damals ab?

Otto hat sich vor dem Spiel alle Zeitungen geschnappt und dann gesagt, wer beim Gegner vielleicht wo spielen wird. Er hatte eine Flipchart, manchmal sagte er mitten in der Besprechung: „Haben Sie gestern den Boxkampf im Fernsehen gesehen?“ Dann hat er sich einen Spieler gegriffen, der ihm am nächsten saß, und ist ganz nahe an ihn herangerückt und hat gesagt: „Und so müsst ihr in die Zweikämpfe gehen!“ Das war sehr authentisch, so war Otto! Robin Dutt zum Beispiel haben die Spieler bei Werder „Professor“ genannt. Warum, kann ich mir vorstellen.

Gab es zu Ihrer Zeit Trainingslager in der Sommer- oder Wintervorbereitung?

Wir sind hiergeblieben. Es gab keine Rasenheizung im Winter, wir haben unter den Bedingungen trainiert, unter denen wir auch gespielt haben. Rasenheizung gab es meines Wissens nur in München. In den restlichen Stadien war der Boden gefroren. Manchmal hat Otto uns gefragt, ob wir ins Trainingslager wollen. „Oh, nö, Trainingslager wollen wir nicht“, haben wir geantwortet.

Wie oft haben Sie trainiert?

Sechsmal die Woche. Auslaufen nach dem Spiel kam dann irgendwann mal auf. Wenn ich am Sonntag morgens um 6 Uhr aus der Diskothek kam, musste ich um 10 Uhr zum Training.

Da waren Sie aber nicht der einzige Spieler, oder?

Nein, sicherlich nicht, obwohl ich zu der Zeit Junggeselle war, die meisten waren verheiratet. Verheiratet zu sein, war für Otto gleichbedeutend mit einer Verantwortung gegenüber dem Job. Dass da geordnete Verhältnisse herrschen. Ich habe mich trotz meines Junggesellendaseins professionell verhalten. Alkohol habe ich nur selten getrunken. Ernähren musste ich mich auch richtig, um Höchstleistung zu bringen. Mit Cola und Pommes hätte das nicht funktioniert. Da habe ich im Training sofort eine Rückmeldung des Körpers bekommen. Andere hatten damit kein Problem, Thomas Wolter zum Beispiel. Wir haben uns damals oft mit mehreren Spielern bei ihm getroffen, um Europapokalspiele im Fernsehen zu sehen. Thomas hatte einen riesigen Süßigkeitenschrank. Er konnte essen, so viel er wollte, ihm hat das nichts ausgemacht.

Ernährungsberater gab es nicht?

Nein, da konnte man ein Baguette mit in den Bus nehmen, ohne suspendiert zu werden. Als ich die Geschichte von Melvyn Lorenzen gelesen habe, habe ich mich schlappgelacht. Bei uns gab es drei Stunden vor dem Spiel im Park Hotel Filetsteak mit Pommes und Sauce Bernaise. Wahrscheinlich haben wir damals alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. In der Nationalmannschaft stand Franz Beckenbauer im Training mal neben mir und sagte: „Na Gunnar, vielleicht lässt du mal den Nachtisch weg.“ Auch da gab es keinen Ernährungsberater. Umgestellt habe ich meine Ernährung, als eine Verletzung am Fuß nicht ausheilte. Ein Physiotherapeut hatte mir empfohlen, mich bewusster zu ernähren. Danach verheilte die Verletzung und ich wurde so fit wie nie zuvor. Da wusste ich, dass ich mich dauerhaft entsprechend ernähren muss.

Heute essen die Spieler 30 Minuten nach Spielende in der Kabine Pasta mit Tomatensauce , um schnell Kohlenhydrate zu sich zu nehmen.

Bei uns gab es im Weserstadion in der Kabine das Arztzimmer von Dr. Meschede. Da stand ein Kühlschrank mit Cola und für die Raucher gab es einen großen Aschenbecher. Danach ein bisschen ins Entmüdungsbecken und dann ab nach Hause.

Wie groß war die medizinische Abteilung?

Wir hatten mit Holger Berger einen Physiotherapeuten bei Werder, er ist ja heute immer noch dabei. In der Nationalelf drei, das war Luxus.

Und der Trainerstab?

Otto als Trainer und Kalli Kamp als Co-Trainer. Es gab nicht mal einen Torwarttrainer.

Kein Fitness- oder Athletiktrainer, der das Aufwärmprogramm leitete?

Vor meiner Zeit als Profi gab es vor dem Training kein Aufwärmen. Mario Basler brauchte sich gar nicht warm zu machen. Eine Szene mit ihm habe ich genau vor Augen. Der ist raus, ohne sich zu dehnen oder zu bewegen, schnappte sich einen Ball und haute ihn aus 30 Metern exakt in den Winkel. Mario war in allen Belangen ein besonderer Typ.

Trainingspläne für den Sommerurlaub gab es nicht?

Damals hat man im Sommerurlaub Urlaub gemacht. Erst als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass es besser ist, auch im Urlaub aktiv zu sein.

Rehhagel stand in dem Ruf, im Training meist nur acht gegen acht spielen zu lassen. Richtig hart rangenommen hat er seine Mannschaft nicht?

Als Michael Schulz aus Dortmund zu Werder kam, hat er sich gewundert, wie wenig wir trainieren. Da haben wir ihm gesagt: „Dafür sind wir aber am Spieltag fit.“ Wir haben unter Otto sicher nicht am häufigsten trainiert. Aber er konnte Spieler sehr gut einstellen und motivieren. Otto hatte unglaubliche Autorität, das war wichtig. Danach kam Aad de Mos, der hatte alle Spieler gegen sich. Das muss man erst mal schaffen. Ging bei ihm aber schnell. Als das Präsidium uns seine Entlassung mitteilte, war zunächst Totenstille in der Kabine. Als sie raus waren, haben wir alle gebrüllt: „Yeeeeah!“

Es war für Aad de Mos schwierig, auf Rehhagel zu folgen.

Als wir 1995 nicht Meister wurden im letzten Spiel, war mir das vergleichsweise egal. Dass Rehhagel gegangen ist, das hat wehgetan. Bei der internen Vorstellung von Aad de Mos, die war im Presseraum des Weserstadions, saß er mit dem Präsidium auf dem Podium, wir Spieler davor. Er sagte: „Jungs, ich kenne euch alle. Ich kenne euch ganz genau. Hier, Frank Neubarth.“ Ich drehe mich zur Seite und denke: „Frank Neubarth? Das ist doch Rune Bratseth.“ Da hast du schon verloren! Wie Robin Dutt, der bei seiner Vorstellung sagte: „Wie sagt man hier im Norden: Mon, mon.“ So verliert man in sehr kurzer Zeit sehr viel Respekt. Ottos Stärke war, die Spieler auf den Punkt perfekt einzustellen. Das hat keiner so gut gekonnt wie er. Auch Beckenbauer nicht.

Beckenbauer soll seine Mannschaft sehr genau auf den Gegner vorbereitet haben.

Er stand da und hat über den Gegner gesagt: „Des is a guter Spieler. Und des is a guter Spieler.“ Das war die Ansprache. Vor einem Länderspiel in Finnland hatte Beckenbauer schon mit der Besprechung angefangen, als plötzlich Olaf Thon in den Raum kam. Beckenbauer sagte: „Ach, Olaf.“ Und Olaf sagte dann: „Scheint ja nicht aufgefallen zu sein, dass ich nicht da war.“ Das sind Kleinigkeiten, aber einem Trainer muss das auffallen. Fußballer sind hochsensibel, mit denen ein Trainer entsprechend umgehen muss.

Das Gespräch führte Christoph Sonnenberg.

Zur Person:

Gunnar Sauer (55) spielte von 1985 bis 1996 als Profi für Werder, wurde Meister, Pokal- und Europapokalsieger. Bei der EM 1988 stand er im Kader. Seit dem Karriereende arbeitet Sauer als Immobilienmakler.

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