Josh Sargent und seine Entwicklung bei Werder

Crashkurs im Männerfußball

Ein Musterschüler ist er nicht. Aber er hat verdammt viel Talent. Wegen der Ausfälle muss sich Josh Sargent nun viel schneller entwickeln, als es geplant war. Das fordert auch den Trainer, der ihn fördert.
29.10.2019, 17:29
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Crashkurs im Männerfußball

Strammer Schuss: Werder Angreifer Josh Sargent überzeugte in Leverkusen, hier gegen Lars Bender.

nordphoto

Man kann vieles über den jungen Wuschelkopf Josh Sargent sagen, aber sicher nicht, dass er ein Lieblingsschüler von Florian Kohfeldt wäre. Was auch daran liegt, dass beide unterschiedlich ticken. Wo Kohfeldt immer besser werden will und ehrgeizig an jedem Detail bastelt, um Werder fit für die Zukunft zu machen, da geht Sargent einfach gut gelaunt aufs Feld und spielt Fußball. Es lässt sich natürlich nicht überprüfen, aber wäre der junge Kohfeldt einst mit dem fußballerischen Talent eines Josh Sargent gesegnet gewesen, dann hätte er wohl alles für eine große Karriere in Bewegung gesetzt. Sargent bringt alles mit: Technik, Tempo, Kopfballstärke, Dribbling – aber man fragt sich bei ihm immer, ob er damit auch umzugehen weiß.

Das Beste am völlig unbekümmerten Sargent ist deshalb vielleicht, dass er erst 19 Jahre alt ist. Er ist nicht eines dieser perfekt geformten Talente aus den deutschen Nachwuchsleistungszentren, die schon als Teenager „18 Systeme rückwärts laufen können“, wie der frühere Nationalspieler Mehmet Scholl einst spottete. Sargent wurde in den USA anfangs gar nicht richtig gefördert, und auch als ihm internationale Freundschaftsspiele des Weltkonzerns „Nike“ im Jahr 2016 eine größere Aufmerksamkeit verschafften, führten Probetrainings in den Niederlanden bei der PSV Eindhoven und im Ruhrgebiet bei Schalke 04 noch nicht zu Profiverträgen, obwohl er in 44 Länderspielen des amerikanischen U 17-Nationalteams schon damals 25 Tore aufweisen konnte. Auch in Bremen musste er ein Trainingslager der U 23 nutzen, um sein Talent für höhere Aufgaben zu zeigen.

In den USA taugt er zum Hoffnungsträger

Dafür gelingen ihm andere Dinge spielend leicht: Nach seinem Bundesliga-Debüt für Werder im Dezember 2018 gegen Düsseldorf brauchte Sargent nur zwei Minuten für sein erstes Tor. Und bei seinem ersten Treffer in dieser Saison beim 3:2-Sieg gegen Augsburg schoss Sargent so ein krasses Lupfer-Tor, wie es sonst nur Weltstar Lionel Messi auf den Rasen zaubert. Nach dem Spiel mussten selbst seine Kollegen mal kurz auf Video nachschauen, wie er das hinbekommen hatte. Zum Gesamtpaket des jungen Mittelstürmers gehört aber auch, dass er nur ein Spiel davor oder danach völlig abtauchen kann und es dabei dann auch schafft, selbst einfache Vorgaben zu ignorieren. In der Rückrunde musste Kohfeldt den Angreifer für ein paar Wochen sogar mal ganz aus dem Betrieb nehmen, damit er nach all dem Rummel um seine Person im Kopf regenerieren konnte. Die USA sind eine große Sportnation und Sargent taugt nach drei Toren in zehn Länderspielen zum Hoffnungsträger. Doch auch dort passierte es: Nach einem Trainingslager sortierte ihn der Nationaltrainer für den Gold-Cup im Sommer gleich mal wieder aus.

Seine aktuelle Saison in Bremen sollte deshalb so etwas wie eine sanfte Weiterentwicklung werden, doch nun gerät sie zum Crashkurs in Sachen Männerfußball. „Dass er in dieser Saison mehr spielen sollte, war klar“, erklärt Kohfeldt, zumal Werder im Sommer beschloss, dem Sturmjuwel nicht durch eine Ausleihe mehr Spielpraxis zu verschaffen, sondern Sargent am Osterdeich selbst zu schleifen. Der Plan sah aber vor, Sargent immer häufiger als Einwechselspieler für Niclas Füllkrug oder Yuya Osako ins Spiel zu bringen. Doch weil beide mit schweren Verletzungen seit Wochen nicht spielen konnten, stieg Sargent sogar zur Stammkraft auf. „Wenn Yuya und Niclas da gewesen wären, dann hätte er nicht jedes Spiel von Anfang an gespielt“, sagt Kohfeldt, „denn ich hätte ihn gerne an der Seite der beiden ein bisschen wachsen lassen.“

„Es wird Schwankungen geben“

So aber musste sich Sargent durchbeißen. Zuletzt gegen Hertha (1:1) schoss er Werders einziges Tor und leitete die Szene durch einen Pass auf den Flügel auch mit ein, beim 2:2 nun in Leverkusen bereitete er den zweiten Bremer Treffer durch einen Querpass auf Davy Klaassen vor und zeigte gegen die kantigen Bayer-Verteidiger Jonathan Tah und Aleksandar Dragovic, dass er sich durch rustikale Zweikampfführung nicht mehr erschrecken lässt. „Josh definiert sich nicht mehr nur über eigene Offensivaktionen“, lobte Kohfeldt den Angreifer nach dem Spiel, „er hat auch Chancen vorbereitet und sehr gut gegen den Ball gearbeitet.“ Die größte Wertschätzung habe Sargent aber durch den Gegner erfahren, meinte der Trainer: „Wie Leverkusen ihn beachtet hat, das zeigt: Die wissen auch, dass sie ihn nicht frei stehenlassen können.“

Wie schon beim 2:2 in Dortmund musste sich Sargent als einziger Bremer Stürmer behaupten, quasi als Spitze eines Tannenbaum-Systems. Aber ohne Geschenke. Von den international erfahrenen Bayer-Verteidigern gab es deftige Gegenwehr. „Er hat sich da durchgekämpft, in Leverkusen und in den letzten Wochen“, lobt Kohfeldt, "das nötigt mir wirklich Respekt ab. Die letzten Wochen waren für Josh sehr gut, weil er viel gespielt hat.“ Sargents Bilanz: acht Spiele, zwei Tore, zwei Vorlagen. Seinen Marktwert sortierte das Internetportal „Transfermarkt“ zuletzt bei sechs Millionen Euro ein, Tendenz steigend. Gerade mit einem „Nike“-nahen US-Sportler lassen sich auch im europäischen Fußball noch andere Summen verdienen, eine gute Entwicklung vorausgesetzt. Deshalb war es klug, dass Werder Sargents Profi-Vertrag in diesem Frühjahr bis Juni 2022 verlängerte.

Doch Sargent ist kein Milot Rashica, der jede Hürde auf dem Weg zu einem Top-Fußballer scheinbar mühelos nimmt. Kohfeldt sagt dazu: „Josh ist sehr jung, deshalb werden auch wieder Schwankungen kommen. Und dann werde ich ihm wieder den Rücken stärken, denn man sieht, welches Potenzial in ihm steckt." Er wird seinen lockeren US-Boy weiter fördern. Auch wenn ihn das als Trainer im Grunde täglich fordert.

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