Dieter Burdenski über das Abstiegsjahr 1980

"Dann macht es klick"

Werder-Rekord-Spieler Dieter Burdenski erinnert sich im Interview an das 2:3 gegen Frankfurt im Abstiegsjahr 1980 und spricht über seine Hoffnungen für Sonnabend.
12.05.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Frank Büter

Werder-Rekord-Spieler Dieter Burdenski erinnert sich im Interview an das 2:3 gegen Frankfurt im Abstiegsjahr 1980 und spricht über seine Hoffnungen für Sonnabend.

Herr Burdenski, sagt Ihnen der Name Christian Peukert noch etwas?

Dieter Burdenski: Ja, das war der Frankfurter Torschütze zum 3:2. Er wurde eingewechselt damals und hat aus 25 Metern das Tor gemacht.

Damals, das war am 17. Mai 1980, der 32. Spieltag. Werder hat mit Ihnen im Tor in Frankfurt 2:0 geführt…

…und dann haben wir doch noch verloren. Damit waren wir praktisch abgestiegen. Das war ein trauriges Spiel, das würde ich am liebsten verdrängen – aber so etwas behält man dann doch im Kopf. Das war damals der Knackpunkt im Abstiegskampf.

Dieses Gegentor in letzter Minute, erzielt von einem Spieler, der für Frankfurt auch nur diese eine Minute in der Bundesliga gespielt hat, war es vermeidbar?

Es war ein Weitschuss, und der war nicht unhaltbar – das muss ich mal dazu sagen.

Es war also Ihre Schuld?

Ja, das könnte man so sagen.

Haben Sie sich hinterher Vorwürfe gemacht?

Ja, selbstverständlich! Ein Torwart ist dafür da, dass er Bälle hält und nicht reinkriegt. In der Saison waren es eben zu viele. Und das Tor zum Frankfurter 3:2 war auch so eins, das nicht hätte sein müssen. Aber es passte zu einer Saison, in der viele Sachen nicht so gelaufen sind, wie wir uns das vorgestellt hatten. Und am Ende waren wir dann in der Zweiten Liga.

In dem Spiel ist also offenbar vieles schief gelaufen …

… dabei waren wir eigentlich die überlegene Mannschaft und hätten es auch verdient gehabt zu gewinnen. Die beiden Gegentore zum 2:2 fielen nach individuellen Fehlern in der Abwehr – ähnlich so, wie es jetzt dem VfB Stuttgart geht.

Sie sagen, Werder war nach dem Spiel in Frankfurt praktisch abgestiegen.

Wenn man so ein Spiel verliert, dann macht es klick. Dann weiß man, das war’s! Das war ein Schlüsselspiel. Hätten wir das gewonnen, hätten wir das noch umgebogen und den Klassenerhalt geschafft.

Wie ist Ihre Mannschaft nach dem Abpfiff mit der Situation umgegangen?

Jeder hatte erst mal mit sich selbst genug zu tun. Jeder hat innerlich mit sich selbst gekämpft und versucht, das zu verarbeiten.

Gab es Schuldzuweisungen oder gegenseitige Vorwürfe?

Gesprochen oder gar hitzig diskutiert wurde da nicht. Jeder hatte eine Schockstarre – da ist dann jedes Wort zu viel.

Wie war es in den Jahren danach, wenn Sie mit Frankfurt zu tun hatten? Ist da ein Trauma zurückgeblieben?

Nein, überhaupt nicht. Frankfurt war nie ein Angstgegner, sondern immer eine Mannschaft, gegen die wir gern gespielt haben – trotz des einen schwarzen Moments. Und in den Heimspielen haben wir auch meistens gewonnen.

Jetzt trifft Werder am 34. Spieltag der aktuellen Saison auf Frankfurt. Was lässt Sie hoffen, dass die Eintracht am Sonnabend in diesem Abstiegsendspiel nicht erneut Schicksal spielt für Werder?

Die Voraussetzungen sind etwas anders als damals. Ich gehe davon aus, dass dieses Spiel nur darüber entscheidet, wer Drittletzter wird und wer drin bleibt. Stuttgart wird nicht in Wolfsburg gewinnen, da glaube ich nicht dran, die sind mausetot. Im schlechtesten Fall müssen wir eine Relegation spielen.

Sie haben als Spieler ja selbst eine solche Situation erlebt: Was geht in der Woche vor so einem bedeutsamen Spiel in den Köpfen der Profis vor?

Die Spieler werden sehr viel damit konfrontiert, sie werden beim Bäcker oder sonst wo darauf angesprochen. Das ist eine ganz erhebliche psychische Belastung. Ich habe immer gesagt: Es gibt zwei Arten von Belastung. Einmal gibt es die Belastung, um die Deutsche Meisterschaft zu spielen. Das ist aber eine ganz andere, als wenn du um die Existenz eines Vereins spielst.

Was würden Sie den Spielern raten?

Sie müssen versuchen, die negativen Gedanken nicht so an sich rankommen zu lassen. Fußball ist doch eine schöne Sache. Es macht ja Spaß, vor Zuschauern zu spielen. Du kannst dich zeigen, du kannst dich präsentieren.

Ihr Rat lautet also: positiv denken?

Man muss das positiv sehen. Das ist ein Spiel, das keiner gerne hat. Aber man muss sich auf so ein Spiel auch freuen, ganz klar. Das ist ein tolles Spiel. Ganz Deutschland schaut auf dieses Spiel. Nicht nach oben oder zu den Bayern – das ist alles gelaufen. Aber das hier, das ist das Spiel, das Millionen von Menschen interessiert. Das ist ein Traum – wunderbar.

Sie haben eben das Wort Existenz bemüht.

Mit dieser Problematik sollte man sich nicht zu sehr beschäftigen. Es geht nicht um Leben und Tod in diesem Spiel. Erst mal geht es um den drittletzten Platz. Aber auch bei einem Abstieg geht das Leben ja weiter. Es wird keiner beerdigt danach.

Ein Abstieg hätte aber auch existenzielle Auswirkungen – das kann man ja nicht einfach weglächeln.

Mit der Problematik sollte man sich aus Spielersicht aber auch nicht zu sehr beschäftigen. Denn je mehr ich mich damit beschäftige, umso mehr komme ich in eine negative Phase. Das zieht dich nach unten.

Das Schreckensszenario Abstieg…

…muss man versuchen, aus den Köpfen rauszukriegen, ganz ehrlich. Es ist kontraproduktiv, zu überlegen: Hach, was wäre wenn und was wird dann aus den ganzen Mitarbeitern im Verein? Das ist das Schlimmste, was man machen kann. Im Augenblick ist noch gar nichts passiert, noch ist keiner abgestiegen.

Trotzdem steht die Frage im Raum: Was bedeutet ein Abstieg für den Verein und für die Stadt?

Jeder macht sich so seine Gedanken, das ist doch klar, das ist doch berechtigt. Als Spieler beschäftige ich mich mit dem Szenario aber erst dann, wenn es wirklich so ist. Aus Managementsicht ist das sicherlich eine andere Kiste.

Wie nahe geht Ihnen persönlich die aktuelle Situation? Wie sehr leiden Sie mit?

Wenn man ein Vierteljahrhundert für den Verein gespielt und gearbeitet hat, geht einem das schon nahe. Und ich bin auch bei sehr, sehr vielen Heimspielen dabei. Aber ich weiß auch, dass es im Leben immer weiter geht.

Werden Sie das Spiel am Sonnabend in Ihrer Loge verfolgen?

Nein, ich habe eine Veranstaltung in Paris und werde mir dort das Spiel anschauen. Ich habe das extra so gelegt, dass zu der Zeit kein Meeting ansteht – das ist alles geregelt.

Wie haben Sie zuletzt die Stimmung in der Stadt erlebt?

Man sagt ja, die Bremer sind etwas unterkühlt. Aber was ich hier an Begeisterung und Unterstützung gesehen habe, wie sich die Fans gegenüber Werder Bremen und der Mannschaft gezeigt haben, das ist à la bonne heure. Ich glaube, es gibt keinen zweiten Verein in Deutschland, bei dem die Fans ein so enges Verhältnis zum Team haben und so viel Herzblut reinlegen.

Kein anderer Verein?

Nein, kein Bayern, kein Schalke, kein Dortmund. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Werder-Fans ja in den letzten drei Jahren im Weserstadion nicht gerade Verwöhn-Fußball geboten bekommen haben. Und in dieser schweren Stunde stehen sie jetzt wie ein Mann hinter dieser Mannschaft – das ist fantastisch.

Herr Burdenski, zum Schluss brauchen wir noch einen Tipp von Ihnen: Wie geht es der Bremer Fan-Seele am Sonnabend um 17.20 Uhr?

Ich habe keine Angst. Werder ist stark genug. Werder hat die Qualität. Ich bin davon überzeugt, dass Werder dieses Spiel gewinnt.

Das Gespräch führte Frank Büter.

Dieter Burdenski ist mit 444 Bundesliga-Einsätzen Werders Rekordspieler. Der heute 65-Jährige hat darüber hinaus für den FC Schalke 04 und Arminia Bielefeld in der Bundesliga gespielt. Unter den Bundestrainern Helmut Schön und Jupp Derwall stand Burdenski, der bei Werder auch Ehrenspielführer ist, zwölf Mal im Tor der Nationalelf. Mit seiner Firma Burdenski Events organisiert
er Reisen, Trainingslager und Turniere.

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