Ärger um Abbau der Skulptur am Weserstadion

Das Bein des Anstoßes

Kürzlich wurde das bekannte steinerne Bein vor dem Ostkurvensaal abgebaut. Da die Genehmigung dafür fehlte, wird die umstrittene Statue möglicherweise jedoch wieder aufgestellt.
27.09.2019, 16:33
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Das Bein des Anstoßes
Von Christoph Bähr
Das Bein des Anstoßes

Die Skulptur vor dem Ostkurvensaal wurde am 17. September abgebaut.

nordphoto

Jeder kannte sie, kaum einer wusste jedoch, was wirklich dahinter steckt. So wie am Hamburger Volksparkstadion eine riesige Statue des Fußes von Uwe Seeler steht, steht halt am Weserstadion eine Statue des Beins von Horst-Dieter Höttges – dachten zumindest fast alle. Kurios: Es gibt sogar ein Foto, auf dem Werder-Legende Höttges, Spitzname „Eisenfuß“, neben der Statue posiert. Inzwischen ist bekannt, dass die Skulptur gar nicht sein Bein zeigt. Das kam aber auch nur heraus, weil das steinerne Bein am 17. September mit Hilfe eines Presslufthammers entfernt wurde.

Das Fan-Projekt veröffentlichte eine Mitteilung zum Abbau, in der unter anderem stand, dass die Skulptur von einem ehemaligen Anführer der Hooligan-Gruppierung „Standarte Bremen“ während einer Resozialisierungsmaßnahme angefertigt wurde. Aufgrund dieses „fragwürdigen Hintergrunds“ und da der Erschaffer zu früheren Zeiten „eine rechtsradikale Gesinnung offen zur Schau getragen“ habe, sei während der Mitgliederversammlung des Vereins Fan-Projekt Bremen der Wunsch aufgekommen, die Skulptur durch ein anderes Kunstwerk zu ersetzen. Der Vorstand des Vereins veranlasste daraufhin, dass das steinerne Bein abgebaut wurde, doch längst nicht alle sind damit glücklich. „Die Skulptur ist ein öffentliches Kunstwerk, das nicht dem Fan-Projekt gehört und nicht einfach aus dem öffentlichen Raum entfernt werden kann“, meint Thomas Hafke.

Unverständnis über den Abbau

Der Sozialarbeiter arbeitete rund 30 Jahre beim Fanprojekt, bis ihm 2017 nach internen Differenzen gekündigt wurde. Hafke war in den 90er-Jahren beteiligt an dem Kunstprojekt, bei dem die Statue entstand. Über den Künstler sagt er: „Ich weiß, dass er Hooligan und rassistisch, aber vor allem Junkie und Knacki war und ich genau deswegen mit ihm gearbeitet habe.“ Hafke kann nicht nachvollziehen, warum die Skulptur, die seiner Ansicht nach „keinerlei Bezüge zum Rechtsextremismus“ habe, entfernt wurde. „Das Fan-Projekt ist keine politische Organisation, die mit Ausgrenzung arbeitet, sondern eine Einrichtung der Sozialen Arbeit für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Stadt, die sich als Werder-Fans verstehen.“ Unter diesem Leitgedanken sei die Statue entstanden, sagt Hafke. In das Resozialisierungsprojekt für Gefängnisinsassen waren damals auch die Justizvollzugsanstalt Oslebshausen, die Bremische Straffälligenbetreuung, der Verein „Mauern öffnen“ für Kunst von Strafgefangenen und die Kulturbehörde der Stadt involviert.

In der Behörde hat der Abbau der Statue nun alle überrascht. „Dieser hätte mit der Kulturbehörde abgesprochen werden müssen, weil unser Haus sie im Rahmen der Kunst im öffentlichen Raum in Zusammenarbeit mit der Bildhauerwerkstatt aufgestellt hat. Dies ist aber nicht passiert. Unsere zuständige Referatsleiterin wurde nicht informiert“, erklärt Behördensprecherin Alexandra Albrecht. Es soll nun Gespräche mit dem Fan-Projekt geben, um das weitere Vorgehen zu erörtern. Laut Albrecht ist es denkbar, dass die Statue wieder aufgestellt wird, eventuell an einem anderen Ort in Stadionnähe. Dafür müsste sie allerdings erst einmal repariert werden, denn beim Abbau brach ein steinerner Zeh ab.

Neue Ideen gesucht

Für den bisherigen Platz der Skulptur am Eingang zum Ostkurvensaal sucht das Fan-Projekt bereits nach Ideen für ein neues Kunstwerk. Die Fanszene sei dazu aufgerufen, sich einzubringen, sagt Uwe Jahn, der Vorsitzende des Fan-Projekts. Bisher sei bei ihm zwar noch kein Vorschlag eingegangen. Er gehe aber davon aus, dass dies bald geschehe. „Unsere Intention war es einfach nur, an der Stelle etwas Neues zu entwickeln. Wir wussten nicht, dass die Kulturbehörde darüber informiert werden muss“, erklärt Jahn, der sich gegenüber der Behörde gesprächsbereit zeigt.

Thomas Hafke hofft, dass das Ergebnis der Gespräche lautet, die Statue wieder aufzustellen. Für viele Fans habe das Kunstwerk einen besonderen Erinnerungswert, ist Hafke überzeugt. Der Sockel sei aus Abbruchsteinen der alten Ostkurve gebaut worden. Und Vorlage für die Skulptur sei nicht etwa Höttges gewesen, sondern ein anderer steinharter Werder-Verteidiger. „Für den Künstler war es das Bein von Uli Borowka“, sagt Hafke und weist darauf hin, dass sich der Erschaffer der Skulptur noch in anderen Bereichen engagiert habe: „Die Räume des Fan-Projekts in der Ostkurve wurden von ihm während seiner Resozialisierung als Freigänger der Justizvollzugsanstalt ausgebaut. Die Konsequenz wäre, die Räume des Projekts zu schließen.“

Aus Hafkes Sicht fördert das Fan-Projekt „antidemokratische Vorstellungen von Fangruppen“, indem es die Statue auf Wunsch einiger Fans abbauen ließ. Näher ins Detail gehen will er nicht. Hafke ist dafür bekannt, kritisch auf die Ultra-Bewegung zu schauen. Er sagt: „Die Aufgabe das Fan-Projekts wäre es, menschenfeindliche Einstellungen von jungen Werder-Fans durch sozialpädagogische Arbeit zu ändern.“ Genau das sei damals auch das Ziel des Kunstprojekts gewesen, bei dem die umstrittene Bein-Skulptur entstand.

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