Werder Bremen Das Gegentor-Problem

Bremen. Werder stellt sich beim Verhindern von Gegentoren nicht gerade clever an. 25 Treffer gab es in den vergangenen sieben Spielen, 17 davon in den letzten vier.
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Das Gegentor-Problem
Von Marc Hagedorn

Ob über die rechte Abwehrseite oder über die linke, ob aus dem zentralen Mittelfeld oder von den Außenpositionen: Werder stellt sich beim Verhindern von Gegentoren nicht gerade clever an. 25 Treffer gab es in den vergangenen sieben Spielen, 17 davon in den letzten vier. Die Entstehung dieser Tore haben wir etwas genauer unter die Lupe genommen.

Robin Dutt ließ auch gestern wieder fleißig das Verteidigen üben. Der Werder-Trainer ließ einen Angriff nach dem nächsten auf die Viererkette Santiago Garcia, Luca Caldirola, Assani Lukimya und Theodor Gebre Selassie zurollen. Daneben gab und wird es in dieser Woche noch „einige Videoanalysen“ geben, wie Linksverteidiger Garcia berichtete.

Keine Frage: Werder muss schleunigst die Defensive stabilisieren. Die Statistik liefert Zahlen des Schreckens: Werder hat mit 37 Gegentreffern die zweitmeisten Tore in der gesamten Liga kassiert, zuletzt in sieben Spielen 25, das sind zwischen drei und vier im Schnitt. „Das ganze Team muss gut verteidigen“, sagt Garcia.

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Die Erkenntnis ist nicht neu: Verteidigung beginnt schon ganz vorne. Werder praktiziert das auch: Die Stürmer Nils Petersen und Franco Di Santo gehen immer wieder früh auf den Gegner, das Mittelfeld müht sich, Räume eng zu machen, Überzahlsituationen zu schaffen und Druck auf den ballführenden Spieler auszuüben. Allein: Es bleibt meist beim Versuch. Zwischen Theorie und Praxis klaffen Lücken. Eine Analyse der 17 Gegentore in den jüngsten vier Spielen liefert ein paar interessante Erkenntnisse.

Werder übt im Mittelfeld zu wenig Druck auf den ballführenden Spieler aus: Der Bereich zwischen Mittellinie und eigenem Strafraum ist die Zone, die Cedrick Makiadi, Aaron Hunt, Philipp Bargfrede, Eljero Elia, Clemens Fritz oder Mehmet Ekici eigentlich beherrschen sollen. Tatsächlich aber nehmen die meisten Gegentore genau hier ihren Ausgang, etwa das dritte Tor gegen Hertha. Der Berliner Tolga Cigerci konnte den Ball aus dem rechten Mittelfeld vor dem 3:2 unbedrängt hoch und lang in den Bremer Strafraum schlagen; ein Kopfball von Peter Pekarik und eine Parade von Raphael Wolf später staubte Ronny ab. Bei den ersten beiden Hertha-Toren reichte jeweils schnelles Direktpass-Spiel, um aus dem Mittelfeld bis in den Bremer Strafraum zu gelangen. Kein Bremer Verteidiger oder Mittelfeldspieler kam an den Ball.

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Gegen Hoffenheim war es ähnlich: Vor dem 3:2 durfte Sejad Salihovic unbedrängt von Gebre Selassie aus dem linken Halbfeld flanken. Für Mainz leitete beim 3:2-Sieg in Bremen Sebastian Polter gleich zweimal aus dem Mittelfeld heraus mit lang gespielten Bällen Tore ein, einmal sogar aus der eigenen Hälfte. Auch die Bayern nutzten diese Schwäche: Bevor sich Fritz von Franck Ribéry vor dem 0:1 überlaufen ließ, hatte Werder im defensiven Mittelfeld keinen Zugriff auf den ersten (und damit vorentscheidenden) Passgeber Thiago bekommen. Anderes Beispiel: Vor dem 0:3 durch Ribéry war Flankengeber Thomas Müller überhaupt nur zum Zuge gekommen, weil zwei Bremer im Mittelfeld Mario Mandzukic nicht genug störten.

Werder ist über außen sehr verwundbar: Gegen Bayern war es fast wie bei einer Trainingsübung: Pass nach außen, Durchgehen bis zur Grundlinie, Hereingabe in die Mitte – Tor. Mal stand ein Verteidiger zu hoch (Garcia vor dem 0:4), mal griff er nicht energisch genug an (Garcia vor dem 0:5). Eine weitere Auffälligkeit ist, dass die meisten Treffer aus dem Fünfmeterraum heraus oder aus dessen Nähe fallen – und zwar in der Zone, die eigentlich Assani Lukimya zu verteidigen hat (siehe Grafik). Zufall oder nicht? Die Bayern jedenfalls spielten den Ball immer in Lukimyas Bereich, also an den kurzen Pfosten, wenn sie über die linke Seite kamen, und an den langen Pfosten, wenn sie über die rechte angriffen.

Werder kann trotz Überzahl Gegentore nicht verhindern: Vor dem 7:0 schüttelte Mario Götze im Strafraum drei Gegenspieler ab. Bei Ribérys 6:0 standen drei Münchner gegen fünf Bremer. Und Ronnys 3:2 am vergangenen Freitag fiel, obwohl reichlich Zeit gewesen wäre, die Situation zu klären, nachdem Wolf den ersten Versuch noch abgewehrt hatte. „Wir sind oft nicht wach genug“, sagte Aaron Hunt gestern, „ich hoffe, dass da einige mehr an sich arbeiten.“ Thema in den Besprechungen ist dieses Problem offenbar ausführlich gewesen.

Werders Verteidiger verhalten sich oft zu ungeschickt: Drei Elfmeter hat Werder in den jüngsten vier Spielen kassiert; einmal war Garcia zu ungestüm, einmal Makiadi, zuletzt Gebre Selassie, dazwischen produzierte Lukimya noch ein Eigentor gegen die Bayern. Auffällig: Immer wenn es dem Gegner gelingt, Caldirola oder (vor allem) Lukimya aus dem Zentrum zu locken, wird es gefährlich; der gegnerische Mittelstürmer lässt dann als Doppelpasspartner den Ball kurz prallen, dreht sich um den herausgerückten Innenverteidiger und hat freie Bahn. Eine Frage der Qualität? Bei Werder verneint man das. Die jüngsten Eindrücke sprechen zwar eine andere Sprache. Santiago Garcia sagt trotzdem: „Ich sehe Fortschritte.“

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