Chancen auf die Europa League "Das ist Wahnsinn"

Nach dem 1:0 im Nordderby korrigiert Werder Bremen langsam seine Ziele. Der Klassenerhalt ist abgehakt, jetzt geht der Blick in der Tabelle nach oben: Tabellenplatz sieben soll gehalten werden.
20.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Marc Hagedorn Andreas Lesch

Viktor Skripnik spricht ein wirklich wunderbares Deutsch. Es mag holpern und fehlerhaft sein, aber gerade deswegen drückt es so viel mehr aus als mancher perfekt formulierte, formvollendet geschliffene Satz. „Für uns ist das eine Riesen-Erleuchtung“, hat Werders Trainer nach dem 1:0 seiner Mannschaft am Sonntag gegen den Hamburger SV gesagt.

Gemeint hat er eine Riesen-Erleichterung, aber natürlich ist die Riesen-Erleuchtung das hübschere Wort gewesen – und das stimmigere sowieso: Werder leuchtet ja tatsächlich wieder nach diesem Erfolg, Werder hat den Grauschleier der vergangenen Wochen verscheucht. Franco Di Santos Elfmetertor in der 84. Minute hat den Klub auf Rang sieben der Bundesliga gehoben. Nach dem Abpfiff haben die Spieler minutenlang mit ihren Fans gefeiert. Die grün-weiße Welt sieht plötzlich wieder freundlich aus.

Natürlich hat der späte Treffer die Bremer Bewertungen der Partie ein wenig milder gemacht. „Dieser Sieg zeigt, dass wir uns weiterentwickelt haben – und dass wir ruhig und sachlich bleiben können, auch wenn wir nicht so gut spielen“, sagte Verteidiger Sebastian Prödl. „Unser Konzept ist aufgegangen.“ Der Erfolg sei gerecht gewesen, „weil wir die nötige Geduld und das nötige Können hatten“, so Prödl. Immer wieder hätten er und seine Kollegen kommuniziert: „Wir müssen nichts überstürzen. Wenn jemand kommen muss, dann der HSV.“ Als der unfassbar harmlose HSV dann aber doch nicht kam, „haben wir nachgebohrt“, wie Prödl es formulierte. Das Bremer Bohren führte dazu, dass Mittelfeldmann Zlatko Junuzovic im Hamburger Strafraum von Valon Behrami zu Fall gebracht wurde, Behrami Rot sah und Angreifer Di Santo den anschließenden Strafstoß so souverän ins Netz drosch, dass Kapitän Clemens Fritz lobte: „Dafür haben wir ihn. Hat er gut gemacht.“

Lesen Sie auch

Wenn die Hamburger diesen einen entscheidenden Fehler nicht gemacht hätten, dann hätten sie, trotz ihrer absolut zweitligareifen Leistung, wohl nicht verloren. Und die Bremer hätten, wie in der Vorwoche in Stuttgart, wieder den Tabellenletzten nicht bezwungen. Sie spielen noch längst nicht wieder mit dem Schwung, der Begeisterung und der Unbeschwertheit, die die ersten Monate unter Viktor Skripnik geprägt haben. Sie und ihr nicht mehr ganz so neuer Trainer sind im Alltag angekommen, der zäh ist und manchmal ganz schön nervig.

"Er war wieder der Zladdi, den wir kennen"

Lesen Sie auch

Im Nordderby haben die Bremer bewiesen, dass sie diesen Alltag meistern können. Und sie haben gemerkt, wie gut ihnen dieser Beweis tut. „Das war ein Spiel, das viele Nerven gekostet hat“, gestand Trainer Skripnik. Kapitän Fritz berichtete: „Der Druck war da. Die Stadt, die Fans haben den Sieg einfach erwartet.“ Die Bremer mochten nicht hinnehmen, dass ihr Klub nach den sieglosen Spielen gegen Köln, Mainz und Stuttgart die Saison im Nirwana der Tabelle beendet. „Wir waren alle unzufrieden“, sagte Skripnik. Und jetzt, nach dem 1:0? „Jetzt können wir mit etwas mehr Fröhlichkeit und etwas weniger Stress spielen“, sagte Di Santo. Skripnik fügte an: „Ich hoffe, die drei Punkte beruhigen uns.“

Vermutlich ist der Auftritt vom Sonntag eine relativ realistische Antwort auf die Frage, wie gut Werder zurzeit ist. Werder ist wahrscheinlich nicht so stark wie bei seiner Siegesserie zu Beginn der Rückrunde – aber gewiss auch nicht so schwach wie zuletzt beim 2:3 in Stuttgart. Wie gut Werder genau ist, hängt sehr davon ab, wie seine wichtigsten Kräfte funktionieren. Gegen den HSV erwies sich nicht nur Di Santo als verlässlicher Torschütze. Auch Junuzovic wirkte endlich wieder prägend. Er habe „das Spiel gezeigt, das wir alle von ihm erwartet haben“, sagte Skripnik. „Er war wieder der Zladdi, den wir kennen. Er war der Schlüssel für uns.“ Ein zweiter Schlüssel war, dass Skripnik selbst zu dem Wagemut zurückgefunden hat, der ihn zu Beginn seiner Amtszeit ausgezeichnet hatte: Durch fünf Umstellungen in der Startformation signalisierte er den Spielern, dass jede Partie ein Aufbruch, ein Neuanfang sein kann.

Lesen Sie auch

Bleibt die Frage, wohin der jüngste Aufbruch noch führen kann. „Ich schau’ mir heute Abend ganz in Ruhe noch mal die Tabelle an, und dann können wir die Tage noch mal drüber reden“, sagte Kapitän Fritz. Auch sein Kollege Prödl mochte den Einzug in die Europa League noch nicht zum offiziellen neuen Saisonziel ausrufen: „Ein Derbysieg kann immer eine Initialzündung sein, aber wir müssen schauen, wo wir herkommen.“

Geschäftsführer Thomas Eichin klang da schon offensiver. „Den Platz, den wir haben, wollen wir jetzt verteidigen – und am liebsten den Abstand noch vergrößern.“ Trainer Skripnik befand: „Siebter Platz, das ist Wahnsinn.“ An diesem Wahnsinn gelte es nun zu arbeiten: „Wir wollen uns weiter verbessern. Wir kämpfen schon um mehr. Wir gucken: Was macht Hoffenheim, Augsburg, Dortmund, Schalke?“ Heißt: Der Blick geht nach oben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+