Sargent steht vor nächstem Schritt

Das Jahr nach dem Märchen

Im Jahr 2018 hat Josh Sargent jede Hürde deutlich übersprungen. Schafft er es in der Rückrunde nun regelmäßig in den Profikader?
05.01.2019, 20:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Jannik Sorgatz
Das Jahr nach dem Märchen

Josh Sargent hat aus einem exotischen Fußballland den Weg nach Bremen gefunden. Dass es 300 Millionen Einwohner hat und im ewigen Medaillenspiegel der Olympischen Spiele auf dem ersten Platz steht? Geschenkt. Während seine Kollegen oftmals schon mit fünf Jahren ein Vereinstrikot getragen und den Traum vom Fußballprofi gelebt haben, ist Sargent in den USA sportlich ganz anders sozialisiert worden. Seine Liebe zum Sport hat der 18-Jährige lange polygam ausgelebt: American Football, Eishockey, Basketball, Baseball, Fußball - alles war dabei. „Als ich mit 14 zur Highschool gegangen bin, wusste ich noch nicht, ob ich Fußball oder Basketball spielen soll, aber dann fing es an, dass ich zu Jugendnationalmannschaften eingeladen wurde“, erzählt Sargent am Samstag in Werders sommerlichem Winter-Trainingslager in Südafrika. Erst mit 14, 15 Jahren habe er sich voll und ganz dem Fußball verschrieben.

2018 haben sie ihn gehegt und gepflegt in Bremen: Profivertrag am 18. Geburtstag, ein paar reine Trainingsmonate, Vorbereitung mit den Profis, Debüt in der U23, Testspiele bei den Profis, keine offiziellen Medientermine, doch unterdessen ließ sich Sargent nicht davon abhalten, in der Nationalmannschaft der USA sein persönliches Märchen weiterzuschreiben. 2017 war das Jahr gewesen, in dem er bei der U17- und U20-WM brillierte und so zum umworbenen Toptalent wurde. 2018 debütierte Sargent für die A-Nationalmannschaft und traf gleich beim Debüt. Sechs Einsätze und zwei Tore hatte er am Ende des Jahres auf dem Konto.

Ein Traum geht in Erfüllung

Das hätte in der Adventszeit besinnlich ausklingen können, doch das furiose Finale des Märchens sollte noch folgen. Am 7. Dezember feierte Sargent gegen Fortuna Düsseldorf sein Bundesligadebüt, 88 Sekunden später lag der Ball im Tor. Der Youngster hatte einen zunächst noch abgewehrten Schuss seines Teamkollegen Martin Harnik genau genommen auf der Torlinie über die Torlinie gedrückt. „In dem Moment habe ich gar nicht geglaubt, dass das gerade passiert. Da ist definitiv ein Traum in Erfüllung gegangen„, sagt Sargent. “Ich hätte mir keinen besseren Start in meine Bundesliga-Karriere vorstellen können.“ Mit Starts, die kaum besser hätten laufen können, kennt er sich wahrlich aus. Was die Frage aufwirft, ob Sargent nach dem Märchenjahr nun nicht zwangsläufig in eine Realität katapultiert wird, in der es schwierig wird, jede Latte weiterhin so deutlich zu überspringen.

„Ich bin definitiv bereit, Bundesliga zu spielen. Das habe ich ja auch schon gezeigt", sagt Sargent. Als Beweis dient sein insgesamt dritter, bislang längster und auch bester Einsatz im letzten Spiel vor Weihnachten bei RB Leipzig. Mit dem zweiten Torschuss in der Liga erzielte er sein zweites Tor, diesmal musste Sargent nach Yuya Osakos Zuspiel mehr dafür leisten. Die Quote von 23 Minuten für einen Treffer wird sich in Sphären einpendeln, die keine Schnappatmung verursachen. Immerhin wäre dies ein Indiz dafür, dass Sargent sich weitere Minuten erarbeitet. Er selbst betont: "Es gibt keine Garantie."

Sargent vertraut Kohfeldt

Der Rotschopf bleibt jedoch Werders spezielles Projekt. Dass Trainer Florian Kohfeldt sich dem Hype verwehrt, ist logisch. Nach dem Tor gegen Düsseldorf sei er zu ihm gekommen, erzählt Sargent, habe ihn in den Arm genommen und ihm gleich mit auf den Weg gegeben, dass er mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben solle. „Er hatte von Anfang an einen sehr guten Plan für mich“, sagt Sargent. In seiner ersten großen Medienrunde betont der Teenager mehrmals, als es darum geht, was über ihn berichtet wird: „Dem schenke ich nicht so viel Beachtung.“ Wie gut ihm das wirklich gelingt, wird die Zukunft zeigen.

In Johannesburg ist Sargents Position in der Hierarchie keine völlig andere als in der Hinrunde. Zwar ist er einige Schritte weiter als Co-Talente wie Manuel Mbom, Jan-Niklas Beste und Fridolin Wagner. Doch die Liste derer, an denen er vorbei muss, ist lang. Allein Yuya Osakos Teilnahme am Asien-Cup macht es Sargent ein Stück leichter. Vor einem Martin Harnik oder einem Claudio Pizarro müsste er sich für regelmäßige Einsätze trotzdem noch positionieren. „Wenn Josh hier am Ende der Saison sechs Bundesligaspiele hat, war das ein gutes Jahr für ihn und kein verlorenes“, sagte Kohfeldt im Dezember.

„Ich mag Harry Kane sehr gerne“

Der Trainer fühlt sich bestätigt vom Beispiel Johannes Eggestein, der in ganz jungen Jahren mit einem ähnlichen Hype wie Sargent fertig werden musste. Mit 20 Jahren hat es der jüngere der beiden Eggestein-Brüder zumindest an die Schwelle zum Stammspieler-Dasein geschafft. „Wir wollen einen Top-Stürmer entwickeln, um keinen kaufen zu müssen. Wenn wir im Sommer keinen kaufen müssen, haben wir schon viel richtig gemacht", fasste Kohfeldt das Ziel des Sargent-Projekts mal in Worte.

Einen Spieler, von dem er sich etwas abschaue und mit dem ihn einige Leute vergleichen, lässt Sargent sich nur schwer entlocken, sagt aber dann: „Ich mag Harry Kane sehr gerne." Der englische Stürmer hat mit 25 Jahren schon 159 Tore für Tottenham Hotspur erzielt. Anders als Kane muss Sargent jedoch neben dem hauptberuflichen Toreschießen eine fremde Sprache lernen, was dem US-Amerikaner nicht ganz so leicht fällt. "Ich gehe ein- bis zweimal in der Woche zum Deutschunterricht, aber ich habe schon mit einigen Leuten darüber gesprochen, öfter zu gehen", erzählt er. Josh Sargent steht eben immer noch am Anfang.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+