Werder-Boss Bode im Interview "Das Minimalziel lautet: drinbleiben"

Marco Bode spricht im WESER-KURIER-Interview über die Erwartungen an Alexander Nouri, Werders Ambitionen und darüber, was er von Ausstiegsklauseln hält.
09.08.2017, 19:44
Lesedauer: 7 Min
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Von Christoph Sonnenberg Patrick Hoffmann

Herr Bode, Werder startet am Wochenende mit dem Pokalspiel gegen Würzburg in die neue Saison. Wie wichtig ist dieses Spiel mit Blick auf die Stimmung im Team und im Umfeld?

Marco Bode: Es ist eine gute Chance, positiv in die Saison zu starten. Das haben wir in den vergangenen Jahren leider nicht so häufig hinbekommen. Gerade in der vergangenen Saison war die Pokal-Niederlage gegen Lotte so ein Negativerlebnis, das nachgestrahlt hat. Deshalb hoffe ich, dass wir es in diesem Jahr besser machen, das würde uns auch einen Schub für das schwere Auftaktprogramm in der Bundesliga geben.

Vor zwei Jahren ging es zum Auftakt ebenfalls gegen Würzburg und anschließend bis ins Halbfinale. Hat der Erfolg damals gezeigt, wie lukrativ ein gutes Abschneiden auch finanziell ist?

Von uns denkt jetzt keiner ans Geld, das sich im Pokal verdienen lässt. Das ist ein schöner Nebeneffekt. Es geht darum, sportlich im Wettbewerb zu bleiben. Der DFB-Pokal ist ein toller Wettbewerb. Ich persönlich war sechsmal als Spieler im Finale in Berlin. Das ist ein tolles Ziel für uns als Team.

Ist es denn realistisch, dass Werder den DFB-Pokal gewinnt?

Absolut. Im DFB-Pokal hat man immer eine Chance, weit zu kommen, auch wenn es ein weiter Weg ist. In der Liga den Titel zu gewinnen ist da schon deutlich schwerer…

Serge Gnabry ist weg, Claudio Pizarro und Clemens Fritz ebenfalls. Wie zufrieden sind Sie mit dem aktuellen Kader?

Es stimmt, wir haben einiges an Erfahrung verloren. Aber wir haben auch neue Persönlichkeiten hinzugewonnen. Thomas Delaney zum Beispiel oder Ludwig Augustinsson. Auch Max Kruse und Fin Bartels werden jetzt noch mehr Verantwortung übernehmen. Ich denke, wir sind insgesamt gut aufgestellt. Es liegt aber in der Verantwortung von Frank Baumann (Werders Sportchef; Anm. d. Red.) und Alexander Nouri (Werders Trainer; Anm. d. Red.) zu entscheiden, ob, und wenn ja, auf welcher Position wir am Kader noch etwas verändern wollen. Grundsätzlich bin ich der Auffassung, dass uns diese relativ geringe Fluktuation guttut. Es geht nicht darum, möglichst viele neue Spieler zu holen, auch wenn das für Fans und Medien interessant ist. Es geht um Kontinuität.

Gilt das auch für die Position des Trainers? In den vergangenen Jahren hat Werder relativ häufig den Trainer gewechselt. Was macht Sie zuversichtlich, dass Alexander Nouri länger im Amt bleibt als seine bei­den Vorgänger Viktor Skripnik und Robin Dutt?

In erster Linie seine Fähigkeiten, aber auch seine Begeisterungsfähigkeit, seine Leidenschaft für Werder und das Team. Ich habe die berechtigte Hoffnung, dass Trainer und Team eng zusammenstehen und erfolgreich spielen werden. Ich glaube, dass Alex das hinbekommen wird. Aber am Ende ist er wie jeder Trainer auch abhängig von Ergebnissen. Es ist auf jeden Fall ein wichtiges Jahr für ihn.

Wie meinen Sie das?

Es ist seine erste komplette Saison. Er hat die gesamte Vorbereitung mit der Mannschaft absolviert, anders als in der vergangenen Saison. Jetzt wird es spannend für ihn zu sehen sein, wie sich die Dinge entwickeln, ob seine Philosophie und die Art, wie er arbeitet, die Ergebnisse bringen, die er sich vorstellt.

Gibt es denn ein Saisonziel?

Unser Ziel muss es sein, die Menschen mit unserem Fußball zu begeistern. Wir wollen attraktiven und offensiven Fußball spielen, und besonders nach den Heimspielen sollen die Fans nach Hause gehen und stolz auf das Team sein. Aber ich tue mich schwer damit, einen Tabellenplatz zu nennen.

Warum?

Abgesehen von Bayern und Dortmund ist die Bundesliga sehr ausgeglichen. Wir haben das in der vergangenen Saison gesehen. Da haben Mannschaften, die weiter oben erwartet wurden, gegen den Abstieg gespielt. Wir wurden in der Rückrunde auf einmal nach oben gespült. So etwas kann immer wieder passieren. Wir wollen uns in den nächsten vier, fünf Jahren das eine oder andere Mal für den Europapokal qualifizieren. Aber ob uns das im nächsten Jahr oder erst in drei Jahren gelingt, ist schwer zu sagen. Das ist vielleicht etwas schwammig formuliert, aber es ist die Wahrheit. Im Fußball kann man keine stetige Entwicklung planen und sagen: In der vergangenen Saison waren wir Achter, jetzt werden wir Sechster und darauf das Jahr Vierter.

Gibt es denn ein Minimalziel für die Saison?

Das Minimalziel lautet: drinbleiben. Wir wollen mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben. Aber es wäre unrealistisch zu sagen, dass es nicht auch Phasen geben kann, in denen wir mal wieder mit unten drinhängen. Grundsätzlich wollen wir den Weg weitergehen, den wir in der Rückrunde eingeschlagen haben.

Frank Baumann ist seit einem Jahr Sportchef bei Werder. Wie beurteilen Sie seine Arbeit bislang?

Es kommt mir vor, als wenn er schon länger da wäre. Das eine Jahr war intensiv. Ich bin total glücklich mit Frank und seiner Arbeit. Er repräsentiert ziemlich perfekt die Werte, die Werder auszeichnen. Er hat eine gewisse Gelassenheit und ist trotzdem, auch wenn man ihm das manchmal nicht so ansieht, extrem ehrgeizig. Gleichzeitig versucht er, für möglichst gute Atmosphäre im Klub zu sorgen.

Dank dieser kreativen Ideen wurden im vergangenen Sommer unter anderem Serge Gnabry und Max Kruse verpflichtet. Gnabry hatte eine Ausstiegsklausel im Vertrag und ist weggekauft worden, bei Kruse wurde den ganzen Sommer über die Klausel diskutiert. Sind Spieler von dieser Klasse für Werder nicht mehr ohne Klausel zu bekommen?

Es gibt da einen gewissen Interessenkonflikt. Die Berater der Spieler neigen dazu, Ausstiegsklauseln für ihre Spieler auszuhandeln. Wir als Klub hingegen wollen das nicht. Deshalb müssen wir in jedem Einzelfall prüfen, was möglich ist. Vielleicht sollte man aber mal grundsätzlich im Fußball darüber nachdenken, ob Ausstiegsklauseln so viel Sinn ergeben.

Sie würden sich also wünschen, dass es keine Ausstiegsklauseln in der Liga gibt?

Ich wünsche mir das. Dass das rechtlich schwer durchsetzbar ist, ist mir klar. Aber dann hätten alle Vereine die freie Verhandlungshoheit, das wäre eine Verbesserung. Die Ausstiegsklausel bevorteilt ja in erster Linie Spieler und Berater.

Ein Trend im Fußball ist, dass Topklubs immer mehr Spieler unter Vertrag nehmen, um sie dann zu verleihen. So sichern sich finanzstarke Vereine frühzeitig die besten Talente. Eine gefährliche Entwicklung?

Viele Spieler haben sicherlich kein Interesse, ständig hin und her geschoben zu werden, sie wollen ihre Karriere selbst kontrollieren. Wir wollen generell wenig Leihspieler, sondern welche, die sich hier wohlfühlen, identifizieren und festlegen. Ganz ausschließen wollen wir das Modell aber nicht.

Sprechen wir über Geld. Der VfB Stuttgart hat durch Investitionen von Mercedes plötzlich andere Mittel zur Verfügung. In Hannover kann sich Martin Kind noch stärker engagieren. Gerät Werder dadurch finanziell stärker unter Druck?

Ich bin da gelassen. Klubs wie Stuttgart, Hannover, Frankfurt, Mainz sind mit uns auf Augenhöhe. Da geht es darum, wer den besten Job macht. Dass Martin Kind das Zepter in Hannover schwingt, war ja schon in den vergangenen Jahren so.

Der VfB Stuttgart kann plötzlich Spieler wie Holger Badstuber oder Ron-Robert Zieler finanzieren. Ist der VfB durch Mercedes in der Lage, andere Transfers zu tätigen als Werder?

Einmalig über Zusatzeinnahmen zu verfügen, bietet die Chance zu investieren. Es muss sich aber erst herausstellen, ob sie damit einen guten Job machen. Wir haben in diesem Sommer nicht die Möglichkeiten, so viel zu investieren. Es besteht aber auch nicht die Notwendigkeit, und das finde ich gut.

Werder hat zunächst einen chinesischen Sponsor präsentiert, dann einen Kooperationspartner. Wird es weitere Verträge in China geben, beispielsweise auch mit einem Investor?

Ich bin sehr froh, dass wir internationale Partner gefunden haben. Und ich hoffe, dass es weitere gibt, nicht nur aus China. Wir diskutieren immer wieder die Möglichkeit eines Investors. Stand jetzt sind wir froh, unsere Unabhängigkeit zu haben. Trotzdem nutzt mit Hannover vielleicht ein weiterer Klub die Ausnahmeregelung bei 50+1. Das müssen wir intensiv beobachten. Aktuell macht es mir keine Sorgen, in den nächsten vier, fünf Jahren kann es für Werder aber ein gefährlicher Prozess werden.

Ist denkbar, dass der Kooperationspartner Yingsheng Sports Culture Development als Investor bei Werder einsteigt?

Ich halte das aktuell für sehr unwahrscheinlich. Wir forcieren das auch nicht.

Nächstes Jahr läuft der Vertrag mit Hauptsponsor Wiesenhof aus. Könnte der Nachfolger aus China kommen?

Denkbar ist das, aktuell spricht aber wenig dafür. Wir sind mit Wiesenhof als Partner sehr zufrieden.

Könnte Wiesenhof auf der Bremer Brust bleiben?

Vorstellbar ist auch das. Das müsste aber Klaus Filbry als Geschäftsführer beantworten.

Seit November 2016 ist der Aufsichtsrat zur Hälfte neu besetzt. Was hat sich dadurch verändert?

Es sind durchweg Persönlichkeiten und eigene Charaktere, Entscheidungen werden da schon mal heiß diskutiert. Es gibt neue Ideen, neue Kompetenzen und Netzwerke. Den Einfluss des Aufsichtsrates auf das operative Geschäft sollte man aber nicht überschätzen. Wir kontrollieren den wirtschaftlichen Bereich und unterstützen und beraten die Geschäftsführung in langfristigen strategischen Entscheidungen. Da haben wir ein gutes Niveau erreicht.

Ist es denkbar, dass Sie noch mal ins operative Geschäft, also in die Geschäftsführung wechseln?

Zurzeit ist das kein Thema, erst im Herbst ist der Aufsichtsrat für vier Jahre wiedergewählt worden.

Es macht Ihnen schon Spaß, in Prozesse einzugreifen.

Ich war schon ein bisschen enttäuscht, dass die Bayern, als sie einen Sportchef gesucht haben, nicht an mich gedacht haben. (lacht)

Sie sind ja schon jetzt sehr dicht am operativen Geschäft.

Und das macht mir auch Spaß, wahrscheinlich habe ich eine besondere Rolle in dieser Konstellation. Weil ich ehemaliger Spieler und Ehrenspielführer bin. Deswegen fragen mich die Medien ja auch immer wieder zu sportlichen Themen. Aber das tragen alle mit, das wird offen kommuniziert. Ich glaube, niemand hat damit ein Problem.

Das Gespräch führten Christoph Sonnenberg und Patrick Hoffmann.

Marco Bode ist Ehrenspielführer und seit Oktober 2014 Vorsitzender des Werder-Aufsichtsrates. Obwohl als Kontrolleur nicht für das Tagesgeschäft zuständig, ist der 48-jährige Ex-Nationalspieler meinungsfreudig und nimmt zu aktuellen Themen Stellung. Er sagt selbst: "Ich habe eine besondere Rolle."

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